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Gottfried August Bürger: Gedichte - Kapitel 95
Quellenangabe
titleGedichte
authorGottfried August Bürger
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Neue weltliche hochdeutsche Reime,
enthaltend
die ebentheyerliche, doch wahrhaftige
Historiam

von der wunderschönen Durchlauchtigen
Kaiserlichen Prinzessin Europe
und einem uralten heidnischen
Götzen, Jupiter item Zeus
genannt,
als welcher sich nicht entblödet, unter der Larve eines unvernünftigen
Stieres an höchstgedachter Prinzessin ein Crimen raptus, zu deutsch:
Jungfernraub, auszuüben.

Also gesetzet und an das Licht gestellet
durch
M. Jocosum Hilarium, Poet. caes. laur.

                Vor Alters war ein Gott
Von nicht geringem Ruhme
Im blinden Heidenthume;
Nun aber ist er todt.
Er starb ... post Christum natum ...
Ich weiß nicht mehr das Datum.

Der war an Schelmerei,
Das Weibsen zu betrügen,
Von dem Papa der Lügen
Das ächte Conterfei;
Und kurz, auf alle Fälle
Ein lockerer Geselle.

Ich hab' ein altes Buch,
Das thut von ihm berichten
Viel schnurrige Geschichten,
Worin manch Stutzer gnug
Für seinen Schnabel fände,
Wenn er Latein verstände.

Mein unverdroßner Mund
Soll ohne viel zu wählen
Nur einen Kniff erzählen;
Denn thät ich alle kund,
So wäre zu besorgen,
Ich säng' bis übermorgen.

Eu'r Batzen soll euch nicht,
Geehrte Herrn, gereuen;
Mein Liedel soll euch freuen! –
Doch ihr dort, Schelmgezücht,
Kroaten, hinter 'n Bänken!
Laßt nach mit Lärm und Schwänken!

Heda! Hier nichts gegeckt,
Ihr ungewaschnen Buben!
Narrirt in andern Stuben,
Nur mich laßt ungeneckt!
Sonst hängt euch, schnaps! am Munde
Ein Schloß, wiegt tausend Pfunde.

Ha, das Donatgeschmeiß!
Kaum hört und sieht's was Neues,
So hat es gleich Geschreies,
So puppern Herz und Steiß.
Geduld! Man wird's euch zahlen,
Euch dünnen Schulpennalen!

Traut nicht! Es regt sich hie
In meinem Wolfstornister
Der Kuckuk und sein Küster,
Ein Kobold, – heißt Genie.
Dem schafft's gar guten Frieden,
Wem Gott solch Ding beschieden.

Laßt ja den Griesgram gehn!
Er weiß euch zu kuranzen,
Läßt euch wie Affen tanzen
Und auf den Köpfen stehn,
Wird euch mal begenieen,
Daß euch die Steiße glühen. –

Doch ihr, Kunstjüngerlein!
Mögt meine Melodeien
Nur nicht flugs nachlalleien;
So leicht lallt sich's nicht 'nein.
Beherzigt doch das Dictum:
Cacatum non est pictum. – –

Eu'r Batzen soll euch nicht,
Geehrte Herrn, gereuen.
Mein Liedel soll euch freuen!
Nun schaut mir ins Gesicht!
Merkt auf mit Herz und Sinnen!
Will endlich mal beginnen. –

Zeus wälzt' im Bette sich,
Nachdem er lang gelegen,
Wie Potentaten pflegen,
Und fluchte mörderisch:
»Schon trommelt's zur Parade!
Wo bleibt die Chocolade?«

Gleich bringt sie sein Lakai,
Bringt Schlafrock, Toffeln, Hose,
Schleppt Pfeife, Knasterdose
Nebst Fidibus herbei;
Denn Morgens ging kein Mädchen
Gern in sein Cabinetchen.

Er schlürft' acht Tassen aus,
Hing dann zum Zeitvertreibe
Sich mit dem halben Leibe
Zum Himmelsfenster 'naus
Und schmauchte frisch und munter
Sein Pfeifchen Knaster 'runter.

Und durch sein Perspectiv
Visirt' er von dem Himmel
Nach unserm Weltgetümmel;
Sonst mochten wol so tief
Die abgeschwächten Augen
Nicht mehr zu sehen taugen.

Da nahm er schmunzelnd wahr
Auf schön beblümten Auen,
Gar lieblich anzuschauen,
Vergnügter Mägdlein Schaar,
Die auf dem grünen Rasen
Sich Gänseblümchen lasen.

