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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 93
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Das Auge.

                           

Dir ist der alte Müller bekannt,
Bolei, der wack're, wird er genannt,
Bettlägerig ins zwanzigste Jahr,
Der Geist noch kräftig, heiter und klar.

Ihn rührte der Schlag in der Schreckensnacht,
Wo vom Stall herüber, vom Sturme gefacht,
Der ungeheure Brand das Schloß
Ergriff und über das Dorf sich ergoß.

Wo's galt zu retten, war er dabei,
Der erste, der kühnste, der wack're Bolei;
Er meint' und sprang in die Glut hinein,
Der Stallknecht möchte zu retten noch sein.

Den Fritz begrub der lodernde Graus,
Selbst kam er mit brennenden Kleidern heraus,
Und wie darauf er ins Wasser sprang,
Ward er gelähmt auf sein Leben lang.

Sein Aug' ist wunderbarlich hell,
Den Kindern und Reinen ein freudiger Quell;
Doch nimmer den scharfen Lichtblick erträgt,
Wer selbst im Busen Nächtliches hegt.

Bolei war jüngst im Haus allein,
Es trat ein fremdes Weib zu ihm ein,
Ein Fäßlein Branntwein trug sie daher,
Den bot sie feil und rühmte ihn sehr.

»Es steht nach Branntwein nicht mein Sinn,
Geh' du mit Gott nur wieder hin.«
Sie ließ sich nicht abweisen und trat
Zudringlich näher und trotzte und bat.

Er sah sie an verwundert schier:
»Geh' du mit Gott! was suchst du hier?«
Sie machte frech der Worte noch viel,
Bis scharf sein Blick ihr ins Auge fiel.

Dem wollte sie nicht noch weichen sogleich,
Und wurde doch stumm und wurde doch bleich;
Da schrie sie auf: was sieh'st du mich an?
Was willst du? was hab' ich Böses gethan?

Er aber lag auf dem Lager dort,
Sah bloß sie an und sprach kein Wort;
Und zitternd stand sie gefesselt und schien
Unmächtig sich dem Blick zu entzieh'n.

Was willst du von mir, Entsetzlicher, sprich!
Laß ab von mir, was peinigst du mich?
Ich bin nicht schuldig: was hältst du Gericht?
Wend' ab dein Auge, halte mich nicht!

Er aber lag auf dem Lager dort,
Sah scharf sie an und sprach kein Wort.
Und heftiger immer erzitterte sie
Und rang, sich loszureißen und schrie:

Wend' ab dein Auge! was hast du erdacht?
Was hältst du mich fest? wer giebt dir die Macht?
Was dringt dein Blick mit dem blutigen Schein
Des lodernden Brandes so auf mich ein?!

Wer redet vom Brande? was geht der mich an?
Wie darfst du sagen: ich hab' es gethan?!
Ich sage: nein! was keiner weiß,
Das macht mich nicht bang und macht mich nicht heiß.

Er aber lag auf dem Lager dort,
Sah schärfer sie an und sprach kein Wort.
Sie rang, wie ihrer selbst nicht bewußt,
Da erscholl ein Schrei aus zerrissener Brust:

Du weißt es schon, daß ich es war!
Nun ja! nun ja! es ist doch wahr!
Der böse Feind hat mich versucht,
Die Liebe, was weiß ich? die Eifersucht!

Das weißt du, Fritz, der die Eh' mir versprach,
Ging jetzt der Anne Marie doch nach.
Ich hatt's ihm gesagt, und – als er schlief –
Das Messer war scharf, der Schnitt war tief. –

Er zappelte noch und röchelte bang!
Das Blut, das rann die Dielen entlang;
Er hatte des Blutes entsetzlich viel!
Es trieb der Böse damit sein Spiel.

Ja, wenn die Flamme das Blut nur leckt
Mit roter Zunge, so wird es verdeckt.
Und unten im Stalle war willig das Stroh,
Auf einmal flackert' es lichterloh!

Sie sprach's und stöhnte, und raffte sich auf
Und war verschwunden in schnellem Lauf.
Er sah ihr nach erschrocken fast,
Bis er zum Beten sich stille gefaßt.

 


 

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