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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Gedichte - Kapitel 42
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorChristian Hofmann von Hofmannswaldau
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3150088895
titleGedichte
sendergerd.bouillon@t-online.de
correctorreuters@abc.de
modified20160907
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TrauerGedicht bey Absterben eines vertrauten Freundes.

MEin Freund wo ist die Zeit da unsre grüne Jugend
    Die AnmuthsBluhmen brach und FreundschaftsAepfel laß /
    Als ich nicht weit von dir als Schul-Geselle saß /
    Erquicket durch den Saft der Wissenschaft und Tugend?
    Wir lebten dazumahl in einer süssen Ruh /
    Und schauten unberührt dem Weltgetümmel zu /
    Es machte Krieg und Pest uns gar geringen Schrecken.
    Die Einfalt hieng uns Schild und Giftbedämpfung an /
    Wir liessen KriegesRuff uns schlechte Furcht erwecken /
    Und zeigten wie man auch bey Unruh ruhen kan.
Es war der Glockenklang bey etzlich tausend Leichen
    Uns ein gemeiner Schall / wir dachten / daß die Pest
    Wie grausam sie auch scheint noch Menschen übrig läst /
    Daß Glutt und Kugeln nicht durch iede Häuser streichen /
    Es war uns Troja mehr als Mantua bekandt /
    Und mehr das alte Rom als Eng- und Niederland /
    Es war uns Elb und Rein ein unbekanntes Wesen /
    Was bildeten wir uns nicht von der Tiber ein?
    Und was wir von Athen und von Corinth gelesen /
    Hieß Londen und Pariß geringe Flecken seyn.
Wir schmeckten dazumahl den Frühling unsrer Jahre /
    Der kleinste Garten war vor uns ein Paradieß /
    Wir dachten das die Luft nur Rosen auf uns bließ /
    Es war der Bezoar uns unbekante Wahre.
    Auf unsrer Seiten gieng fast nichts als Freudigkeit /
    Vertrauligkeit und Lust verkürtzten uns die Zeit /
    Kein Unmuth kont in uns die FreudenCircul stören /
    Wir hielten Ja und Nein vor unsern grösten Schwur /
    Wir liessen keinen Glantz und Fürnüß uns bethören
    Und suchten nur allein der Einfalt reine Spur.
Verdacht und Argwohn war entfernt von unsren Sinnen /
    Betrug das war vor uns ein Wort der neuen Welt /
    Ein Quintlein reiner Lust war unser LagerGeld /
    Kein Irrlicht fauler Brunst hat uns verleiten können /
    Ein Einfaltreiner Schertz war unser Zeitvertreib /
    Kein Schmuck deckt unsren Geist / kein Gold druckt unsren Leib /
    Glaß und auch Diamant war uns von gleicher Würde /
    Es hielt die Redligkeit den Hoff auf unsrer Brust /
    Es druckt uns dazumahl noch keine SorgenBürde /
    Kein Eyfer und Verdruß verpfeffert uns die Kost.
Doch dieser Garten trug nicht süsse Lagerfrüchte /
    Verstand und Zeit zubrach das Wohnhaus unsrer Lust /
    Viel frembde Regungen beschwungen Geist und Brust /
    Und machten unser Thun wie leichten Schnee zunichte /
    Wir lernten daß der Zeug der Welt nicht Farbe hält /
    Daß Freud' als Stroh verstaubt / und Gunst wie Glaß zerfällt /
    Der Eydschwur nicht genung der Menschen Treu verbindet /
    Das keine Stunde recht der andern ähnlich ist /
    Daß sich Verdruß und Tod in Lust und Kost befindet /
    Und man bey Salbey Gift und Molchen hat erkiest.
Es kitzelt' uns ein Trieb die frembde Luft zuschauen /
    Im reisen suchten wir das allerhöchste Gutt /
    Der Zeug' entfernt zuseyn bewegt uns Geist und Blut /
    Wir meinten dar und dort ich weiß nicht was zubauen /
    Wir bildeten uns ein / daß Weisheit und Verstand
    Uns nicht gewehret wird als nur durch frembde Hand /
    Daß nur der Künste Kern in frembden Schalen stecket /
    Daß andre Luft uns mehr als unsre witzig macht /
    Daß dieser Himmel nicht des Geistes Kraft erwecket /
    Und die Natur allein in frembden Orten lacht.
Und diese HertzensLust war endlich auch gebüsset;
    Die alte Meisterin der Menschligkeit / die Zeit /
    Bewieß / daß der Genieß mit Eckel diß bestreut /
    Was uns die HoffnungsHand alleine hat versüsset.
