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Gottfried August Bürger: Gedichte - Kapitel 76
Quellenangabe
titleGedichte
authorGottfried August Bürger
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Die Nachtfeier der Venus.

1. Vorgesang.
            Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Unter Wonnemelodien
Ist der junge Lenz erwacht.
Seht, wie froh den Phantasieen
Neuer Lust sein Auge lacht!
Golden über Thal und Hügel,
Blau und golden schwebet er;
Wohlgefühle wehn die Flügel
Milder Winde vor ihm her.
Wolken hinter ihm verleihen,
Tränkend Wiese, Hain und Flur,
Labsal, Nahrung und Gedeihen
Jedem Kinde der Natur.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Lieb' und Gegenliebe paaret
Dieses Gottes Freundlichkeit.
Ihre Nektarfülle sparet
Liebe für die Blütenzeit.
Was auf Erden, was in Lüften
Lebensodem in sich hegt,
Wird von frischen Würzedüften
Zum Verlangen aufgeregt.
Selbst die Sehnsucht, die erkaltet,
Die erstorben war, entglüht,
Wann die Knospe sich entfaltet,
Wann die Hyacinthe blüht.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Heller, golden, rosenröther
Bricht uns dieser Morgen an
Als das erste Licht, da Aether
Mutter Tellus liebgewann,
Da sie von dem hehren Gatten
Floren und den Lenz empfing,
Und der erste Maienschatten
Um die schönsten Kinder hing.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Hoch im Lichte jener Scene
Wand aus Amphitritens Schooß
Cypris Anadyomene
Sanft die schönen Glieder los.
Ahnend, welch ein Wunder werde,
Welche ein Götterwerk aus Schaum,
Träumten Himmel, Meer und Erde
Tief der Wonne süßen Traum.
Als sie, hold in sich gebogen,
In der Perlenmuschel stand,
Wiegten sie entzückte Wogen
An des Ufers Blumenrand.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

 
2. Weihgesang.
Auf, und stimmt zu Cypris' Feier,
Stimmt ihn an, den Weihgesang!
Töne drein, gewölbte Leier!
Hall' am Felsen, Widerklang!
Morgen ziehn sie ihre Tauben
Feierlich in unsern Hain,
Und die höchste seiner Lauben
Nimmt sie als ihr Tempel ein;
Morgen sitzt sie hier zu Throne,
Morgen blinkt ihr Richterstab;
Wie zur Strafe, so zum Lohne
Spricht sie mildes Recht herab.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Eilt, den Thron ihr zu erheben,
Eilt in froher Harmonie!
Blumenschmuck soll Flora weben,
Flora, blumenreich durch sie.
Spend', o Göttin, jede Blume,
Die auf deinen Beeten lacht,
Spende zu des Festes Ruhme
Deine ganze Farbenpracht.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Sammt den Charitinnen waltet
Neben ihr zugleich ihr Sohn.
Festlich, Hand in Hand gefaltet,
Stehn wir um den Götterthron.
Alle Nymphen sind geladen.
Nymphen aus Gefild' und Hain,
Oreaden und Najaden
Werden um die Göttin sein.
Liebevoll von ihr berufen,
Huldigt Alles seiner Pflicht,
Knie an Knie erfüllt die Stufen
Um das hohe Throngericht.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Ha, wie froh heran zum Feste
Schon der Nymphen Schaaren ziehn!
Amor grüßt mit Huld die Gäste;
Doch die Gäste meiden ihn. –
Nymphen, die sein Köcher schreckte,
Seht ihr nicht, was Amor that,
Daß er Wehr und Waffen streckte,
Daß er sich in Frieden naht?
Heut' entwaffnen ihn Gesetze,
Die er achtet, die er scheut,
Daß er nicht ein Herz verletze,
Wenn es gleich ihm Blöße beut.
Aber weislich, Nymphen, brüstet
Ihr euch nicht, und scheut ihn doch;
Denn den Waffenlosen rüstet
Seine ganze Schönheit noch.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Nymphen, rein wie du an Sitte,
Du, o keusche Delia,
Sendet dir mit Gruß und Bitte
Venus Amathusia;
Unsern Feierhain beflecke
Morgen weder Blut noch Mord,
Deiner Jagd Getöse schrecke
Nicht des Hains Bewohner fort!
Selber wäre sie erschienen,
Selber hätte sie gefleht;
Doch sie scheute deiner Mienen,
Deines Ernstes Majestät.
Weiche bei Aurorens Scheine!
Venus Amathusia
Walt' allein in diesem Haine!
Weich', o keusche Delia!

