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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 158
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Die Versöhnung.

Corsische Geschichte.

               

Die echtem Corsen, welche selten nur
    Von des Gebirges Höh'n zu Thale steigen,
    Erfüllen heut' Ajaccio's Präfektur,
Was bringt den tief gehegten Groll zum Schweigen,
    Den diese freien Männer fort und fort
    Zu den Beherrschern ihres Bodens zeigen?
Zwei Gruppen bilden sie im Saale dort;
    Sie trennt der Haß und spricht aus ihren Mienen,
    Doch eignet sich zu Thaten nicht der Ort.
Zwei Sippen sind es, Blut ist zwischen ihnen,
    Und Blut will Blut; dem Spruche zu genügen,
    Hat Vielen schon der letzte Tag geschienen.
Ein Greis mit düsterm Blick und hohlen Zügen,
    Mit langem, schwarzem Bart und weißem Haar,
    Scheint ungewohnt dem Zwange sich zu fügen;
Denn unterm Ziegenfell sucht immerdar
    Die Hand des Dolches Griff und hält sich kaum;
    Er scheint das Haupt zu sein der einen Schar.
Bereitet ist ein Tisch im mittlern Raum,
    Darauf das Kruzifix ist aufgerichtet;
    Der Anblick hält die Männer nur im Zaum.
Ein Bote Christi, der für sich verzichtet,
    Ein Missionar, bekannt den Bergessöhnen,
    Bei welchen viele Fehden er geschlichtet,
Hofft diese beiden Stämme zu versöhnen,
    Die hier er am Altar zusammenbrachte.
    Er schaut sie scharf an, seine Worte tönen:
So wie ich, meine Brüder, euch betrachte,
    Die Trotz ihr jeder Fährlichkeit wohl bötet,
    Von euch ist keiner, dem es Schande machte,
Daß nicht er mind'stens seinen Mann getötet?
    Geständig sah'n die Männer frei empor,
    Zur Erde nur ein Knabe schamgerötet.
Da donnerte des Priesters Wort hervor:
    Du hörst es, Gott am Kreuze; hör' es nicht!
    Verschließe solchem frechen Hohn dein Ohr!
Geh' nicht mit diesen Mördern ins Gericht;
    Du hast für sie dein teures Blut gezahlt,
    Das nun Verdammnis über alle spricht.
Nicht einer, nein, nicht einer, der nicht prahlt,
    Er habe dir zum Hohn die Hände rot
    Mit deinem, deiner Brüder Blut bemalt!
Es sei denn dieser Knabe – dein Gebot
    Gehalten noch zu haben sinnt verdrossen
    Er schon vielleicht auf seines Bruders Tod.
Es hat ihr Dolch des Blutes mehr vergossen,
    O, Heiland. als von deinen heil'gen Malen,
    Von Sünde sie zu retten, ist geflossen.
Ihr seht mich küssen sie zu vielen Malen,
    Benetzen sie mit heißen Thränengüssen; –
    Denkt eures Heiles und der Hölle Qualen;
Denkt Christi, der nach ewigen Beschlüssen
    Für euch, ihr Sünder, Schmach und Tod erkor;
    Erfrecht ihr seine Wunden euch zu küssen?
So hielt das Kruzifix er ihnen vor,
    Sie scharfen Blickes prüfend, ob die Saat,
    Auf harten Felsen fallend, sich verlor?
Gerührt, gebeugt, und reuig in der That
    Erweisen sich die Männer, sonst so wild;
    Es haben die Getrennten sich genaht
Versöhnung! spricht der Friedensbote mild,
    Lobt Christum, der euch hier zusammenführt,
    Verzeiht, vergeßt und thut nach seinem Bild.
Schon haben auf dem Kreuze sich berührt
    Zwei Hände, schaudernd schnell sich auch getrennt,
    Als habe jede heißes Gift verspürt.
Denn Recco, jener grimme Greis, erkennt
    Sich gegenüber eben dem Verhaßten,
    Den er den Mörder seines Sohnes nennt.
Das Angesicht erglüht dem Schmerzerfaßten,
    Die alten Wunden brechen auf, es walten
    Der Zorn, der Rachedurst nach kurzem Rasten;
Noch stehet tief gebückt – ob vor dem Alten,
    Ob vor dem Kruzifix? – der Jüngling bleich,
    Erwartend, ob Vergebung zu erhalten;
Noch kämpft mit seinem Herzen schmerzenreich,
    Gesicht und Farbe wechselnd oft, der Greise;
    Noch spricht die Gnade, schreit die Rache gleich.
Und feierliche Stille herrscht im Kreise,
    Indeß an ihm die scheuen Blicke hangen;
    Er endlich, schwer aufatmend, redet leise:
Mein Sohn! – an meinem Sohn ward Mord begangen, –
    Er sollte meines Namens Erbe sein!
    Er hat im Elsenbusch den Schuß empfangen. –
Still! Gnecco, still! – dort warst du nicht allein –
    Ein and'rer . . Still! – Ich will's vergessen. Schweige!
    Von seinem Blut sind deine Hände rein. –
Mein alter Stamm treibt fürder keine Zweige,
    Nur eine Tochter schmückt noch seine Kron';
    Es geht mit meinen Tagen auf die Neige.
Du, Gnecco, liebst die Maid, ich weiß es schon, –
    Mag werden, was ich früher nicht geglaubt, –