    Wir schauten daß das Feld so Kunst und Weißheit hegt /
    Auch Wolfsmilch fauler Lust und FeindschaftsNesseln trägt /
    Daß fremde List sich auch zu fremden Sprachen setzet /
    Daß von der Zierligkeit oft Treu und Glauben weicht /
    Und manches schöne Land / so uns zusehr ergötzet /
    Vor reine Lilien auch Kröten überreicht.
Wir kamen / du von Nord / und ich von Ost zurücke /
    Das scharffe KriegesSchwerd verschrenckt uns unsern Lauff /
    Die allgemeine Noth hub unsre Reisen auff /
    Wir schauten nichts vor uns als jammerreiche Blicke /
    Wir funden manche Stadt in Ziegelgrauß verkehrt /
    Das Feld unangebaut die Dörffer gantz verhert /
    Dem Pfluge war verwehrt den Acker zu bestreichen /
    Und solcher Anblick bließ uns diese Wörter ein:
    Der MenschenLeben ist den Büchern zuvergleichen /
    Da schwartzer Noten viel / und weiser wenig seyn.
Wir dachten / daß die Zeit so uns mit Feuer dreuet /
    So mit dem Donner schreckt und alles traurig macht /
    In einem Augenblick aus trüben Wolcken lacht /
    Und durch den Gegenschein der Wolfahrt uns erfreuet.
    Daß vieler Wochen Angst durch Freude kan vergehn /
    Daß Lust und Unlust hier in stetem Wechsel stehn /
    Daß dieser Welt Verdruß sich endlich läst vertreiben:
    Die Hoffnung bleibet doch das Labsal unser Noth:
    Weil wir in Pilgramschaft des Lebens müssen bleiben /
    So reicht die Hoffnung uns das beste ReiseBrodt.
Wir liessen uns allso den Schluß des Himmels leiten /
    Der uns geführet hat durch Berge See / und Land /
    Wir unterworffen uns desselben starcken Hand /
    Die uns alleine kan den Ehrenstul bereiten.
    Wir lachten manchesmahl bey nicht zu gutem Spiel /
    Wir dachten wer verkehrt / diß / was der Himmel wil?
    Wir liessen die Geduld des Geistes Pflaster werden /
    Das Wetter schauten wir mit steiffen Augen an /
    Wir wusten das der Blick von traurigen Geberden
    Uns nur verächtlich macht / und nichts verbessern kan.
Es mehrten dergestalt sich auch zugleich die Jahre /
    Doch mit Verminderung der Freudigkeit und Ruh /
    Es wuchs uns nach und nach der Kräften Abfall zu.
    Das Alter bleibet doch der Aufboth zu der Bahre.
    Die Sorgen bauten auch ihr Zeughauß bey uns auf /
    Der Freudigkeit verschloß der Unmuth ihren Lauff /
    Die Kranckheit zeigte sich in Lenden / Haubt und Beinen /
    Es war vor uns nicht mehr ein gantzer Feyertag
    Es plagten dich und mich nicht selten Sand und Steine /
    Doch mehr der Sorgen-Grieß / so uns im Geiste lag.
Die Nacht von der Natur zur Ruhzeit uns geschencket /
    So fast der gantzen Welt Entledigung verspricht /
    Schloß uns die Augen zwar / doch unsern Kummer nicht /
    Wie hat bey kurtzem Schlaff uns mancher Traum gekräncket?
    Die Nacht ist ins gemein der Angst Vergrössungs-Glaß /
    Viel wachte bey uns auf / was sonst entschlaffen saß.
    Wie manches Trauerspiel entspann sich in Gedancken /
    Wir seufzten biß das Licht der goldnen Sonne schien /
    Sie rieß uns der gestalt zwar aus der Nächte Schrancken /
    Doch nahm sie nicht ein Loth von unsrem Kummer hin.
So taumeln wir mein Freund auf dieses Lebens Wegen /
    Biß uns der Wolfahrt Ost und unsrer Sorgen West /
    So man das Sterben heist aus schweren Fesseln läst /
    Und unser Fuß entweicht den Dornen-reichen Stegen.
    Wer ist es der allhier der rechten Ruh geneust /
    Eh als des Todes Hand ihm seine Lippen schleust /
    Und läst uns in die Schoß der alten Mutter kommen?
    Dann diß / was uns alhier / Aug / Ehr und Mund erfreut /
    Heist zu dem Morgengruß auch bald den Abschied kommen /
    Und ist mit Gall erfüllt und Wehmuth überstreut.
