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Gottfried August Bürger: Gedichte - Kapitel 108
Quellenangabe
titleGedichte
authorGottfried August Bürger
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Göckingk an Bürger.

                  Verdammte Versemacherei!
Was hast du angerichtet?
Uns unsers Lebens einz'gen Mai
Zum Kuckuk hingedichtet?

Gevatter Bürger! sagt einmal,
Sind wir nicht brave Thoren,
Daß wir durch selbstgemachte Qual
Den schönen Mai verloren?

Was hat man von dem Dichten? Hum!
Vielleicht das bischen Ehre,
Gekannt zu sein vom Publikum? –
Ich dachte, was mir wäre!

Mag sein, daß man bei Tafel spricht,
Wenn den durchlauchten Bäuchen
Die Zeit lang währt: »Ist Bürger nicht
Amtmann zu Altengleichen?«

Ein Fräulein thut dir wol sogar
Die Gnad' und fragt nicht minder:
»Trägt denn der Bürger eignes Haar?
Hat er schon Frau und Kinder?«

Ein Amtsauditor geht, bepackt
Mit deinem Buch, zu Schönen
Und lieset, daß der Balken knackt
Und alle Fenster dröhnen.

Das hört denn ein Student und schreit:
»Und wohnt' er bei den Sternen!
Ich muß – ist Altengleichen weit? –
Muß Bürgern kennen lernen.«

Und eh' Herr Bürger sich's versieht,
Kommt mein Signor geritten,
Und Bürger, für sein herrlich Lied,
Muß ihn zum Essen bitten.

Da schlingt er nun den Truthahn ein,
Den du mir aufbewahrtest,
Und trinkt – hol' ihn der Fuchs! – den Wein,
Den du für mich erspartest.

Er rühmt dir baß sein gutes Herz,
Will Freundschaft mit dir treiben,
Und droht sogar – o Höllenschmerz! –
Recht oft an dich zu schreiben.

Das macht: Manch ehrliches Journal
Ließ laut dein Lob erschallen;
Allein, wann las denn wol einmal
Herr Bürger eins von allen?

Und ließ ich dich in Kupfer, schier
Von Bausen selber, stechen,
Hilft dir es etwas, wenn von dir
Die Leut' ein Weilchen sprechen?

Was hast du von Dem allen? Sklav'!
Wenn ich's zusammenpresse,
Was ist es, als Despotenschlaf
Und Inquisitenblässe?

Hör' auf! Ich gab mein Herz dir hin,
Eh' du ein Blatt geschrieben;
Hör' auf! und die Frau Amtmannin
Wird dich noch lieber lieben.

Hör' auf! Als Dichter kennt man dich,
Als Mensch lebst du verborgen;
Kein Christenkind bekümmert sich
Um alle deine Sorgen.

Ja! solltest du auch den Homer
In Jamben übersetzen,
Drob werden dich kein Haar breit mehr
Die Herrn Minister schätzen.

Du würdest dennoch nach wie vor
Amtmann zu Gleichen bleiben;
Drum, trauter Bürger, sei kein Thor,
Und trinke, statt zu schreiben.

 
An Göckingk.

                  Nun, nun! Verschütt' Er nur nicht gar
Das Kindlein sammt dem Bade!
Das arme Kindlein das! Fürwahr!
Es wär' ja jammerschade.

Denn, sieht Er, trotz der Plackerei
Beim Zeugen und Gebären
Mag doch die edle Reimerei
Auch viel Profit bescheren.

Trotz Sing und Sang von Cypripor,
Apoll, Achill und Hektor
Bleibt man zwar Amtmann nach wie vor,
Auch – Herr Kanzleidirector.

Denn leichter wird durch Vocation
Zu Pension und Pfründen
Die kahlste Dissertation
Als Iliaden finden.

Auch mästet man sich eben nicht
Von Mäcenaten-Gnade,
Trägt A-b-c-Buchs-Angesicht
Und Schlotterbauch und Wade.

Die Herren von der Klerisei
Und aus dem edlen Rathe
Verschmelzen mehr in Supp' und Brei
Und prunken baß im Staate.

Doch neid' ich nicht das Bonzenheer
Um seine dicken Köpfe;
Die meisten sind ja hohl und leer
Wie ihre Kirchthurmknöpfe.

Doch – Spaß bei Seite! – hör' Er an,
Falls ihm mein Ernst beliebig!
Ist denn nicht auch für ihren Mann
Poeterei ergiebig?

Bedenk er nur, wie schön das ist!
Verleger, wohlgezogen,
Bezahlen oft zu dieser Frist
Mit Louisd'or den Bogen.

Wächst nun im zehnten sauern Jahr
Zehn Bogen stark Sein Bändchen,
So schnappt Er ja an Trankgeld bar
Zehn Blinde ohne Rändchen.

Das heißt doch nicht für Katzendreck
Sich müd' und lahm kasteien.
Soll denn so viel gebratner Speck
Umsonst ins Maul Ihm schneien?

Herr Ugolino muß doch auch,
Nebst Weib und Kind und Gästen,
Nach altem hergebrachten Brauch
Von unserm Hirn sich mästen.

Steht der gelahrte Facultist
Dagegen doch viel kahler.
Dem setzt es kaum, wenn's köstlich ist,
Zwei Gulden oder Thaler.

Drob ärgern sich nun freilich baß
Die Herren Facultisten
Und sticheln Ihm ohn' Unterlaß
Brav auf die Belletristen.

Manch Herr Professor kriegte schon
Vor Kummer graue Haare,
Daß mehr jetzt gilt ein Agathon
Als Facultätenwaare.

Der Ruhm hat freilich große Last
In diesem Jammerleben,
Wie du davon zum Sprechen hast
Ein Conterfei gegeben.

Doch nach dem Tode geht's erst an!
Denn auch bei den Tongusen,
Nach tausend Jahren, ehret man,
So Gott will! unsre Musen.

Dort illustrirt man fein aus uns
Antiquitätenlisten.
Uns liest manch hochberühmter Duns
Gelahrter Humanisten.

Die jetzt aus ihrem Bücherschrein
Verächtlich uns verschieben,
Weil wir nicht griechisch und latein
Und nicht arabisch schrieben.

Dort preist man unsre Opera
Durch Commentationen,
Inaugural-Programmata
Und Dissertationen.

Schon hör' ich Krittler-Mordgeschrei
In meinem stillen Grabe,
Wer die Lenore doch wohl sei!
Ob sie gelebet habe.

Man bringt bald chrestomatice
Uns winzig klein in nucem,
Bald, commentirt cum Indice,
In Folio ad lucem.

Wie schön, wenn Knaben, jung und alt,
In jenen goldnen Tagen
Zur Schul', in Riemen eingeschnallt,
Mich alten Knaster tragen!

Aus mir Vocabeln wohlgemuth
Und Phrases memoriren,
Um mich so recht in Saft und Blut,
Ut ajunt, zu vertiren!

Und geht's nicht mit der Lection
Und mit dem Exponiren,
Dann wird's gar schlecht im Hause stohn. –
Der Junker muß cariren! –

Sieh, was die Reimerei beschert,
Die du vermaledeiet!
Das ist doch wol der Federn werth,
Die man darum zerkäuet? –

Nur eine Angst vergällt den Ruhm,
Den ich mir phantasire,
Daß einst nicht, wie Horatium,
Mich Hans und Kunz vertire.

 


 

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