Die Schönste war geschmückt
Mit einem leichten Kleide
Von rosinfarbner Seide,
Mit Fadengold durchstickt;
Die andern aber schienen
In Demuth ihr zu dienen.

Die niedliche Gestalt,
Die schlanken zarten Glieder
Besah er auf und nieder.
Ihr Alter er gar bald
Recht kunstverständig schätzte
Und es auf sechzehn setzte.

Zum Blumenlesen war
Ihr Röckchen aufgehoben;
Das Perspectiv von oben
Sah alles auf ein Haar.
Die Füßchen, Knie und Waden
Behagten Seiner Gnaden.

Sein Herzenshammer schlug.
Bald wollt' er mehr gewinnen.
Da hub er an zu sinnen
Auf arge List und Trug.
Ihn dünkt, sie zu erschnappen,
Sei's Noth, sich zu verkappen.

Er klügelt' und erfand
Nach schlauem Spintisiren
Als Stier sich zu maskiren;
Doch ist mir unbekannt,
Wie dieses zugegangen
Und wie er's angefangen.

Ich mag um Schlaf und Ruh'
Durch Grübeln mich nicht bringen;
Allein mit rechten Dingen
Ging solches Spiel nicht zu.
Es half ihm, sonder Zweifel,
Gott sei bei uns! † † † der Teufel.

Kurzum, er kommt als Stier
Und graset im Gefilde,
Als führt' er nichts im Schilde,
Erst ziemlich weit von ihr,
Und scheint den Frauenzimmern
Sich schlecht um sie zu kümmern.

Allmählich hub er an,
Sich näher an zu drehen.
Doch noch blieb sie nicht stehen.
Der Krepp wuchs ihr bergan;
Auch ward ihr in die Länge
Die Schnürbrust ziemlich enge.

Doch hört nur! Mein Monsieur
Verstand die fintenvolle
Vorher studirte Rolle,
Wie ich mein A-b-c.
War er Acteur, ich wette,
Daß man geklatschet hätte.

Er hatte Theorie
Mit Praxis wohl verbunden.
In seinen Nebenstunden
Verabsäumt' er fast nie,
Nasonis Buch zu treiben
Und Noten beizuschreiben.

Drum that der arge Stier
Sehr zahm und sehr geduldig,
Schien keiner Tücke schuldig
Und suchte mit Manier
Durch Kopfhang sich und Schweigen
Empfindsam gar zu zeigen.

Das Mägdlein, durch den Schein
Von Sittsamkeit betrogen,
Ward endlich ihm gewogen.
»Sollt' er wol kurrig sein?«
Sprach sie zu ihrer Amme.
»Er gleicht ja einem Lamme!«

Die alte Strunsel rief:
»Ei! welche schöne Frage!
Nach alter deutscher Sage
Sind stille Wasser tief.
Drum chère enfant, drum bleibe
Dem bösen Stier vom Leibe!« –

»Ich möchte«, fiel sie ein,
»Ihm wol ein Kränzel binden
Und um die Hörner winden.
Er wird schon artig sein,
Wenn ich hübsch traulich rabble
Und hinterm Ohr ihm krabble.« –

»Fort, Kind! Da kommt er! Ah!...«
Doch er ließ sacht die Glieder
Ins weiche Gräschen nieder,
Lag wiederkäuend da.
Sein Auge, dumm und ehrlich,
Schien gänzlich nicht gefährlich.

Da ward das Mädchen kühn
Und trieb mit ihm viel Possen –
Das litt er unverdrossen –,
Und ach! und stieg auf ihn,
»Hi! Hi! Ich will's doch wagen,
Ob mich das Thier will tragen?«

Doch der verkappte Gast
Empfand auf seinem Rücken
Mit krabbelndem Entzücken
Kaum seine schöne Last,
So sprang er auf und rennte,
Als ob der Kopf ihm brennte.

Und lief in vollem Trab
Querfeldein, schnurgerade
Zum nächsten Meergestade,
Und hui! that er hinab,
Kein Weilchen zu verlieren,
Den Sprung mit allen Vieren.

»Ach!« schrien die Zofen, »ach!« –
Die an das Ufer sprangen
Und ihre Hände rangen –
»Ach! Ach! Prinzessin, ach!
Was für ein Streich, Ihr Gnaden!
Nun han wir's auszubaden.«

Allein das arme Kind
Hub, zappelnd mit den Beinen,
Erbärmlich an zu weinen:
»Ach! helft mir! helft geschwind!«
Doch unser Schalk vor Freude
War taub zu ihrem Leide.

