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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 147
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Der Stein der Mutter oder der Guahiba-Indianerin.

(Humboldt: »Voyage aux régions équinoxiales.« Liv. 7 Ch. 22. Ed. 8. V. 7. p. 286.)

                     

Wo durch die Eb'nen in der heißen Zone
    In ihrem stolzen Laufe sich gesellen
    Der Orinoko und der Amazone;
Und wann zur Regenzeit die Ströme schwellen,
    Unwirtbar, unzugänglich, wunderbar
    Der Urwald sich erhebet aus den Wellen;
Da herrscht im Wald der grause Jaguar,
    Das Krokodil auf überfloss'ner Flur,
    Den Tag verdunkelt der Mosquitos Schar.
Der Mensch entsteht, verschwindet ohne Spur,
    Ein armer, unbedachter Gast der reichen,
    Der riesenhaft unbändigen Natur.
Es pflanzt der Missionar des Heiles Zeichen
    An Flussesufern weit hinauf, wovor
    Der Wildnis freie Söhne fern entweichen.
Am Atabapo-Ufer ragt empor
    Ein Stein, der Stein der Mutter, wohlbekannt
    Dem Schiffer, der den Ort zur Rast erkor.
So ward er unserm Humboldt auch genannt,
    Als diesen Strom der Wildnis er befahren,
    Von Wissensdurst und Thatenlust entbrannt.
»Der Stein der Mutter? Lasset mich erfahren,
    Was redet dieser Stein mit stummem Munde?
    Was soll für ein Gedächtnis er bewahren?«
Es schwiegen die Gefährten in der Runde.
    Erst später, zu San Carlos angekommen,
    Gab ihm ein Missionar die grausge Kunde:
Einst ward von San Fernando unternommen
    Ein Zug, um Seelen für den heil'gen Glauben,
    Und Sklaven, die uns dienen, zu bekommen.
Des heil'gen Ordens Satzungen erlauben,
    Gewaltsam zu der Völker Heil zu schalten,
    Und Heiden galt's am Guaviar zu rauben.
Es ward, wo Rauch vom Ufer stieg, gehalten;
    Im Boote blieb, ein Betender, der Pater,
    Und ließ die rauhe Kraft der Seinen walten.
Sie überfielen, ohne Schutz und Rater,
    Ein wehrlos Weib; mit seiner Söhne Macht
    Verfolgte wohl den Jaguar der Vater, –
An Christen hatte nicht der Thor gedacht.
    Und die Guahiba-Mutter ward gebunden
    Mit zwei unmünd'gen Kindern eingebracht;
Sich wehrend, hätte sie den Tod gefunden,
    Sie war umringt, ihr blieb zur Flucht nicht Raum;
    Leicht ward sie, ob verzweifelnd, überwunden.
Es war, wie diese, schmerzenreich wohl kaum
    Noch eine der Gefang'nen, unverwandt
    Rückschauend nach der heimischen Wälder Saum.
Entfremdet ihrer Heimat, unbekannt
    Zu San Fernando, kaum erlöst der Bande,
    Hat sich die Rasende zur Flucht gewandt.
Den Fluß durchschwimmend, nach dem Vaterlande
    Entführen wollte sie die kleinen Beiden;
    Sie ward verfolgt, erreicht am andern Strande.
Drob mußte harte Züchtigung sie leiden:
    Noch blut'gen Leibes hat zum andernmal
    Versucht sie, zu entkommen zu den Heiden;
Und härter traf sie noch der Geißel Qual;
    Und abermals versuchet ward die That;
    Nur Freiheit oder Tod war ihre Wahl.
Da schien dem Missionar der beste Rat,
    Von ihren Kindern weit sie zu entfernen,
    Wo nimmer ihr der Hoffnung Schimmer naht.
Sie sollt' ihr Los am Rio negro lernen.
    Sie lag gefesselt, und es glitt das Boot
    Den Fluß hinauf, sie spähte nach den Sternen.
Sie fühlte nicht die eig'ne bitt're Not,
    Sie fühlte Mutterliebe, Kern des Lebens,
    Und Fesseln, und sie wünschte sich den Tod.
Die Fesseln sprengt sie plötzlich kräft'gen Strebens,
    Da, wo den Stein am Ufer man entdeckt,
    Und wirft sich in den Strom und schwimmt, – vergebens!
Sie ward verfolgt, ergriffen, hingestreckt
    Auf jenen Stein, geheißen nach der Armen,
    Mit deren Schmerzensblut er ward befleckt.
Sie ward gepeitscht, zerfleischet ohn' Erbarmen,
    Geworfen in das Boot zur weitern Fahrt
    Mit auf dem Rücken festgeschnürten Armen.
Javita ward erreicht auf solche Art;
    Die wund, gebunden, kaum sich konnte regen,
    Ward dort zu Nacht im Fremdenhaus verwahrt.
Es war zur Regenzeit, das wollt erwägen,
    Zur Regenzeit, wo selbst der kühnste Mann
    Nicht wagt den nächsten Gang auf Landeswegen;
Wo uferlos die Flüsse waldhinan
    Gestiegen sind; der Wald, der Nahrung zollte,
    Dem Hunger kaum Ameisen bieten kann;
Wo, wer in Urwaldsdickicht dringen wollte,
    Und würd' er vor dem Jaguar nicht bleich,
    Und wenn ihm durchzubrechen glücken sollte,
Versenkt sich fände in ein Schattenreich,
    Vom sternenlosen Himmel ganz verlassen,
    Dem führerlos verirrten Blinden gleich.
Was nicht der keckste Jäger ohn' Erblassen
    Nur denken mag, das hat das Weib vollbracht;
    An dreißig Meilen mag die Strecke fassen.
Wie sich die Angeschloss'ne frei gemacht,
    Das bleibt in tiefem Dunkel noch verborgen,
    Sie aber war verschwunden in der Nacht;
Zu San Fernando fand der vierte Morgen
    Sie händeringend um das Haus beflissen,
    Das ihre Kinder barg und ihre Sorgen. –
»O sagt's, o sprecht es aus, daß wir es wissen,
    Daß nicht der Mutterliebe Heldin wieder
    Unmenschlich ihren Kindern ward entrissen!«
Er aber schwieg und schlug die Augen nieder,
    Und schien in sich zu beten. Red' hinfort
    Dem ihn Befragenden zu steh'n vermied er.
Doch, was verschwiegen blieb dem Humboldt dort,
    Aus seinem Buche schaurig widerhallt,
    Es ward berichtet ihm am andern Ort.
Sie haben fern nach Osten mit Gewalt
    Sie weggeführt, die Möglichkeit zu mindern,
    Daß sie erreiche, was ihr Alles galt.
Sie haben sie getrennt von ihren Kindern!
    Sie konnten, Hoffnung fürder noch zu hegen,
    Sie konnten nicht zu sterben sie verhindern.
Und, wie verzweifelnd die Indianer pflegen,
    Sie war nicht, seit der letzten Hoffnung Stunde,
    Daß Nahrung ein sie nehme, zu bewegen.
So ließ sie sich verhungern! Diese Kunde
    Zu der Guahiba und der Christen Bildnis
    Erzählet jener Stein mit stummem Munde
Am Atabapo Ufer in der Wildnis.

 


 

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