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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 152
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Das Mordthal.

(Zwischen New-Orleans und Savannah.)
(North-american Review.)

                     

Es überfiel mich Müden einst die Nacht
    In eines Thales wildbewachsnem Grunde,
    Deß Namen auszusprechen schaudern macht.
Die Bäume nannten ihn, die in der Runde
    Mit schwarzgebrannten Stämmen mich umstanden:
    Das Mordthal! sprach ich aus mit leisem Munde.
An diesem Ort des Schreckens überwanden,
    Skalpierten die Indianer dreißig Weiße,
    Die schlafend sie in ihrem Lager fanden;
Sie schonten nicht der Kinder, nicht der Greise.
    Und einsam übernachten sollt' ich hier,
    In dieser Bäume schauerlichem Kreise.
Ich sorgte für mein Pferd, mein müdes Tier,
    Sodann des Herdes Flamme zu erwecken,
    Und stillte des gereizten Hungers Gier;
Und wollte ruhbedürftig hin mich strecken,
    Als neben mir im dürren Laub erklang
    Ein Rasseln, wohlgeeignet, mich zu schrecken.
Die Klapperschlange war's, vom Lager sprang
    Ich auf und sah bei meines Feuers Lichte
    Den Wurm, den zu vertilgen mir gelang.
Ich wiederum, wie es geschehen, richte
    Zum Schlaf mich ein, doch mir im Sinne lagen
    Der gift'ge Wurm und jene Mordgeschichte.
Wie da mir war, ich weiß es nicht zu sagen;
    Ich lag, ob schlaflos, doch wie Schlafes trunken,
    Sah über mir die Wipfel windgeschlagen,
Und sah, wie märchenhafte, lichte Funken,
    Leuchtkäfer schwirren durch des Laubes Zelt,
    Da rings die Landschaft tief in Nacht versunken.
Vom Flackern nur der Flamme schwach erhellt,
    Erschimmerten die Stämme mit den Zeichen;
    Ich fühlte recht allein mich in der Welt.
So wie der Mond vom Horizont die bleichen
    Unsichern Strahlen durch die Räume warf,
    Begann vor ihm die Finsternis zu weichen;
Und wie er stieg am Himmel, sah ich scharf
    Und schärfer aus dem Dunkeln treten, was
    Ich sonder Schauer nimmer denken darf.
Gelehnt an einen jener Stämme saß
    Ein Sohn der Wildnis, welcher regungslos
    Mich wundersamen, starren Blickes maß;
Nicht jung von Jahren, kräftig, schön und groß,
    An Schmuck und Waffen einem Fürsten gleich;
    Das Feuerrohr, den Bogen in dem Schoß;
Im schön gestickten Gürtel zierlich reich
    Den Tomahawk nebst Messer, zu skalpieren,
    Gleich einem Schemen aus dem Schattenreich.
Ich sah ihn an, so wie er mich, mit stieren
    Und unverwandten Augen; sah ihn lange,
    Und schien mir alle Thatkraft zu verlieren;
Dem Vogel zu vergleichen, den die Schlange
    Mit zauberkräft'gem Blick in Bande schlug,
    Gelähmt von der Gedanken wirrem Drange.
Da dacht' ich wieder: dieses Bild ist Trug,
    Ein Angstgespenst nur ohne Wesenheit,
    Das dein erhitztes Hirn ins Äuß're trug.
Und schlug die Augen zu nach langer Zeit,
    Und schlug sie wieder auf, – er war verschwunden,
    Ich dünkte mich von bösem Wahn befreit.
Da fiel von Müdigkeit ich überwunden
    In tiefen Schlaf; der Morgen graute schon,
    Er hielt mich selbstvergessen noch gebunden.
Der Wind, der sich erhob wie Sturmes Droh'n,
    Erweckte mich, – und wiederum saß dort,
    Es war kein Wahn, der Wildnis graus'ger Sohn,
In gleicher Haltung und am selben Ort,
    Noch stumm und starr, noch ohne sich zu regen,
    Den Blick auf mich geheftet fort und fort.
Da sprang ich auf und auf ihn zu, verwegen
    Mit vorgehaltener Pistol'; er stand
    Nun auf und trat gelassen mir entgegen.