Nichts half ihr Ach und Weh;
Sie mußte fürbaß reiten.
Da gafft' auf beiden Seiten
Janhagel aus der See
Und hub ganz ausgelassen
Hierüber an zu spaßen.

Der Stier sprach nicht ein Wort
Und trug sie sonder Gnade
Hinüber an's Gestade
Und kam in sichern Port.
Darob empfand der Heide
Herzinnigliche Freude.

Hier sank sie auf den Sand,
Ganz matt durch langes Reiten
Und Herzensbangigkeiten,
Von Sinnen und Verstand.
Vielleicht hat's auch darneben
Ein Wölfchen abgegeben.

Mein Stier nahm frisch und froh
Dies Tempo wahr und spielte,
Als sie nicht sah und fühlte,
Ein neues Qui pro quo;
Denn er verstand den Jocus
Mit fiat Hocus pocus.

Und trat als Cavalier
In hochfrisirten Haaren,
Wie damals Mode waren,
Mit dem Flacon zu ihr
Und hub um Brust und Hüften
Die Schnürbrust an zu lüften.

Kaum war sie aufgeschnürt,
Kaum kitzelt' ihre Nase
Der Duft aus seinem Glase,
So war sie auch curirt;
Drauf er, wie sich's gebührte,
Comme ça mit ihr charmirte

»Willkommen hier ins Grün!
Per Dio! das bejah' ich,
Mein blaues Wunder sah ich!
Woher, mein Kind, wohin?
So weit durch's Meer zu reiten!
Und doch nicht abzugleiten! –

»Indessen freut mich's, hier
In meinem schlechten Garten
Gehorsamst aufzuwarten.
Ma foi! das ahnte mir.
Heut' hatt' ich so ein Träumchen...
Auch juckte mir das Däumchen.

»Man zog ihr wackres Thier,
Worauf Sie hergeritten,
Nachdem Sie abgeschritten,
Gleich in den Stall von hier;
Da soll es nach Verlangen
Sein Futter schon empfangen.

»Sie werden, Herzchen, gelt,
Wol noch ein wenig frieren?
Geruhn Sie zu spazieren
In dieses Lustgezelt
Und thun in meiner Klause,
Als wären Sie zu Hause.

»Hier pflegen Sie der Ruh'
Und trocknen sich, mein Schneckchen,
Ihr Hemde sammt dem Röckchen,
Die Strümpfchen und die Schuh'.
Ich, mit Permiß, will Ihnen
Statt Kammermädchen dienen.«

Sie sträubte jüngferlich
Sich Anfangs zwar ein wenig;
Doch er bat unterthänig
Und da ergab sie sich.
Nun, hochgeehrte Gäste,
Merkt auf! Nun kommt das Beste.

Hem!... Ha! Ich merke wol
An euern werthen Nasen,
Daß ich mit hübschen Phrasen
Eu'r Ohr nun kitzeln soll.
Ihr möchtet um den Batzen
Vor Lachen gern zerplatzen.

Doch, theure Gönner, seht,
Was ich dabei riskire!
Wenn's der Pastor erführe,
Der keinen Spaß versteht,
Dann wehe meiner Ehre! –
Ich kenne die Pastöre! –

Drum weg mit Schäkerein!
Von süß candirten Zoten
Wird vollends nichts geboten,
Hilarius hält fein
Auf Ehrbarkeit und Mores,
Ihr Herren Auditores.

In Züchten, wie sich's ziemt,
Weil mich vor langem Breie
In solchen Schosen scheue,
Meld' ich nur kurz verblümt:
Hier that mit seiner Schöne
Der Herr sich trefflich bene.

Nun schwammen mit Geschrei,
In langen grünen Haaren,
Der Wassernixen Schaaren
Hart an den Strand herbei,
Zu sehen das Spectakel
In diesem Tabernakel.

Manch Nixchen wurde roth,
Manch Nixchen wurde lüstern;
Jen's neigte sich zum Flüstern,
Dies lachte sich halb todt;
Neptun, gelehnt an's Ruder,
Rief: »Prosit, lieber Bruder!«

Nun dank', o frommer Christ,
Im Namen aller Weiber,
Daß dieser Heid' und Räuber
Bereits gestorben ist.
Zwar... fehlt's auch zum Verführen
Nicht an getauften Stieren.

 


 

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