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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 138
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Der Republikaner

zu Paris am 7. August 1830.

(Nach Victor Strauß.)

                 

Schon ordnen sie den Zug im Trauerhaus;
    Hier werden sie vorbei die Bahre tragen
    Und langsam sich verlieren dort hinaus.
Und ich, versteckt, will scheue Blicke wagen – –
    Ich darf, von seinem Blut die Hände rot,
    Um meinen Toten nicht wie Andre klagen.
Herz meines Herzens! Freund und Bruder! tot!
    Ich habe dich, ich selbst dich umgebracht,
    Der wehrlos mir die Brust entgegenbot.
Du Liebesstern in meines Grimmes Nacht,
    Du bist erloschen, und in alten Bildern
    Erscheint mir erst dein Licht in voller Pracht.
Wie sanft und kräftig lenktest du den wildern
    Gefährten, bändigtest den Ungefügen,
    Und wußtest seines Zornes Glut zu mildern!
Der Friede lag in deinen holden Zügen;
    Wir waren, als wir ew'ge Treu' uns schwuren,
    Noch Kinder, und wir wußten nichts von Lügen.
Die feindlich widerstreitenden Naturen
    Ergänzten sich zu wunderbarer Einheit;
    Mitschüler nannten uns die Dioskuren.
O, sel'ge Zeit der Unschuld und der Reinheit!
    Noch boten eines Herzens wir zusammen
    Dem Schlechten Krieg, Verachtung der Gemeinheit.
Beim Tacitus entlodert' ich in Flammen,
    Haß schwur ich den Tyrannen; fast erschrocken
    Vermochtest du den Schwur nicht zu verdammen.
Ich seh' dich schütteln deine blonden Locken, –
    Ein Blick, ein Druck von deiner lieben Hand –
    Und in die Gegenwart zurück mich locken.
Wir wuchsen auf, es wuchs in mir der Brand;
    Es rief die Zeit mit grimmen Leidenschaften
    Das Ungewitter, das bevor uns stand.
Du wolltest noch an morschen Trümmern haften,
    Den Baum umklammern, welchen, schon verdorrt,
    Dahin die gottgesandten Stürme rafften.
Da fiel das Wort, o, das unsel'ge Wort!
    Du hattest sonder Arg es ausgesprochen; –
    Herr Graf, wir sind getrennt! so stürmt' ich fort.
Ich war in meines Herzens Herz gestochen;
    Du riefst mir nach mit ausgestreckten Händen:
    Was hab' ich, Bruder, wider dich verbrochen?
Nicht mocht' ich rückwärts nach dem Ruf mich wenden,
    Ich schwieg und schritt hinaus: »sein adlig Blut!«
    Ich schrie und rang, das Opfer zu vollenden.
Ich schweifte durch die Nacht, ich weinte Wut,
    Und finst'rer, als um mich die Schatten waren,
    Und schauerlicher war mein kranker Mut.
Was da ich litt, du hast es jetzt erfahren,
    Du wirst, verklärter Geist, versöhnlich sein,
    Du bist ob meiner Liebe jetzt im Klaren.
Der Morgen kam, er gab so trüben Schein;
    Ich log mir vor, es sei nun überwunden,
    Und stand verwaiset auf der Welt allein.
Ich habe nur noch einen Halt gefunden:
    War selber mir das Leben leer und öde,
    Plebejisch fühlt' ich meines Landes Wunden.
Ich sah, wie nicht die Willkür sich entblöde,
    Die gleichgebor'nen Menschen doch in Klassen
    Zu teilen, diesem huldreich, jenem schnöde;
Ich sah sie Ketten schmieden, durfte hassen;
    Tyrannenhaß war meines Herzens Schlag
    Und widerhallte mir aus allen Massen.
Geduld! Geduld! und sieh', da schien der Tag!
    Sie selbst, sie pflanzten auf den blut'gen Schild,
    Zertretend mit den Füßen den Vertrag.
Da hab' ich noch gelacht, laut, grimmig, wild,
    Den letzten Kelch der Freude noch genossen,
    Dann zu den Waffen! in das Blutgefild!
Rings wogte drohend schon das Volk, es schlossen
    Die Haufen sich, zu richten und zu strafen;
    Stolz überzählten sich die Kampfgenossen.
Und kommend, wo die Schlacht entbrannt war, trafen
    Auf dich die Blicke, die den Feind begehrten,
    Auf dich, ihr Oberhaupt, den stolzen Grafen.
In stummer Haltung standen die Bewehrten,
    Mit blassem Antlitz, ohne Waffenlust,
    Gehorchend dem, den sie als Führer ehrten.
Ich fiel dich an, du botest deine Brust
    Mir dar, du riefst . . . – ich seh' im Todeskampf
    Dich zucken, alles Andern unbewußt.
Ich hab' umsonst gesucht im heißen Kampf
    Die inn're Ruhe wieder zu erwerben,
    Und lechzend mich berauscht in Blut und Dampf.
Vollendet ist das Werk, die Krone Scherben.
    Wer gab um dich, o Freiheit, was ich gab?
    Jetzt aber bin ich müd' und möchte sterben.
Und – wehe, weh'! – sie tragen ihn herab;
    Die Mutter weint, der ich das Herz zerbrach. –
    O, Wilhelm, schlafe sanft im frühen Grab! –
Wie noch der Unglücksel'ge solches sprach,
    Das Schmerzensbild noch seine Blicke sogen
    Und starrten straßenauf dem Zuge nach,
Ergossen straßenab sich Menschen-Wogen,
    Die rufend, jauchzend, freud'gen Taumels voll,
    Den Zug verdrängten und vorüber zogen;
Es war der Ruf, der aus dem Strom erscholl,
    Der, wie des sturmerregten Meeres Tosen,
    Betäubend laut und immer lauter schwoll:
Hoch lebe, hoch! der König der Franzosen!

 


 

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