    So nimm sie und ersetze mir den Sohn. –
Ihm lag der Sohn in Armen sprachberaubt,
    Er aber mußte schaudernd sich gewöhnen,
    Noch lieb zu hegen das verfehmte Haupt.
Bin müde, rief er aus, dem Haß zu fröhnen!
    Ich that den ersten Schuß – vor Zeiten – dort, –
    Vergeltung ward geübt an meinen Söhnen.
Vier Söhne raffte dieser Zwist mir fort,
    Ich selber blieb verschont auf diesen Tag;
    Der alte Stamm, der Äste bar, verdorrt. –
Hochwürd'ger Herr, laßt zeichnen den Vertrag;
    Wer weiß, wie sonst der Menschen Sinn sich wenden
    Und was die nächste Stunde bringen mag! –
Noch laßt das Kruzifix in meinen Händen, –
    Ich war ja Christ, bevor ich Vater war, –
    Ich will das Gutbegonnene vollenden.
Die Schrift verlas darauf der Missionar,
    Darin des Gottesfriedens Klauseln standen,
    Und ließ sie unterzeichnen am Altar;
Und denen, die zu schreiben nicht verstanden,
    Führt' er die Hand zu eines Kreuzes Mal,
    Wodurch sie sämtlich eidlich sich verbanden.
Er zählte dann die Zeichen allzumal,
    Und wieder überzählt' er sie, und fand,
    Es fehle noch ein Zeichen an der Zahl.
Und abseits mit den Seinen hadernd stand,
    Der nicht gezeichnet hatte, jener Knabe,
    Und streckte gegen Recco seine Hand:
Mein Vater schreit um den aus seinem Grabe!
    Ich feilsche nicht um meines Vaters Blut,
    Denn Blut will Blut, wie ich gelernet habe.
Fürwahr! der Priester hat zu reden gut,
    Mein Vater, nicht sein Vater ward erschlagen; –
    Laßt ab von mir, schaut selber, was ihr thut.
Noch seh' ich her die blut'ge Leiche tragen,
    Sie legen auf den Tisch und dann entkleiden,
    Und höre wild umher die Weiber klagen.
Die Mutter nur verschloß in sich ihr Leiden,
    Sie weinte nicht, sie schien in starrer Ruh'
    Am grenzenlosen Jammer sich zu weiden.
Sie führte mich, das Kind, der Leiche zu:
    Blick' her! blick' her! die meuchlerische Wunde –
    Du bist ein Kind, doch wirst ein Mann auch du;
Und hast, den Ernst zu fassen, du gesunde
    Gedanken, zeig' es, raffe dich zusammen, –
    Versprich mir, zu gedenken dieser Stunde.
Des Priesters Eifer lodert auf in Flammen:
    Tomasio! sei ein Christ! Doch er im Flug:
    Hört erst mich aus, dann mögt ihr mich verdammen.
Ich frug: was soll ich thun? Wie so ich frug,
    Gab sie das Hemd des Vaters mir zu eigen,
    Das an der Brust, hier, blut'ge Spuren trug,
Und sprach: mich wissen lassen, keinem Feigen
    Sei's worden, diesen Tapfern zu beerben,
    Das mußt du mir an Recco's Hemde zeigen.
Du mußt es rot, so wie das deine, färben,
    Denn Blut will Blut, das ist der alte Brauch! –
    Und auf das Wort der Mutter will ich sterben.
So schwör' ich . . – Knabe! schwöre nicht; der Hauch,
    Womit du Gottes Namen sprichst, ist Sünde! –
    Er murrte: was ich schwöre, halt' ich auch.
Es schien, als ob der alte Recco stünde
    Ob Stolz und Reue schwankend, zweifelnd wog
    Er schuldbewußt im Herzen beider Gründe;
Und endlich trat er vor das Kind und bog
    Das steife Knie vor ihm, demütig fast,
    Die Hand ergreifend, die sich ihm entzog:
Tomasio, diesem jungen Manne hast
    Du mich verzeihen sehen, der vielleicht . .
    Sie sagen's, legen ihm die That zur Last –
Auch du wirst Vater und erfährst, es gleicht
    Der Vaterliebe nimmer Kindespflicht;
    Von Marmor war mein Herz, es ist erweicht.
Und wenn das Fleisch von meinem Fleische nicht
    Zu rächen ich, der Vater, mich bezwungen,
    So leuchtet wohl auch dir der Gnade Licht.
Den Grimm zu hegen war es nicht gelungen
    Dem Knaben, der gerührt nicht wollte scheinen,
    Und seine Thränen immer noch verschlungen,
Sich sträubend, wandt' er schnell sich zu den Seinen,
    Er sah zu ihm die Hände sich erheben
    Wie bittend und die Augen Aller weinen.
Noch wollt' er tückisch seine Hand nicht geben
    Und fühlte, wie er sie dem Greis entrang,
    Sie in der Hand des Friedensboten beben.
Der zog – war's Überredung, war es Zwang? –
    Ihn vor, im Namen Christi, zum Altar;
    Ein Ruf, der endlich ihm zum Herzen drang.
Die Feder reicht' er ihm zum Zeichen dar
    Am Fuß des Kruzifixes, wo entfaltet
    Das Dokument des Gottesfriedens war,
Und führte seine Hand, bis er gestaltet
    Das Kreuz, das letzte noch von allen Zeichen:
    Es ist vollbracht, der Gottesfriede waltet!
Laßt, meine Brüder, uns die Hände reichen.

 


 

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