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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 11
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Die drei Schwestern.

       

Wir sind drei Schwestern, mit dem Leid vertraut,
Vom Alter minder als vom Gram ergraut,
Zu trauern wohl gewohnt und zu verzichten.
Und jede meint, der herbste sei ihr Schmerz;
Tritt her, der Dichter kennt das Menschenherz.
Dein Amt ist zwischen uns den Zwist zu schlichten.

Vernimm zuerst das Leid, das mich betraf.
Ich rang erwachend mit der Kindheit Schlaf,
Die Knospe schwoll, ich fühlt' ein heimlich Regen.
Vom Hauch der Liebe brach die Blüt' hervor,
Mich zog ein Mann, ein Held zu sich empor,
Es trat das volle Leben mir entgegen.

Und mit der Myrte harrt' ich schon geschmückt
Des Freunds, in dem erschrocken und entzückt
Ich selber mich verloren und gefunden.
Die Hochzeitkerzen warfen ihren Schein –
Da trugen seine Leiche sie herein,
Sein Herzblut floß aus sieben tiefen Wunden. –

Das Gräßliche, was da ich überlebt,
Das ist das Bild, das ewig vor mir schwebt,
Das Bild, das Tag und Nacht mich macht erschauern.
Ich lebe nicht, dem Tod gehör' ich an
Und kann nicht sterben! o daß ich's nicht kann!
Wie lange soll noch diese Marter dauern!?

Die Zweite nahm hierauf das Wort und sprach:
Des Blutes ist das Bild und nicht der Schmach,
Das diese wachend stets und schlafend träumet.
Mich hat ein gleicher Hauch hervorgelockt,
Gejammert hab' ich, habe frohgelockt,
Der Kelch der Liebe hat auch mir geschäumet.

Der Lichtschein schwand von des Geliebten Haupt,
Ich sah ihn selbstisch, feig, von Glanz beraubt,
Und dennoch, weh' mir! mußt' ich ihn noch lieben.
Er floh. – Ob ihm gesellt die Schande bleibt,
Ob irrer Wahnsinn durch die Welt ihn treibt,
Ich weiß es nicht – mir ist der Schmerz geblieben

Die Dritte nahm hieraus das Wort und sprach:
Du sinnest zwischen beiden schwankend nach,
Und zweifelst noch, für welche zu entscheiden.
Geliebet und gelebt, ein menschlich Los:
Nahm auch das Unglück sie in seinen Schoß,
Sie beide säugend mit der Milch der Leiden.

Ich weiß in kurze Rede wohl genug
Des Leids zu fassen, deinen Urteilsspruch
Sollst, Schiedesrichter, du nicht übereilen.
Vernimm denn, was das bess're Recht mir giebt, –
Vier Worte nur: ich wurde nie geliebt –
Du wirst des Leides Palme mir erteilen.

 


 

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