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Gottfried August Bürger: Gedichte - Kapitel 104
Quellenangabe
titleGedichte
authorGottfried August Bürger
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typepoem
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Nothgedrungene Epistel
des berühmten Schneiders Johannes Schere
an seinen großgünstigen Mäcen.

                Wie kümmerlich, trotz seiner Göttlichkeit
Sich oft Genie hier unterm Monde nähre,
Beweisen uns die Kepler, die Homere
Und hundert große Geister jeder Zeit
Und jeder Erdenzone weit und breit!
Doch wahrlich nicht zu sonderlicher Ehre
Der undankbaren Menschlichkeit,
Die ihnen späte Dankaltäre
Und Opfer nach dem Tod erst weiht.

Auch mir verlieh durch Schere, Zwirn und Nadel,
Minerva Kunst und nicht gemeinen Adel.
Allein der Lohn für meine Trefflichkeit,
Ist Hungersnoth, ein Haderlumpenkleid,
Ist obenein der schwachen Seelen Tadel,
Und dann einmal, nach Ablauf dürrer Zeit,
Des Namens Ruhm und Ewigkeit.

Allein was hilft's, wenn nach dem Tode
Mich Leichenpredigt oder Ode
Den größten aller Schneider nennt,
Und ein vergoldet Marmormonument
An welchem Schere, Zwirn und Nadel hangen
Und Fingerhut und Bügeleisen prangen,
Der späten Nachwelt dies bekennt?
Wenn lebend mich mein Zeitgenosse
Zu Stalle, gleich dem edeln Rosse
Auf Stroh zu schlafen, von sich stößt
Und nackend gehn und hungern läßt?

Der Stümper, der zu meinen Füßen kreucht,
Beschmitzet zwar mit seines Neides Geifer,
Weil nicht sein Blick an meine Höhe reicht,
Oft meinen Ruhm und schreit, ich sei ein Säufer,
Sei stets bedacht, mein Gütchen zu verthun,
Und lass' indeß die edle Nadel ruhn.
O schnöder Neid! Denn überlegt man's reifer,
Gesetzt den Fall, die Lästerung sei wahr,
So ist dabei doch ausgemacht und klar,
Und es bestätigt dies die Menge der Exempel,
Daß solch ein Zug von je und je im Stempel
Erhabner Genieen war.

Sie binden sich nicht sklavisch an die Regel
Der Lebensart und fahren auf gut Glück
So wie der Wind der Laun' in ihre Segel
Just stoßen mag, bald vorwärts, bald zurück
Und lassen das gemeine Volk laviren.
Sie haben vor den seltnen Wunderthieren
Ein Stärkerrecht, daß man sie sorgsam hegt,
Dankbar bekleidet und verpflegt,
Zu hoch und frei, sich selber zu geniren.
Und wenn der Ueberfluß verkehrter Welt
Oft Affen, Murmelthier' und Raben
Und Kakadu und Papagei erhält,
So sollten sie den Leckerbissen haben,
Der von des Reichen Tische fällt.
Allein wie karg ist die verkehrte Welt
Für ein Genie mit ihren Gaben!

Willst du davon ein redend Beispiel sehn,
So schau' auf mich, großgünstiger Mäcen,
So guck' einmal nebst deinem theuern Weibe
Auf meinen Rock durch deines Fensters Scheibe
Und sieh die Luft in hundert Hadern wehn
Und meinen Leib dem Winter offen stehn!
Sprich selbst einmal, ist's nicht die größte Schande,
Daß mich, der ich so oft mit seidenem Gewande
Bekleidete des Landes Grazien,
Die Welt nun läßt in Haderlumpen gehn?
Kann dies dich nicht zu mildem Mitleid reizen,
Mit einer Kleinigkeit mir hülfreich beizustehn?
Nein, Menschenfreund, du kannst nicht geizen!
Ich kann getrost auf deine Güte baun.

Mich stärkt von deinen Liebesthaten
So manches Beispiel im Vertraun.
Du kannst, du wirst am besten mich berathen.
So borge denn mir für ein bessres Kleid
Zu Schutz und Trutz in dieser rauhen Zeit
Nur einen lumpigen Dukaten!
Mit Dank bin ich ihn jederzeit
Durch künstliche, durch dauerhafte Nahten
Abzuverdienen gern bereit.

 


 

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