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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 155
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Ein Baal Teschuba.

               

Noch hatte der Rabbiner nicht begonnen
    Zu unterrichten; im gedrängten Kreise
    Der Schüler hatte sich Gespräch entsponnen;
Gespräch von jenem rätselhaften Greise,
    Der in die Synagoge war gekommen
    Fast eigentümlich schauerlicher Weise;
Der auf der Trauerbank den Platz genommen,
    Dem Sträfling gleich, andächtig immerdar,
    Ein Vorbild der Erbauung allen Frommen,
Und wie das Schlußgebet gesprochen war,
    Aufspringend mit befremdlicher Geberde,
    Sein Haupt verhüllt im faltigen Talar,
Sich quer am Eingang auf die harte Erde
    Vor Allen niederstürzend hingestreckt,
    Auf daß mit Füßen er getreten werde.
Doch Keiner that's, denn Jeder wich erschreckt
    Zur Seite, daß den Starren er vermeide,
    Den erst der letzten Schritte Hall erweckt.
Ein Pole müßt' er sein nach seinem Kleide,
    Doch haben, die ihn sprachen, ausgesagt,
    Daß ihn die deutsche Mundart unterscheide.
Nach seinem Namen haben sie gefragt,
    Worauf er seufzend Antwort nicht gegeben;
    Sie haben, mehr zu fragen, nicht gewagt.
Da trat, wie so die Schüler sprachen, eben
    Der Greis herein, dem Winter zu vergleichen,
    Von jugendlichem Frühlingsreis umgeben.
Es sah'n die Ringsverstummenden ihn schleichen
    Dem letzten Platze zu, um den er bat,
    Ihn sollte da das heil'ge Wort erreichen.
Und der Rabbiner, sich erhebend, trat
    Mit ernstem Worte zu dem selt'nen Gast:
    »Hier gilt es, auszustreuen gute Saat.
Wie du im Tempel dich betragen hast,
    Erscheint vielleicht in zweifelhaftem Lichte
    Dem, der den Gang des Lebens nicht erfaßt;
Was aber dich bewogen, das berichte
    Du diesen hier, damit auch sie es wissen;
    Ich fordre deine düstere Geschichte.
Gar Mancher ist der Weisheit nicht beflissen,
    Der wahrlich anders würde sein, verstünd' er
    Den Ernst der That im strafenden Gewissen.« –
»Ich bin ein Baal Teschuba, bin ein Sünder,
    Der wallend durch das Elend Buße thut,
    Und jetzt der eignen Missethat Verkünder.
Nach meinem Namen forschet nicht, der ruht
    Bei meinen Hinterlass'nen, Weib und Kindern,
    Und liegt bei Haus und Hof und Hab' und Gut.
Ich handelte, geehrt und reich, mit Rindern
    Und sah mit Stolz auf meines Hauses Flor,
    Der sollte jähen Sturzes bald sich mindern.
Ich stand indeß dem Ehrenamte vor,
    Die Spenden der Gemeinde darzureichen
    Den fremden Armen vor des Tempels Thor.
Ein Weib, ihr Bild will nimmer von mir weichen,
    Ein schwangres Weib schalt einst mich einen Wicht
    Und zankte, schrie und schmähte sondergleichen.
Da faßte mich der Zorn, ich hielt mich nicht,
    Ich hob die Hand zu unheilvoller Stunde
    Und schlug die Keiferin ins Angesicht.
Das Wort erstarb in ihrem blassen Munde,
    Sie wankte, fiel, da lagen scharfe Scherben,
    Es quoll ihr Blut aus einer tiefen Wunde.
Ich sah das grüne Gras sich purpurn färben,
    Sah krampfhaft noch sie zucken eine Zeit,
    Dann starr gestreckt zu meinen Füßen sterben.
Nicht in die Hände der Gerechtigkeit
    Geliefert hätte mich die Brüderschaft,
    Ich war von jeder äußern Furcht befreit.
Doch einen Richter giebt's, der Rache schafft,
    Gewissen heißet, der die scharfen Krallen
    Ins Herz mir eingerissen voller Kraft.
Und ich erkor, ein Fragender, zu wallen
    Zu einem frommen Greise: Rabbi, sprich,
    Wie büß' ich, der ich so in Schuld gefallen?
Und harter Bußen viele lud auf mich
    Der strenge Mann mit Beten, Baden, Fasten.
    Nur eine, eine nur war fürchterlich.
Mit meinem Fluche sollt' ich mich belasten,
    Ins Elend willig geh'n am Bettelstabe
    Und sieben Jahre nicht auf Erden rasten.
Ich hab's gethan, ein Baal Teschuba, habe
    Sechs Jahr' ich schon vom Mitleidsbrot gezehrt,
    Sechs Jahre mich genähert meinem Grabe.
Die Heimat zu betreten war verwehrt;
    Ich habe mich, zu machtvoll angezogen,
    In immer engern Kreisen ihr genäh'rt.
Und einst, da stand ich vor des Thores Bogen
    Der Vaterstadt, da stand ich, wie gebannt,
    Mit ausgestreckten Armen vorgebogen.
Ich hätte fliehen sollen; übermannt
    Von namenloser Sehnsucht trat ich ein, –
    Wie selbst so fremd! wie Alles so bekannt!
Des langen Haupt- und Barthaars Silberschein,
    Der Stirne Furchen und die fremde Tracht –
    Ich möchte Jedem wohl unkenntlich sein.
Wie schlug das Herz mir in der Brust mit Macht!
    Ich schlich daher, so wie der Sünder schleicht,
    Und wo die Straß' am Markt die Biegung macht . . .
Gott Israels! mein Haus! – Ein Kind – vielleicht
    Mein eig'nes Kind! – ein Mädchen tritt heraus, –
    Hat Rahel solch ein Alter wohl erreicht?
Der Ew'ge segne dich und dieses Haus,
    Mein süßes Kind! ein Bettler ruft dich an
    Aus bittern Elends namenlosem Graus.
Sie sah mich freundlich an und schritt sodann
    Ins Haus zurück und kam nach kurzer Frist:
    Die Mutter schickt dir das, du armer Mann. –
Es war ein Kreuzer nur – die Mutter!? Ist
    Bekannt auch deiner Mutter, daß so klein
    Die Gift sie einem Baal Teschuba mißt?
Sie sah mich staunend an und ging hinein
    Und kam sogleich auch wieder her zu mir:
    Die Mutter sagt: es kann nicht anders sein.
Sie hat's jetzt nicht, denn Vater ist gleich dir
    Ein Baal Teschuba; würdest mehr bekommen,
    Wär' unser armer, guter Vater hier.
Nun hatt' ich's ja aus ihrem Mund vernommen.
    Ich habe schluchzend schnell mich abgewandt
    Und nicht mein Kind an meine Brust genommen,
Ins Elend hab' ich mich zurückgebannt.«

 


 

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