Wie hart ich Mann an Mann mich vor ihm fand,
    Da traf ein Schlag mich, den er plötzlich führte, –
    Entwaffnet war ich und in seiner Hand.
Und wie sie kräftig mir die Kehle schnürte,
    Ersprühten über mich des Auges Flammen,
    Die lang verhalt'ner Haß befriedigt schürte.
Ich fühlte zu dem Tode mich verdammen,
    Vermochte nicht zu flehen um mein Leben,
    Und sank zerknickt, ein schwaches Rohr, zusammen.
Er aber schien sich selbst zu widerstreben,
    Zu bändigen die rasche, wilde Wut;
    Ich sah ihn unvermutet frei mich geben.
Die Pfeife steckt' er an des Herdes Glut
    In Brand, und reichte rauchend sie mir dar,
    Wie Friede bietend es der Wilde thut.
Durch solches Pfand gesichert vor Gefahr,
    Vermocht' ich nicht zu brechen noch das Schweigen,
    Der ich unkundig seiner Sprache war.
Und er auf englisch: folge mir, dort steigen
    Herauf die Wolken vor des Sturmes Nah'n;
    Zu Pferd! ich werde meinen Weg dir zeigen.
Ich sprach – er schwieg und ging den Pfad voran,
    Und bog zurück das Haupt und winkte nur;
    Ich faß zu Pferd und folgte seiner Bahn.
Der Steg durch Schluchten, welche die Natur
    Mit Waldesdickicht wuchernd übersponnen,
    Verfolgte berghinan des Wildes Spur.
Es drang durch Waldesnacht kein Strahl der Sonnen.
    Und eilend schritt, und hielt mein Pferd am Zaum
    Mein Führer schweigsam, sicher und besonnen.
Ich ließ ihn schalten, folgend wie im Traum.
    Sein Haus erschien, das nächste Ziel der Reise,
    Inmitten einem lichtern Waldesraum.
Er führte mich hinein, er brachte Speise,
    Er hieß mich sitzen, sorgend für den Gast
    Auf schweigsam ernste, würdevolle Weise.
Ich aber warf den Blick mit scheuer Hast
    Rings um mich her, und mich befiel ein Grauen
    Beim Anblick dessen, was der Raum umfaßt'.
Da waren prunkend ausgestellt zu schauen
    Bei funfzehn Skalpe, blut'ges Siegesmal,
    Von weißen Menschen, Männern, Kindern, Frauen.
Er ließ mich überzählen deren Zahl,
    Und nahm sie nach einander von der Wand,
    Und hing um seinen Hals sie allzumal;
Und schmückte sich mit Waffen und Gewand,
    Als sei's zum Festmahl oder auch zur Schlacht,
    Und sprach sodann mit Stolz zu mir gewandt:
Du bist ein Weißer, und ich fand zu Nacht
    Dich schlafend, meiner Friedenspfeife Rauch
    Hat Sicherheit des Lebens dir gebracht.
Einst fand ein Weißer meinen Vater auch
    In seinem Schlaf, – ich war noch ungeboren, –
    Er schlug den Schlafenden nach eurem Brauch;
Und Rache war, zu der ich auserkoren,
    Das erste Wort, das ich zu lallen lernte,
    Und war der erste Schwur, den ich geschworen.
Die blut'ge Saat gedieh zu blut'ger Ernte;
    Ich hielt als Mann, den ich als Kind gelallt,
    Den Schwur, von dem mein Sinn sich nie entfernte;
Und als ich noch für einen Knaben galt,
    Mit Skalpen schmückt' ich, so wie diese hier,
    Die Hütte, meiner Mutter Aufenthalt.
Wir hausten im Ontario-Revier;
    Vier Kinder, die euch hassen ich gelehrt,
    Vier hoffnungsvolle Söhne blüh'ten mir.
Wie einst ich von der Jagd zurückgekehrt,
    Da stieß mein Fuß auf Trümmer und auf Leichen,
    Vier Leichen, von den Flammen halb verzehrt.
Allein stand meine Mutter bei den Leichen,
    Vergoß unmächt'ger Thränen bitt're Flut,
    Und stöhnte: Rache! Rache diesen Leichen!
Ich habe Thränen nicht, ich habe Blut,
    Der Weißen rotes Herzensblut vergossen,
    Und habe nicht gekühlt noch meine Wut.
