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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 97
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Der Tochter Verzweiflung.

(Wahre Begebenheit. Paris, Oktober 1831.)

     

»Vermietet mir oben ein kleines Gemach,
Ein armes Stübchen unter dem Dach;
Es darf das Fenster bequem nur sein,
Zu schaun in die Tiefe der Straße hinein.«

Bejahend erhebt sich die Schaffnerin gleich –
Die junge Frau harrt zitternd und bleich –
Sie greift zum Schlüsselgebund und steigt
Sechs Treppen hinauf, – sie folgt und schweigt.

Sobald geöffnet, eilt sie im Lauf
Dem Fenster zu und reißt es auf,
Sie schaut in die Tiefe der Straße hinein –
»Ein Sprung! – es wird vollendet sein.«

Aufschreiend hat an das Kleid sie gefaßt
Die Schaffnerin und zürnet fast:
»Und wenn du verfallen der Hölle bist,
Was fängst du mich ein mit schnöder List?!«

Drauf wieder mild: »Verzweifle nicht
Und klage du mir, was das Herz dir bricht!
Hab' auch des Schmerzens Kralle gekannt;
Ein Herz, das blutet, ist meinem verwandt.

»Hab' andern Leidenden Trost gereicht,
Ich werde dir raten, dir helfen vielleicht;
Bei Gott ist Hilfe für viele Not,
Nur rettungslos ist einzig der Tod.« –

»Der Tod!« so jene dumpf und hohl,
»Er langt nach mir, er kennt mich wohl;
Hab' ihm gar edle Kost geschafft,
Nun will er auch mich mit aller Kraft.

O Mutter, Mutter! wie starr bist du?
Dein Mund verstummt, dein Auge zu!
So zogen sie dich aus dem Wasser heraus
Und stellten den Blicken der Leute dich aus.

Ich selber stieß, daß ihr es wißt,
Ich selbst sie hinein, – ein Zank, ein Zwist –
O Gott! um nichts, um einen Hund! –
Sie lies hin, warf in den Fluß sich zur Stund!

Da will und darf ich nicht in den Fluß
Und weiß doch wohl, daß ich sterben muß,
Und weiß –« Ein Schauder erfaßt sie wild,
Dann starrt sie versteint, ein Jammerbild.

Sie siehet nicht, sie höret nicht,
Was immer die Schaffnerin thut und spricht;
Nun wird sie gehn; zur Hilfe bereit,
Giebt jene heimlich ihr das Geleit.

Sie folgt ihr durch Straßen und Gassen, sie hat
Mit ihr erreicht das Ende der Stadt;
Am Markt, wo das Volk ihr den Weg verrennt,
Wird unversehens von ihr sie getrennt.

Sie spähet vergebens und fraget umher –
Was drängen sich dort die Leute so sehr? –
Vom Fenster dort oben – Ein junges Weib –
Gott sei uns gnädig! Dort liegt der Leib.

 


 

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