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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 146
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Ein Gerichtstag auf Huahine.

Im Herbst 1822.

Ellis, Polynesian researches II. pag. 457. Pomare II., König von Tahiti erhielt, der erste unter den Insulanern dieser Gruppe, die Taufe zu Papao auf Tahiti am 14. Juli 1819. Am 13. Mai desselben Jahres waren daselbst die ersten geschriebenen Gesetze in feierlicher Volksversammlung angenommen und ausgerufen worden. Erst im Mai 1822 erhielt die Insel Huahine auf gleiche Weise ihr erstes Gesetzbuch. Orò war auf diesen Inseln der Gott des Kriegs, dem menschliche Opfer geschlachtet wurden.

           

Pomare's hohe Wittib ist erschienen
    Auf Huahin', ein königlicher Gast,
    Und Volk und Fürsten eifern ihr zu dienen;
Sie strömen her aus allen Thälern fast,
    Tahiti's Herrin huldigend, und bringen
    Zu ihren Füßen der Geschenke Last.
Es bilden ihren Hofstaat und umringen
    Sie ihrer Mannen viele, was ersann
    Die Königin, willfährig zu vollbringen.
Von diesen Einer kam, der Zimmermann:
    Zum Bau des Schiffes fehlt ein starker Baum;
    Erhab'ne Herrin, weise den uns an.
Drauf sie: Dort seht, in jenes Hages Raum,
    Den Brotfruchtbaum die volle Krone wiegen,
    Den fällt, denn bessern findet ihr doch kaum.
Die Axt ward angelegt und mußte siegen,
    Der Stamm ward fortgeschafft, der Eigner fand
    Am Abend, als er kam, die Äste liegen.
Er war ein armer Mann von niederm Stand,
    Ein rechtlicher, er nannte sich Tahute;
    Die Missionare haben ihn gekannt.
Er forscht umher und fragt mit trübem Mute:
    Ihr lieben Nachbarn, sagt mir, was ihr wißt;
    Wer hat gefrevelt hier an fremdem Gute?
Wie er es hört, die Ungebühr ermißt,
    Die ihm von der Gewaltigen geschehen,
    Dem Manne, der aus niederm Stamm nur ist,
Beschließt er, vor den Richter gleich zu gehen;
    Es kamen auf, seit Christi Wort erscholl,
    Gesetze; soll die Willkür fortbestehen?
Ori, der Richter, hört ihn kummervoll,
    Und sendet alsobald den Boten hin,
    Der vor Gericht die Fürstin laden soll. –
Ori, der Richter, spricht durch mich: ich bin,
    Der morgen wird am Quell das Buch entfalten;
    Dich lad' ich dort in Ehrfurcht, Königin.
Und wie des Morgens erste Stimmen hallten,
    Die Dämm'rung mit der Finsternis noch rang,
    Und das Gebirg begann sich zu gestalten,
Im kühlen Seewind noch die Palme schwang
    Ihr luft'ges Haupt, und nun aus dunkler Flut
    Der Siegesschild der Sonne flammend sprang,
Da saß Ori, zu des Gesetzes Hut,
    Am Quell des Hügels mit dem Buche schon,
    Worauf des Unterdrückten Hoffnung ruht;
Schon drängte sich zu einer weiten Kron'
    Um ihn das Volk, es saß zu seiner Rechten
    Bereits die Fürstin auf erhab'nem Thron;
Und eine Schar von Höflingen und Knechten
    Umlagerte die Herrin, noch verlor
    Sich in dem Haufen, dem es galt zu rechten.
Der Richter rief, und hielt das Buch empor:
    Hier gilt das Recht; wer klagen darf, der klage! –
    Da trat Tahute aus dem Volk hervor.
Es stand ein Brotfruchtbaum in meinem Hage,
    Der sieben Mond' im Jahr mich nebst den Meinen
    Ernährt' und Schirm uns gab am heißen Tage.
Ich hatte selbst mein Haus mir unter seinen
    Weitausgespannten Ästen auferbaut,
    Und durfte wohlgemut mich glücklich meinen.
Blick hin! von diesem Abhang überschaut
    Dein Blick dort unten das bewohnte Thal;
    Siehst du die Stütze noch, der ich vertraut?
Dort ragt mein nacktes Dach im Sonnenstrahl,
