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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 75
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Nach dem Dänischen von Andersen.

1.
Märzveilchen.

       

Der Himmel wölbt sich rein und blau;
Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.

Am Fenster prangt ein flimmernder Flor,
Ein Jüngling steht ihn betrachtend davor.

Und hinter den Blumen blühet noch gar
Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar.

Märzveilchen, wie jener noch keine geseh'n
Der Reif wird angehaucht zergeh'n.

Eisblumen fangen zu schmelzen an –
Und Gott sei gnädig dem jungen Mann.

2.
Muttertraum.

       

Die Mutter betet herzig und schaut
    Entzückt auf den schlummernden Kleinen;
Er ruht in der Wiege so sanft, so traut,
    Ein Engel muß er ihr scheinen.

Sie küßt ihn und herzt ihn; sie hält sich kaum,
    Vergessen der irdischen Schmerzen;
Es schweift in der Zukunft ihr Hoffnungstraum;
    So träumen Mütter im Herzen.

Der Rab' indeß mit der Sippschaft sein
    Kreischt draußen am Fenster die Weise:
Dein Engel, dein Engel wird unser sein!
    Der Räuber dient uns zur Speise!

3.
Der Soldat.

       

Es geht bei gedämpfter Trommel Klang;
Wie weit noch die Stätte! der Weg wie lang!
O wär' er zur Ruh' und alles vorbei!
Ich glaub', es bricht mir das Herz entzwei!

Ich hab' in der Welt nur ihn geliebt,
Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch giebt.
Bei klingendem Spiele wird paradiert,
Dazu bin auch ich kommandiert.

Nun schaut er auf zum letztenmal
In Gottes Sonne freudigen Strahl, –
Nun binden sie ihm die Augen zu, –
Dir schenke Gott die ewige Ruh'.

Es haben die Neun wohl angelegt,
Acht Kugeln haben vorbeigefegt.
Sie zitterten alle vor Jammer und Schmerz –
Ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz.

4.
Der Spielmann.

           

Im Städtchen giebt es des Jubels viel,
Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel,
Den Fröhlichen blinket der Wein so rot,
Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.

Ja tot für den, den nicht sie vergißt,
Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist;
Da steht er inmitten der Gäste im Krug,
Und streichet die Geige, lustig genug!

Er streichet die Geige, sein Haar ergraut,
Es springen die Saiten gellend und laut.
Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht,
Ob auch sie in tausend Stücken zerbricht.

Es ist gar grausig, wenn Einer so stirbt,
Wann jung sein Herz um Freude noch wirbt;
Ich mag und will nicht länger es seh'n,
Das möchte den Kopf mir schwindelnd verdreh'n –

Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf mich?
O Gott! bewahr' uns gnädiglich,
Daß Keinen der Wahnsinn übermannt;
Bin selber ein armer Musikant.

 


 

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