Wo wider weiße Menschen je beschlossen
    Von meinen roten Brüdern ward ein Krieg
    Gewannen mich die Tapfern zum Genossen.
Der uns Verbündete geführt zum Sieg,
    Tekumteh, fiel in seines Ruhmes Prangen,
    Mit dem die Hoffnung auch zu Grabe stieg.
Da sprach ich zu der Mutter: ausgegangen
    Ist unser Stamm, wir Beide sind allein,
    Es soll die tiefste Wildnis uns umfangen.
Wir zogen südlich in die Wüsteneien,
    Wo unsre Hütte wir uns hier erbaut,
    Und beigesetzt der Unsrigen Gebein.
Ein Weißer einst, von Haaren hoch ergraut,
    Begehrte gastlich Schutz von unserm Dache,
    Und wie ihn scharf die Mutter angeschaut,
Da schrie sie leise mir ins Ohr: erwache!
    Der ist es, der den Vater dir erschlagen;
    Gedenke deines Schwures: Rache! Rache! –
Ich will, was folgt, am andern Ort dir sagen.
    Erhebe dich, mein Gast, und folge mir.
    Er schwieg und ging, ich folgte nur mit Zagen.
Durch Urwalds Dickicht, undurchdringlich schier,
    Auf steilem Abhang klommen wir empor,
    Am Absturz einer Bergschlucht hielten wir.
Der Blick vor uns sich unterwärts verlor
    In nächt'ge Tiefe, kaum erscholl das Brausen
    Des Bergstroms noch herauf zu unserm Ohr.
Da stand der Wilde in des Sturmes Sausen,
    Und warf zornfunkelnd einen Blick mir zu, –
    Zu Berge sträubte sich mein Haar vor Grausen.
Wo jenen ich geführet, stehst nun du! –
    Beginnend so nach langem Schweigen, that er
    Wie Einer, der dem Sturm gebietet Ruh'. –
Er fürchtete den Tod und winselnd bat er
    Um Leib und Leben, doch ich stieß ihn fort:
    Den du gemordet, räch' ich, meinen Vater.
Du kommst mit mir ins Land der Geister, dort
    Erwartet meiner rühmlicher Empfang;
    Das Opfer bring' ich und ich halte Wort.
Und ihn mit kräft'gen Armen fassend, sprang
    Ich hier hinab, in dieses Schlundes Rachen,
    Zu seinem und zu meinem Untergang.
Noch hör' ich seines Körpers dumpfes Krachen,
    Der dort am schwarzen Felsen ward zerschlagen;
    Ich selber sollte noch dem Licht erwachen.
Du siehst den Wipfel einer Ceder ragen,
    Dort, unter uns, aus enger Felsenspalte;
    Dort ward ich wundersam im Schwung getragen.
Und wie mich sanft die Zweige wiegten, schallte
    Erfreulich meinem Ohr der dumpfe Ton,
    Der von der Felswand drüben widerhallte.
Da sprach der große Geist zu seinem Sohn:
    Kehr' um, vermehre deiner Opfer Zahl;
    Es bleibet vorbehalten dir dein Lohn.
Da that ich, wie die Stimme mir befahl;
    Mir half die Wurzel dort hinauf mich winden;
    Ich trage noch des Lebens Last und Qual.
Und ich darauf: du wirst nun Ruhe finden,
    Du hast erfüllt der Rache letzte Pflicht,
    Der Mörder fiel, dich kann kein Schwur mehr binden. –
Der Mörder, ja – mein letztes Opfer nicht.
    So er und sah mich seltsam düster an,
    Als hielt' er über mich das Blutgericht. –
An jenem Tag, wo ich dem Tod entrann,
    Hat And'res mir der große Geist geboten;
    Fünf Skalpe sind's, die seither ich gewann.
Ich sandte vor mir her noch fünf der Boten;
    Hab' aber nicht am Leben mehr Gefallen,
    Seit sich die Mutter legte zu den Toten;
Bin müd' und traurig worden so zu wallen,
    Der letzte meines Stammes und allein,
    Und heute soll mein letztes Opfer fallen.
Der vor'gen Nacht gedenke, wo der Schein
    Mich deines Feuers an dein Lager brachte;
    Da mochte dir dein Schlaf gefährlich sein!