    Dabei ein leerer Raum, – die weite Wunde,
    Die Lücke, – sieh'! das ist des Frevels Mal.
Denn gestern kam ich heim zur Abendstunde, –
    Verwaiset und verwüstet war der Ort,
    Ich forschte händeringend nach der Kunde;
Zerhauen lagen rings die Äste dort,
    Der Wurzelstock verweinte seinen Saft,
    Allein der Stamm, der mächt'ge Stamm war fort,
Sie sagen aus: dies Unheil hat geschafft
    Tahiti's Königin, ihr Wille war es,
    Durch ihrer Mannen übermüt'ge Kraft.
Ich weiß nicht, ob sie Falsches oder Wahres
    Berichten; laß sie reden, wann ich schweige;
    Von ihnen und der Königin erfahr' es.
Ich aber frage nun, indem ich zeige,
    Bekräftigend, ich sei befugt zu fragen,
    Hier meines abgehau'nen Baumes Zweige:
Was gilt nun das Gesetz, von dem sie sagen,
    Es sei erdacht zu unserm Schutz und Frommen,
    Die üpp'ge Macht der Willkür zu zerschlagen?
Uns ist das Licht der heitern Lust verglommen, –
    Ihr saget ja, daß ihr an Christum glaubt. –
    Und soll die Zeit des Blutes wiederkommen?
Nehm' auch mein Leben, wer mein Gut mir raubt;
    Und mög' ich liegen auf Oro's Altar,
    Wie blutig einst schon meines Vaters Haupt.
Als seine Tempel standen, ja, da war
    Die volle freud'ge Kraft noch unbezwungen,
    Die wogend Krieg und süße Lust gebar,
Ward in der Männerschlacht der Speer geschwungen,
    Galt doch das Leben nur dem Dienst der Lust,
    Und nur das Lied der Freude ward gesungen.
Nun schlägt der Sünder an die hohle Brust,
    Gesang und Waffenschall sind gleich verhallt;
    Der stille Sabbath jammert dem Verlust.
Ich selber bin nun worden schwach und alt,
    Und wieder zweifelnd frag' ich das Gericht:
    Gilt euer Recht? gilt wieder die Gewalt?
Er schwieg. Darauf Ori: Der Kläger spricht,
    Du habest, Herrin, seinen Baum gefällt,
    Ist solches wahr? und sie: Ich leugn' es nicht. –
Dir sei die eine Frage noch gestellt:
    Hast du gewußt, daß wir Gesetze haben,
    Und nicht der Eigenmacht gehört die Welt?
Geschriebene Gesetze, die uns gaben,
    Nachdem wir selbst darüber uns vereint,
    Die, so nächst Gott sind über uns erhaben. –
Ich wußt' es – ja! doch hab' ich auch gemeint,
    Den gottbestellten Herrschern sei verblieben
    Die Macht, die selbst ihr zu verkennen scheint. –
Hier ist das Buch; wo steht darin geschrieben,
    Den Herrschern vorbehalten sei die Macht,
    Zu halten und zu brechen nach Belieben?
Sie schwieg, den stolzen Blick verhüllt in Nacht.
    Den ihre Diener hatten holen müssen,
    Ein Beutel Piaster ward vor sie gebracht;
Sie winkte herrisch, zu des Klägers Füßen
    Die königliche Spende zu verstreuen,
    Und dachte so für ihren Fehl zu büßen.
Nicht also, hub der Richter an vom Neuen;
    Erst sprich: war recht die That, die du begangen,
    Und scheinest jetzt, o Herrin, zu bereuen?
Sie sagte: Nein! – ich habe mich vergangen.
    Ihr Antlitz überflog ein roter Schein,
    Und Thränen stürzten über ihre Wangen.
Der Richter sprach: der Kläger darf allein
    Den Preis bestimmen dem Gesetze nach.
    Tritt vor und fordre du, so soll es sein.
Tahute trat zum andern vor und sprach:
    Ich habe, was ich nur gewollt, erreicht:
    Gebüßet hat ihr Mund, was sie verbrach.
Behalte, Herrin, deine Piaster; leicht
    Und mütterlich ernähret mich die Erde,
    Den nicht der Zorn ob Unbill mehr beschleicht.
Darauf Ori: Ihr hört, daß der Beschwerde
    Entsagt hat, der die Klage hier erhoben,
    Und fürder Rechtens nichts begehret werde.
Ihr mögt in Frieden geh'n und Christum loben.

 


 

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