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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 86
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Der neue Ahasverus.

         

Hegst im Herzen du die Stunden
Uns'rer Kindheit noch, die Träume,
All' mein Lieben, all' mein Hoffen?
Siehst du wandeln uns verbunden
Durch des Paradieses Räume,
Und die Zukunft vor uns offen,
Sternbeglänzt und ungemessen,
Wie des Äthers reines Blau?
Nein, Sie haben das vergessen,
          Gnäd'ge Frau.

Ja vergessen! und es sollen
Die französisch wohlgestellten
Worte für Erinn'rung gelten.
Mitleid also und Erbarmen
Schenken gnädig Sie dem Armen,
Dessen Thränen Sie entrollen
Sehen, ohne nur zu wissen,
Welch' ein Dämon ihn bethört.
O, du hast mein Herz zerrissen
          Unerhört.

Hab' in altem Buch' gelesen
Eine wundersame Sage,
Wer der ew'ge Jud' gewesen.
Nicht kann Ahasverus sterben,
Sterben nicht, noch Ruh' erwerben,
Bis der Herr am jüngsten Tage
Ruft die Toten aus dem Grabe,
Und auch er vernimmt das Wort;
Und er wankt am Wanderstabe
          Fort und fort.

Fürder durch der Erde Weiten
Rastlos, müden Fußes wallt er,
Läßt die Weltgeschicke fluten.
Menschenalter ihm Minuten,
Und Minuten Menschenalter,
Stehen still vor ihm die Zeiten,
Bleibt in ihm sein Herz, das alte,
Drin der alte Schmerz gebannt,
Lastend über ihm die kalte
          Schicksalshand.

Aber stets nach hundert Jahren
Treibt's nach Salem ihn zu wandern,
Von der Heimat zu erfahren.
Römer, Sarazenen, Franken
Wechselten, verdrängt von Andern,
Tempel und Altäre sanken,
Mauern und Paläste brachen,
Flüsse wandten ihren Lauf,
Neue Götter, neue Sprachen
          Stiegen auf.

Düster sinnt der Fremdgeword'ne
Über unbekannten Trümmern,
Daß im Geist er's wieder ordne;
Und er fragt, und fragt vergebens,
Keiner will um ihn sich kümmern;
Auf dem Grabe seines Lebens
Steht versteint der Sohn der Schmerzen,
Über ihn hin braust der Sturm,
Und in seinem alten Herzen
          Nagt der Wurm.

Ich bin Ahasverus, sag' ich!
Sieh' darauf mich an verwundert,
Salem du, wovor mir grauet.
Irrens müd', das Haar ergrauet,
Wank' ich heim nach aber hundert
Jahren und vergebens frag' ich,
Ruf' ich – in den öden Mauern
Weck' ich keinen Widerhall; –
Sieh' Versteinten mich betrauern
          Salems Fall.

 


 

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