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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 167
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Stimme der Zeit.

Zur Jubelfeier des Königlich Preußischen Staats-Ministers Grafen von Lottum.

Am 9. April 1834.

       

Wer den gestirnten Himmel flüchtig sähe,
    Der ließe sich den Wahn vielleicht nicht rauben,
    Daß unbeweglich starr dort alles stehe;
Und wer die Zeitgeschichte kennt, der möchte glauben,
    Man habe sie zum Stocken schon gebracht,
    Und leichtlich ließe sie zurück sich schrauben.
Wer aber während einer halben Nacht
    Die Sterne sich erheben sah und neigen,
    Und solchem Schauspiel sinnend nachgedacht,
Der wird die Wahrheit nimmer sich verschweigen
    Und sprechen, wann der Tag im Osten graut:
    Dort muß der Schild der Sonne bald sich zeigen;
Und wer ein halb Jahrhundert nur geschaut,
    Ist mit der Weltgeschichte stetem Gange
    Und allgewalt'gem Fortschritt schon vertraut.
Ein Stern der Vorzeit stand im Niedergange,
    Als Luther aufstieg, der, ein Held, befreit
    Die halbe Welt vom schnöden Geisteszwange.
Was Großes er vollbracht, war an der Zeit;
    Nur mußte, wo das Licht nicht eingedrungen,
    Sich grimmiger erneu'n der alte Streit;
Denn wirrer hatte sich der Knäul geschlungen,
    Derweil im Schwung das Rad der Zeit gerollt
    Und unvernommen, was sie schrie, verklungen.
Das Licht, das mild erhellen nur gesollt,
    Es ward zum Blitzstrahl, und in Ungewittern
    Ward grausig Schuld und aber Schuld gezollt.
Wir sahen rings um uns den Boden zittern
    Und sah'n in Blut und Aufruhr und Empörung
    Der Throne morsch gewordnes Holz zersplittern.
Im Finstern haust Verrat nur und Verschwörung;
    Vom sonnenhellen festen Ufer sahen
    Wir ungefährdet zu der Weltzerstörung;
Wir, die von Vaters Händen schon empfahen
    Die Güter, denen nach sie jagen, ohne,
    Vom Schein verlockt, den gleißenden zu nahen,
Heil ihm, der weis' und stark auf festem Throne
    Mit unsrer Liebe schirmend sich umgiebt,
    Aus Gold der Treue schmiedend seine Krone;
Den wie ein Sohn ein jeder Preuße liebt,
    Vor dessen Fuß ausbrandend ohne Schaden
    Der Zeit empörter Wellenschlag zerstiebt.
Heil dir, der, ihm zunächst im Glanz der Gnaden,
    Das edle, treue, waffenfreud'ge Roß
    Hilft lenken an der Liebe Seidenfaden,
Das Roß, vor dessen Hufschlag der Koloß,
    Der lastend auf Europa einst gelegen,
    Gleich einem eitlen Nebelbild zerfloß.
Heil dir, du Biedermann; du teilst den Segen,
    Wo liebend du geteilt der Sorgen Last,
    Und unsre Herzen schlagen dir entgegen.
Heil dir, der mitgewirkt du rühmlich hast
    Ein halb Jahrhundert zu des Landes Heil,
    Und wirkst noch unablässig ohne Rast;
Dir wird der Liebe Huldigung zu Teil.

 


 

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