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Clemens Brentano: Gedichte - Kapitel 48
Quellenangabe
titleGedichte
authorClemens Brentano
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typefable
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Gesang der Liebe als sie geboren war

        O Mutter halte dein Kindlein warm
Die Welt ist kalt und helle,
Und leg es sanft in deinen Arm
An deines Herzens Schwelle.

Leg still es wo dein Busen bebt
Und hold herabgebücket,
Harr liebvoll, bis es die Äuglein hebt,
Zum Himmel selig blicket.

Du strahlender Augenhimmel du,
Du taust aus Mutteraugen
Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh!
An deinen Brüsten saugen.

Ich schau zu dir, so Tag als Nacht
Muß ewig zu dir schauen
Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,
Auch eine Wiege bauen.

Um diese Wiege laß Seide nicht,
Laß deinen Arm sich schlingen
Und nur deiner milden Augen Licht
Laß zu mir nieder dringen.

Und in deines keuschen Schoßes Hut
Sollst du dein Kindlein schaukeln,
Daß deine Worte so mild so gut
Wie Träume es umgaukeln.

Da träumt mir, wie ich so ganz allein,
Gewohnt dir unterm Herzen
Wie nur die Freuden und Leiden dein
Mich freuten und mich schmerzten.

Oft rief ich dir, komm! o Mutter komm!
Kühl dich in Liebeswogen,
Da fühltest du dich so sanft, so fromm
Zu dir hinabgezogen,

Mit meiner Seele hielt treu und warm
Ich dich in dir umschlungen,
Und hab dir kindisch Sorg und Harm
In Liedern weggesungen.

Was heilig in dir zu aller Stund,
Das bin ich all gewesen
O küß mich süßer Mund gesund,
Weil du an mir genesen.

So lallt zu dir mein frommes Herz,
Und nimmer lernt es sprechen,
Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts
Und möcht in Freude brechen,

Bricht's nicht in Freud', bricht's doch in Leid,
Bricht es uns alle beiden
Denn Wiedersehn geht fern und weit,
Und nahe geht das Scheiden.

O Mutter halte dein Kindlein warm
Die Welt ist kalt und helle
Und leg es leis, bist du zu arm,
Hin an des Grabes Schwelle.

Leg es in Linnen, die du gewebt,
Zu Blumen, die du gepflücket,
Stirb mit, daß wenn's die Äuglein hebt,
Bei Gott es dich erblicket.

 


 

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