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Gottfried August Bürger: Gedichte - Kapitel 54
Quellenangabe
titleGedichte
authorGottfried August Bürger
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Veit Ehrenwort

Erzählung

                          Veit Ehrenwort ging an den Beeten
In seinem Garten, Hand am Kinn,
Betrachtend her, betrachtend hin.
Auf einmal rief er ganz betreten:
»Potz sapperment! Wo kommen von den Beeten
Die Schoten mir und Wurzeln hin?
Das geht nicht zu mit rechten Dingen.
Dieb über Dieb! Ei, wenn wir dich doch fingen!«

Den nächsten Abend stellt er sich
Ins Lamberts-Nußgebüsch zur Lauer;
Und sieh! bald naht mit leisem Schlich,
Durch einen Spalt der Gartenmauer,
Die Nachbarin Rosette sich;
Ein Weib so jung, so schön und säuberlich,
Daß selbst der leckerste der Prasser
Es schmausen möcht aus Salz und Wasser.

»Ei, ei!« rief Meister Ehrenwort,
Als er beim Fittich sie erwischte
Und innen wurde, was er fischte,
Wobei ein Tröpfchen Huld sofort
Sich unter seine Galle mischte,
»Ei, ei! Woher an diesem Ort?
Wie? Schämt Sie sich denn nicht, Rosette? –
Wenn ich nicht Mitleid mit Ihr hätte,

So – hätt ich wohl ein Zuchthaus dort,
Und drin zur Züchtigung ein Bette,
Worauf ich Sie – mit einem Wort,
Worauf ich so dich wurzeln wollte,
Daß dir das Äuglein brechen sollte.
Für dies Mal laß ich noch dich fort.
Doch hüte dich, vernaschtes Mäuschen!
Sonst – siehst du dort das Gartenhäuschen? – –
Ein Wort, ein Mann! Ein Mann, ein Wort!«

Ob vor der Tat, ob vor dem Häuschen,
Das weiß ich nicht, kurz, sehr verschämt,
An Zung und Lippe halb gelähmt,
Enttrippelt das ertappte Mäuschen.
Veit Ehrenwort bleibt da, und grämt
Sich hintendrein, daß er sich so bezähmt,
Und nicht schon heut den Strafakt unternommen:
Denn morgen wird sie schwerlich wieder kommen.

»Ei, nimmermehr wird das geschehn!« –
So? Meint ihr das? Wir wollen sehn!
Veit Ehrenwort, den nächsten Abend
Mehr an Erinnerung, als Hoffnung sich erlabend,
Denkt: Wozu hilft das Wachestehn?
Und will schon aus dem Garten gehn:
Sieh da, kommt wieder, wie gepfiffen,
Das Mäuschen an und – wird ergriffen.

»Ein Wort, ein Mann! Ein Mann, ein Wort!«
Ruft Veit mit fest entschloßner Stimme;
Und trotz Gewinde, trotz Gekrümme,
Geht's marsch! ins kleine Zuchthaus fort.
Hier wird ihr Veit, das könnt ihr denken,
Den Zuchtwillkommen nicht mehr schenken.

Wer hätt es nicht wie Veit gemacht?
Allein wer hätt auch wohl gedacht,
Rosette würde gehn und klagen:
»Veit Ehrenwort hat jene Nacht
Mich – mit Gewalt – – in Schimpf gebracht.« –
»Wie kam denn das?« hör ich hier fragen;
»Hm! Erst sich liefern, dann doch klagen!«
Ei nun! Man hatte nicht bedacht,
Veit würde jetzt in wenig Tagen,
Wie er auch tat, den Spaß der Nacht
Vor aller Welt zu Markte tragen.

»Das hat auch Veit nicht gut gemacht!«
Hör ich die Rechtsgelahrten sagen.
»Wenn's nach der Carolina geht,
Und nicht Stuprata für ihn fleht,
So kostet's Veiten Kopf und Kragen.« –

Wir wollen sehn! – Bei gutem Mut
Weiß Veit den ganzen Fall so gut
Den Herren Richtern aufzuklären;
Weiß bündig stets, durch Schluß auf Schluß,
So seine Unschuld zu bewähren,
Daß Frau Rosette schweigen muß.
»Und Veit? –« Kommt los mit allen Ehren.

Hilf Himmel, welch ein Gaudium! –
Allein die Nachbarinnen alle
Ereiferten sich ob dem Falle,
Und stahlen – weiß nicht recht, warum?
Ob angereizt von böser Galle?
Ob von dem Speck der Mausefalle? –
Kurz, stahlen Nacht für Nacht den ganzen Garten leer,
Und Veit behielt kein Hälmchen mehr.

 


 

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