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Adelbert von Chamisso: Gedichte - Kapitel 101
Quellenangabe
titleGedichte
authorAdelbert von Chamisso
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Der Graf und der Leibeigene.

1.

         

Laß, Graf, die Jagd und wende dein Roß;
Es wird, bevor du erreichest dein Schloß,
Wo kreißend die Gräfin begehret dein,
Der Erbe vielleicht dir geboren sein.

Wie sprengt er daher mit freudigem Mut!
Wie trieft der Rappe von Schweiß und von Blut!
Die Burg erreicht er mit letzter Kraft, –
Verwirrung herrscht in der Dienerschaft.

Es dringt in das Frauengemach der Graf;
Die Wöchnerin liegt in ruhigem Schlaf,
Die Frauen entfernt, die Fenster verhängt,
Die Wiege dicht an das Bette gedrängt.

Er deckt die Wieg' auf, atmend kaum; –
Zwei Knaben faßt der enge Raum,
Zu Haupt liegt einer, der andre am Fuß;
Wie schwelgt nun sein Herz im Überfluß!

Er hebt den einen, den andern mit Lust
Aus enger Wiege an seine Brust,
Er legt sie beisammen, und wieder hervor
Sie hebend hält er die Beiden empor.

»Wie bin ich so reich, wie war ich so arm!
Nun wieg' ich der Sprößlinge zwei im Arm,
Nun grünt mein Stamm in Üppigkeit,
Nun soll er mir ragen in Herrlichkeit!«

Da kommt die Wehemutter herein,
Sie ahnet schon, was geschehen mag sein.
Sie hört und sieht ihn erschrocken an:
Was hast du, Graf, was hast du gethan?

Entbunden ward mit der Herrin zugleich
Die Schaffnerin, – was wirst du so bleich? –
Sie hat, die hier sich geschäftig verletzt,
Der Kinder eins in die Welt gesetzt.

Zu Häupten lag, der dir gehört,
Der andre zu Füßen, wie sich's gehört,
Wer ist dein Blut, wer dein Geschlecht?
Leibeigen wer und niedrer Knecht?

Da ruft er entsetzt: Was hab' ich gethan?
Mein Sohn, mein Sohn, wer zeigt mir ihn an?
Erwachend ruft die Gräfin: Mein Kind!
O gebt mein eigenes Kind mir geschwind!

Vergebliche Klage: kein Zeuge spricht,
Zu kennen sind die Kinder nicht,
Verloren ist der Irrung Spur,
Die Zeichen schweigen, es schweigt die Natur.


2.

Bald legt sich der Alte zur letzten Ruh',
Und fällt sein brechendes Aug' erst zu, –
Auf welcher Seite sei das Recht, –
So bin ich der Herr, so bist du der Knecht. –

»Du, Doppelgänger, bist mir fast,
So wie ich dir, in der Seele verhaßt;
Und schläft er . . ich frage nach keinem Recht,
So bin ich der Herr, so bist du der Knecht.« –

Ich bin der Graf, wer widersagt
Dem hochgeborenen Herrn? wer wagt
Verblendet gegen mich den Raub? –
Vor mir, Leibeigener, in den Staub! –

»Ich bin der Graf und dulde hier
Dein blasses Bild nicht neben mir;
Ich werfe dich in den tiefsten Turm;
Zu meinen Füßen kreuch, du Wurm!« –

Wenn schmähen deine Zunge darf,
Ist doch dein Schwert viel minder scharf,
Sonst müßte bald entschieden sein
Wohl zwischen uns das Mein und Dein. –

»Was warten wir, daß sein Auge bricht?
Ich fälle dich gleich, du Bösewicht!« –
Was warten wir? das sprachst du gut;
Gleich dünge mein Land dein schwarzes Blut!

Vernahmst du, Graf, der Waffen Klang
Vom Hag herüber die Halle entlang?
Was trägt dein schwankender Fuß dich dahin?
Ach! Unheil ahnet dein finsterer Sinn.

Und über zwei Leichen auf blutigem Grund,
Da ringt er verwaist die Hände wund,
Und weint die alten Augen blind,
Und schüttelt sein greises Haar in dem Wind.

 


 

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