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Gottfried August Bürger: Gedichte - Kapitel 85
Quellenangabe
titleGedichte
authorGottfried August Bürger
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Das Dörfchen.

        Ich rühme mir
Mein Dörfchen hier;
Denn schönre Auen,
Als ringsumher
Die Blicke schauen,
Blühn nirgends mehr.
Welch ein Gefilde,
Zum schönsten Bilde
Für Dietrich's Hand!
Hier Felsenwand,
Dort Aehrenfelder
Und Wiesengrün,
Dem blaue Wälder
Die Grenze ziehn!
An jener Höhe
Die Schäferei,
Und in der Nähe
Mein Sorgenfrei!
So nenn' ich meine
Geliebte, kleine
Einsiedelei,
Worin ich lebe,
Zur Lust versteckt,
Die ein Gewebe
Von Ulm und Rebe
Grün überdeckt.

Dort kränzen Schlehen
Die braune Kluft,
Und Pappeln wehen
In blauer Luft.
Mit sanftem Rieseln
Schleicht hier gemach
Auf Silberkieseln
Ein heller Bach,
Fließt unter Zweigen,
Die über ihn
Sich wölbend neigen,
Bald schüchtern hin;
Läßt bald im Spiegel
Den grünen Hügel,
Wo Lämmer gehn,
Des Ufers Büschchen
Und alle Fischchen
Im Grunde sehn;
Da gleiten Schmerlen
Und blasen Perlen,
Ihr schneller Lauf
Geht bald hinnieder,
Und bald herauf
Zur Fläche wieder.

Schön ist die Flur;
Allein Elise
Macht sie mir nur
Zum Paradiese.

Der erste Blick
Des Morgens wecket
Auch unser Glück.
Nur leicht bedecket,
Führt sie mich hin,
Wo Florens Beete
Die Königin
Der Morgenröthe
Mit Thränen näßt
Und Perlen blitzen
Von allen Spitzen
Des Grases läßt.
Die Knospe spaltet
Die volle Brust,
Die Blume faltet
Sich auf zur Lust;
Sie blüht, und blühet
Doch schöner nicht,
Als das Gesicht
Elisens glühet.

Wann's heißer wird,
Geht man selbander
Zu dem Mäander,
Der unten irrt.
Das sinkt zum Bade
Der Schäferin
An das Gestade
Das Röckchen hin.
Soll ich nicht eilen,
Die Lust zu theilen? –
Der Tag ist schwül,
Geheim die Stelle,
Und klar und kühl
Die Badequelle.

Ein leichtes Mahl
Mehrt dann die Zahl
Von unsern Freuden.
In weichem Gras,
An Pappelweiden
Steht zwischen beiden
Das volle Glas.
Der Trunk erweitert
Nun bald das Herz,
Und Witz erheitert
Den sanften Scherz.
Sie kommt und winket
Und schenkt mir ein;
Doch lachend trinket
Sie selbst den Wein,
Flieht dann und dünket
Sich gut versteckt;
Doch bald entdeckt,
Muß sie mit Küssen
Den Frevel büßen.

Drauf mischet sie
Die Melodie
Der süßen Kehle
In das Ahi
Der Philomele,
Die so voll Seele
Nie sang wie sie.

So zirkeln immer
Lust und Genuß,
Und Ueberdruß
Befällt uns nimmer.

O Seligkeit!
Daß doch die Zeit
Dich nie zerstöre,
Mir frisches Blut,
Ihr treuen Muth
Und Reiz gewähre!
Das Glück mag dann
Mit vollen Händen
An Jedermann,
Der schleppen kann,
Sich arm verschwenden.
Ich seh' es an,
Entfernt vom Neide,
Und stimme dann
Mein Liedchen an
Zum Tanz der Freude:
Ich rühme mir
Mein Dörfchen hier.

 


 

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