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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 108
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Der neue Diogenes.

                 

Was pressen sich die dichten Massen
Des Volkes in den engen Raum?
Es fassen, Amiens, deine Straßen
Das wogende Gedränge kaum. –
Der Kaiser naht, der Herr der Welt:
Hebt Siegeslieder an zu singen!
Er hat der Feinde Macht zerschellt,
Er naht, den Seinen Heil zu bringen. –

Der Freudenrausch, der sich ergossen,
Er läßt den Einen unberührt;
Ein Steinmetz ist's, der unverdrossen
Den Meißel und den Hammer führt;
Der läßt den Zug vorübergeh'n
Und nicht im Tagewerk sich stören,
Als hab' er Augen nicht zu seh'n,
Als hab' er Ohren nicht zu hören.

Vom Roß herab bemerkt von ferne
Der Kaiser dort den rüst'gen Mann;
Es reizt ihn, daß er kennen lerne,
Wer so von ihm sich sondern kann.
Er hat sich ihm genaht, er fragt:
»Was schaffst du da?« – »Den Stein behauen!«
Entgegnet der, und wie er's sagt,
Er kann ihm scharf ins Antlitz schauen.

»Ich sah dich bei den Pyramiden,
Du schlugst dich gut, du warst Sergeant;
Wie kam's, daß du den Dienst gemieden,
Vergessen hier und unbekannt?«
»Ich habe meine Schuldigkeit
Gethan, o Herr, zu allen Stunden,
Und ward nach ausgedienter Zeit
Von Eid und Kriegespflicht entbunden.« –

»Es thut mir leid, im Heer zu missen,
Wer brav sich hielt im Kriegeslauf;
Laß deinen kühnsten Wunsch mich wissen,
Des Kaisers Gnade sucht dich auf!« –
»Ich brauche nichts, die Hände mein
Genügen noch, mich zu ernähren;
Laß mich behauen meinen Stein,
Und deiner Gnade nicht begehren.«

 


 

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