Unseliger, du schliefst! ich aber wachte:
    Du schliefst so ruhig, wie, den Andern gleich,
    Ich meiner Rache dich zu opfern dachte;
Und wie ich schwang den Tomahawk zum Streich,
    Und aus der Scheide scharf mein Messer zog,
    Da mocht' ich nicht, da ward ich träg und weich,
Und wie mein eigner Mut mich so betrog, –
    Und nicht beherrschend mehr die läss'gen Glieder,
    Sich von der That zurück mein Wille bog,
Da warf ich vor dem großen Geist mich nieder,
    Der mich errettet einst aus diesem Schlunde,
    Und ich vernahm dieselbe Stimme wieder.
Sie gab von dem, was ich zu thun, mir Kunde,
    Du wirst, wie ich gehorchen lernte, sehen.
    Mein letztes Opfer fällt in dieser Stunde.
Er schwieg und wandte langsam sich zu gehen
    Und winkte mir; ich folgte sinnend nach
    Und mochte nicht der Rede Sinn verstehen:
Wer wird das Opfer sein, das er versprach?
    Bin ich das Schlachttier? – Ruhig schritt voraus,
    Der sich in neue Richtung Bahnen brach.
Der Wald erdröhnte von dem Sturmgesaus,
    Es gab der Donner schmetternd seinen Klang
    In Strömen fiel der Regen mit Gebraus.
Des Sturmes Stimmen übertönend, sang
    In seiner Väter Sprache sonderbar
    Der Wilde tief ergreifenden Gesang.
Da ward es mir in meiner Seele klar,
    Daß diese seltsam schauerliche Weise
    Das eig'ne Sterbelied des Sängers war.
Und bald erschien – es ward mein Blut zu Eise,
    Und auf den Lippen mir erstarb das Wort –
    Ein schlichtes Grab in hoher Bäume Kreise.
Und er zu mir: halt an! wir sind am Ort,
    Du sollst nach unsern Bräuchen mich bestatten.
    Es führet dich zurück der Fußsteig dort.
Hier legst du mich zur Ruh' nach dem Ermatten.
    Dies Grab enthält der Meinigen Gebein,
    Und wird umschwirrt von meiner Väter Schatten.
Er sprach's und trat in seiner Toten Reih'n.
    Bestieg den Hügel, ruhig, würdevoll,
    Sich festlich selbsterkor'nem Tod zu weih'n.
Der inn're Sturm, der ihm im Busen schwoll,
    Verhallte schaurig in dem Schwanensang,
    Der herzzerreißend seinem Mund entquoll,
Ein Nachhall schien des Donners mächt'ger Klang,
    Des äußern Sturmes langgezogenes Stöhnen,
    Der Stimme, die sich seiner Brust entrang.
Die Sprache bald verlassend von den Söhnen
    Des Waldes, wandt' er seiner Augen Licht
    Mir zu, und sang in meiner Sprache Tönen:
Ich bin der letzte meines Stammes, nicht
    Von Feindes Hand zu fallen wird mein Los;
    Noch wie die Ceder, die vor Alter bricht.
Denn seht, ich reiße mich vom Leben los
    Und geh' ins Land der Geister freien Mutes,
    Von Schwächen und von Tadel bar und bloß.
Der Mein'gen Mörder! Räuber meines Gutes!
    Ihr Weißen! denen meine Rache galt,
    Genug vergossen hab' ich eures Blutes.
Ich bin gesättiget und müd' und alt,
    Mein Nam' ist am Ontario verklungen,
    Und ist in Waldes Widerhall verhallt.
Ich habe selbst mein Sterbelied gesungen,
    Der ich der letzte meines Stammes bin,
    Kein Lied erschallt um mich von andern Zungen.
Schon lange neigt hinunter sich mein Sinn,
    Und euer, meine Väter, bin ich wert; –
    Des Donners Stimme ruft, – ich komme hin. –
Ich aber stand von fern und abgekehrt,
    Verhüllt das Haupt in meines Mantels Falten,
    So lang sein leises Röcheln noch gewährt.
Und wie die letzten Töne nun verhallten
    Und still es ward, da mußt' ich mich enthüllen,
    Und treten zu der Ruhestatt des Alten,
Um seinen letzten Willen zu erfüllen.

 


 

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