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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 40
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Die goldene Zeit.

       

Füllt die Becher bis zum Rand,
Thut, ihr Freunde, mir Bescheid
Das befreite Vaterland,
Und die gute, gold'ne Zeit!
Denn der Bürger denkt und glaubt,
Spricht und schreibt nun alles frei,
Was die hohe Polizei
Erst geprüft hat und erlaubt.

Du eröffnest mir den Mund,
Du geschwätz'ger Traubensaft,
Und die Wahrheit mach' ich kund
Rücksichtslos mit freud'ger Kraft.
Steigt die Sonne, wird es Tag,
Sinkt sie unter, wird es Nacht.
Nehm' vor Feuer sich in Acht,
Wer sich nicht verbrennen mag.

Ungeschickt zum Löschen ist,
Wer da Öl gießt, wo es brennt;
Noch ist drum kein guter Christ,
Der zu Mahom sich bekennt.
Scheut die Eule gleich das Licht,
Fährt sich's doch vorm Winde gut,
Besser noch mit Wind und Flut,
Aber gegen beide nicht.

Wer nicht sehen kann, ist blind,
Wer auf Krücken geht, ist lahm;
Mancher redet in den Wind,
Mancher geht, so wie er kam.
Grünt die Erde weit und breit,
Glaube nicht den Frühling fern;
Rückwärts geh'n die Krebse gern,
Aber vorwärts eilt die Zeit.

Zwar ist nicht das Dunkle klar,
Doch ist nicht, was gut ist, schlecht;
Denn, was wahr ist, bleibt doch wahr,
Und, was recht ist, bleibt doch recht.
Goldes-Überfluß macht reich,
Aber Lumpen sind kein Geld.
Wer mit Steinen düngt sein Feld,
Macht gar einen dummen Streich.

An der Zeit, ist nicht zu spät,
Doch Gescheh'nes ist gescheh'n,
Und wer Disteln hat gesä't,
Wird nicht Weizen reifen seh'n.
Gestern war's, nun ist es heut',
Morgen bringt auch seinen Lohn;
Kluge Leute wissen's schon,
Nur sind Narren nicht gescheut.

Und am besten weiß, wer klagt,
Wo ihn drückt der eig'ne Schuh;
Wer zuerst nur A gesagt,
Setzt vielleicht noch B hinzu;
Denn, wie Adam Riese spricht,
Zwei und zwei sind eben vier – – –
Gott? wer pocht an uns're Thür?
Ihr, verratet mich nur nicht.

»Hebt auf das verruchte Nest,
Sie mißbrauchen die Geduld.
Setzt den Jakobiner fest,
Wir sind Zeugen seiner Schuld.
Er hat öffentlich gelehrt:
Zwei und zwei sind eben vier.« –
Nein, ich sagte . . . »Fort mit dir,
Daß die Lehre Keiner hört!«

 


 

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