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Clemens Brentano: Gedichte - Kapitel 77
Quellenangabe
titleGedichte
authorClemens Brentano
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typefable
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Wiegenlied eines jammernden Herzens

              O schweig nur, Herz! die drohende Sibylle,
Die dir durch deinen Frieden, Wehe! kreischt,
Den grimmen Geier, der dich so zerfleischt,
Bannt dir ein mildes Kind und deckt ganz stille
Die schreinde Wunde dir, mit Taubenflügeln,
Weckt dir den Morgenstern auf stummen Hügeln.

O schweig nur, Herz! Horch! Klang von Engelsschwingen!
Was zuckst du so? du mußt fein leise tun,
Wo man dir singet, wie so sanft sie ruhn,
Die Seligen, dahin wird man dich bringen,
Sei still! was schreist du? einsam ist kein Leben,
Kein Grab; schlaf süß; die Liebste träumt daneben.

O schweig nur, Herz! du hast ja nichts besessen,
Du läßt ja nichts zurück, wem trauerst du?
Auch deines Himmels Augen fallen zu,
Doch seiner Liebe Licht strahlt ungemessen;
Brichst du, bricht jenes Herz? wer bleibt, wird sagen,
O schönre Lust, halb hier, halb dort zu schlagen!

O schweig nur, Herz! du magst wohl selig schweigen,
Was schreist du nur! dir fiel ein süßes Los,
Dich wiegt die Unschuld ohne Grau'n im Schoß,
Aus tiefen Augen blickt dein Himmelszeichen;
Sei ihr nicht schwer, sei selig, träume, schwebe,
Wein um die Traube nicht, wein mit der Rebe!

O schweig nur, Herz! sonst nennt dich einen Raben
Die Liebste, die nur Tauben Futter gibt,
O diene still und treu, bis sie dich liebt,
Werd eine Taube, die nur will sie haben;
O selig, ihr als Taube zu gehören,
So lang sie sich der Raben wird erwehren!

O schweig nur, Herz! und lerne sel'ger schauen
Als andre, in die Huld, die sie umgibt,
Daß sie dir mehr, als allen andern gibt,
Das zwinge sie, dir stumm einst zu vertrauen,
Schweige, dulde, glaube, hoffe, liebe, baue
Dein Elend fromm, daß sie dir ganz vertraue!

Schweig Herz! Kein Schrei!
Denn alles geht vorbei,
Doch daß ich auferstand
Und wie ein Irrstern ewig sie umrunde,
Ein Geist, den sie gebannt,
Das hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Nur dieses Wunderband
Aus meines Wesens tiefsten Grunde
Zu ihrem Geist gespannt,
Das hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Doch ihrer Güte Pfand,
Jed' Wort aus ihrem lieben frommen Munde,
Folgt mir ins andre Land
Und hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Doch sie, die mich erkannt,
Den Harrenden, wildfremd an Ort und Stunde,
Ging nicht vorbei, sie stand,
Reicht mir die Hand.

Ja, alles geht vorbei,
Nur eines ist kein Tand:
Die Pflicht, die mir aus seines Herzens Grunde
Das linde Kind gesandt,
Die hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Doch diese liebe Hand,
Die ich in tiefer freudenheller Stunde
An meinem Herzen fand,
Die hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Nur dieser heiße Brand
In meiner Brust, die bittre süße Wunde,
Die linde Hand verband,
Die hat Bestand.

 


 

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