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Freundlich von Gesicht und Herzen,
Lüde sie auch dich mit ein,
Freut' es dich, der Liebe Scherzen,
Ernste Jungfrau, dich zu weihn;
Freut' es dich, von Jubelchören
Drei geweihte Nächte lang
Aphroditens Lob zu hören
Und beglückter Herzen Dank;
Freut' es dich, in Wirbelreigen
Paar an Paar uns munter drehn
Und, umhüllt von Myrtenzweigen,
Liebetraulich ruhn zu sehn.
Denn den Helden, der am Indus
Vom bezähmten Pardel stritt,
Ceres und den Gott von Pindus
Lud die Göttin freundlich mit.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

 
3. Lobgesang.
Ha! Schon naht der Tag der Feier!
Auf, beginnt den Lobgesang!
Töne drein, geweihte Leier!
Hall' am Felsen, Widerklang! –
Aphroditens Hauch durchdringet
Bis zur leeren Aetherflur,
Wo die letzte Sphäre klinget,
Jeden Puls der Weltnatur.
Ewig weht er, fort zu nähren
Jene wunderbare Kraft,
Die durch Zeugen und Gebären
Ewig neue Wesen schafft.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Wie die Braut an Hymens Feste
Prangt durch sie die Frühlingsflur.
Blüte ziert des Baumes Aeste
Wie Rubin und Perlenschnur.
Bellis, Primel, Maienglocke,
Purpurklee und Thymian,
Crocus mit der goldnen Locke
Schmücken Feld- und Wiesenplan.
Auf dem Gartenbeet entfaltet
Sie der Tulpe Prachtgewand;
Aber holder noch gestaltet
Dich, o Rose, Cypris' Hand;
Ihrer zarten Dornenwunde
Dankest du dein sanftes Roth,
Deinen Duft dem süßen Munde,
Klagend um Adonis' Tod.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Sie beglückt, was im Gefilde,
Sie, was Odem zieht im Hain.
Wie der Heerde, so dem Wilde
Flößt sie ihr Entzücken ein.
Wohl gedeiht die Lust der Gatten,
Wohl durch sie im Mutterschooß;
Ohne Weh im Myrtenschatten
Windet sich ihr Segen los;
Denn es war die Flur der Hirten
Alte Sage macht es wahr –,
Wo sie selber unter Myrten
Ihren Amor uns gebar.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Sie erlöst' Anchisens Laren,
Als die Glut sein Haus umfing,
Sie aus tausend Meergefahren,
Was der Flammenwuth entging.
Sie erwarb dem biedern Sohne
Fern von Troja Weib und Land.
Rheens unentweihte Zone
Löste sie durch Mavors' Hand.
Heil durch Liebesbund und Frieden,
Gegen Rächerzorn und Macht,
Schenkte sie den Romuliden
Zur geraubten Freudennacht.
Roma, deine Tapferthäter,
Wunder für der Nachwelt Ohr,
Deine weisen edeln Väter
Gingen all' aus ihr hervor.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Schall', o Maigesang! Erschalle,
Cythereens Hochgesang!
Thal und Hügel feiern alle,
Wald und Flur sind Feierklang.
Horch! Der Heerde Jubellaute
Schallen dort vom Anger ihr;
Leiser tönt im Heidekraute
Reger Bienen Chorlied hier.
Lärmen ruft das Hausgefieder
Ihr vom Weiher Dank empor,
Und die Vögel edler Lieder
Opfern Wohllaut ihrem Ohr.
Schmelzend flötet Philomele
Tief im dunkeln Pappelhain.
Liebe tönt aus ihrer Seele;
Klage kann ihr Lied nicht sein.
Längst ist Tereus' Wuth vergessen,
Längst vergessen ihr Verlust.
Maigefühl und Liebe pressen
Sanfter ihre zarte Brust.

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

Sänger, Chor an Chor, verbreiten
Aphroditens Lob umher.
Soll ich nicht ihr Lied begleiten?
Stimmet mich kein Frühling mehr? –
Ha! Erwachte nicht im Lenze
Meine Brust zu Lieb' und Sang,
So entwelkten mir die Kränze,
Die ins Haar mir Phöbus schlang.
Phöbus, müde mich zu lehren,
Nähme Stimm' und Laute mir,
Säng' ich, Mai, nicht dir zu Ehren,
Nicht zu Ehren, Liebe, dir.
Auf denn, wann im grünen Hage
Neu ihr Bett Aëdon baut,
Werd', o Lied, am ersten Tage
Mit Aëdon's Gatten laut!

    Morgen liebe, was bis heute
    Nie der Liebe sich gefreut!
    Was sich stets der Liebe freute,
    Liebe morgen wie bis heut!

 


 

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