Du hast numehr den Port der rechten Ruh erreichet /
    Bist aller Noth befreyt / und deines Lebens Kahn
    Befällt kein harter Sturm und greift kein Wetter an /
    So uns von Ost und West bey Tag und Nacht bestreichet /
    Kein kalter Kummer-Wind / kein heisser Donnerschlag /
    Beblitzet dir die Nacht / verdunckelt dir den Tag /
    Du lebst numehr befreyt vor Jammer / Angst und Schrecken /
    Die Sonne wil dir nicht wie vormahls untergeh'n /
    Dich wil die Sicherheit mit ihrem Schilde decken /
    Und nichts als Freudigkeit an deiner Seite stehn.
Die deutsche Redligkeit / die Anmuth der Geberden /
    Die edle Fähigkeit / der Dinge Wissenschaft /
    Der Zunge Fertigkeit / der Feder Wunder-Kraft /
    Kan nicht wie Haut und Bein zu dünnem Staube werden.
    Dein Angedencken lebt in tausend Menschen Geist /
    So diß der Afterwelt zuschencken sich befleist /
    Dein EhrenRuhm entreist des Todes festem Netze /
    Er steiget über sich / kennt nicht den Sturm der Zeit /
    Ist niemahls unterthan der Sterbligkeit Gesetze /
    Und ist der Seelen gleich von ihrem Spruch befreyt.
Du bleibest beygesetzt in deiner Freunde Hertzen /
    Die Ehrensäule hat die Tugend dir gestift /
    Dein From und Redlichseyn wird dir zur Grabeschrift /
    Und keine Zeit verlescht die hellen EhrenKertzen.
    Was Zung' und Feder hat vor Rath und Stadt gethan /
    Macht daß man deiner nicht so bald vergessen kan /
    Man wird dein Ehrenlob den späten Zeiten zeigen /
    Weil in der Erdenschoß der Moder dich zerfällt /
    So wird dein TugendRuff der Sonne gleiche steigen /
    Wo das gestirnte Heer so fleißig Wache hält.
Die Tugend balsamirt der Menschen Angedencken /
    Das Opium der Zeit schläft auch nicht alles ein /
    Der gute Leumundt weiß von keinem Grabestein /
    Und läst sich nicht so leicht als Haut und Bein versencken.
    Die Säulen durch den Geist der Menschen aufgericht /
    Frist nicht der Jahre Frost / zermalmt das Alter nicht.
    Des Wolverhaltens Baum läst keine Blätter fallen /
    Es trotzt sein edler zweig die rauhe WintersZeit /
    Er scheuet keinen Reif und keines Donners Knallen /
    Und seine Früchte seyn ein Bild der Ewigkeit.
Kan gleich dein Nahme nicht der Sternen Rey vermehren /
    Kan er dem Perseus nicht nechst an der Seite stehn /
    Und neben dem Mercur nicht auf und nieder gehn /
    Sol deiner Strahlen Glantz nicht Mohrenland verehren /
    So schadet dieses nicht / das hat der Heyd erdacht /
    So Dieb' und Mörder oft zu Gott und Sternen macht.
    Der Sternen goldnes Haubt wird Assig übersteigen /
    Es schmeltzt Orion doch durch jenem letzten Brand /
    Und wann kein Cepheus mehr sich wird im Himmel zeigen /
    So bleibt dein Nahme noch verwahrt in Gottes Hand.
Mein Freund bleib wo du bist / geneuß der süssen Stunden /
    Dein edle Seele schaut der Strahlen Uberfluß /
    Vor der die Sonne selbst verdunckelt werden muß /
    Und ohne derer Licht sich hat kein Licht gefunden.
    Vor Galle schmeckst du itzt / die süsse HimmelsKost /
    Vor KummerDorn umschleust dich Rosensanfte Lust /
    Du fühlst nicht mehr den Sturm der Wundertrüben Zeiten /
    Mein Freund bleib wo du bist / dich stöst kein Unfall an /
    Du kanst auf Lilien und Tuberosen schreiten /
    Wol dem / der diese Welt / wie du / verwechseln kan.
Allso begleit ich nun des Liebsten Freundes Bahre /
    Und mich begleitet nichts als Unmuth und Verdruß /
    Dadurch die Menschligkeit sich meistern lassen muß /
    Und immer schwerer wird bey Wachsthum unsrer Jahre.
    Den Zucker dieser Welt hab ich genung geschmeckt /
    Ich weiß das vielmahls Gift in süssen Mandeln steckt /
    Das Frucht und Bäume seyn umzirckt mit gelben Schlangen /
    Der Grundstein unsrer Lust ist nichts als Schminck und Schein /
    Ich lasse dieser Welt ihr Reichthum und ihr Prangen /
    Und wüntsche halb bey Gott und halb verscharrt zuseyn.

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