Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Gedichte - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorChristian Hofmann von Hofmannswaldau
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3150088895
titleGedichte
sendergerd.bouillon@t-online.de
correctorreuters@abc.de
modified20160907
Schließen

Navigation:

Liebe Zwischen Hertzog Ungenand und Agnes Bernin.

UNgenand eines vornehmen Hertzogs Sohn / ließ in zarter Jugend nebenst der anmuthigsten Gestalt / so ein Fürst in sich haben solte / nicht geringe Zeichen seines Helden-Muths verspüren. Es begab sich / ich weiß nicht / durch was vor Schickung / daß hochermelter Herr eines WundArtztes / oder wie wir ins gemein zusagen pflegen / eines Barbires Tochter / in die Augen faste / und weil Sie über ihre GeburtsArt nicht allein schöne / sondern auch von hohem Gemüthe war / sie inbrünstig zu lieben begunte. Seine Gedancken waren die Agnes Bernin (so war dieser geliebten Nahme) als eine Seele die ihm gleichte / ihm zuvermählen / und durch öffentlich Gepränge der Welt seine eyfrige Flammen scheinen zulassen. Diese junge Heldin / so dem Gemüthe nach vielleicht so rühmlich einen Scepter / als ihr Vater die Fliette / würde geführet haben / scheuete nicht allbereit sich des Fürsten Gemahlin zunennen / und begunte schon mit Begleitung eines Adelichen FrauenZimmers herein zutretten. Der regierende Herr / als Vater / zog dieses hitzige Beginnen seines Herren Sohnes ihm treflich zu Gemüthe / und weil er wohl schauete daß dieses / seinen Gedancken nach / schimpfliche Feuer in dem ersten Brande auszuleschen were / so eilete er in Abwesenheit des jungen Hertzogs nach Sittenburg wo sich gedachte schöne enthielt / berufte den Rath daselbst / und ließ diese Sache so weit treiben / daß diese unglückseeliche Liebhaberin in das Gefängnüs geworffen ward. Weil sie dann nun in der höchsten Noth ihren HeldenMuth nicht sincken ließ / sondern vielmehr durch unerschrockene Antwort an Tag geben wolte / daß sie dem Geiste nach nicht gantz unwürdig sey eine Hertzogin genennet zuwerden; als ward Sie nach gesprochenen Urtheil in einen Sack gestossen / und in einem flissenden Wasser erträncket. Ihr Gedächtnis schwimmet noch oben / und das steinerne Angedencken / so ihr zu Ehren aufgerichtet worden / ist noch nicht geschleift.

Agnes an Ungenand.

DEin Agnes schreibet hier mit Banden an den Händen /
Mit Riegeln wohl verwahrt die mehr als stählern seyn /
Mit Finsternüs umbstrickt / verwacht an allen Enden /
Wer aber liefert dir diß kleine Schreiben ein?
Ich muß itzund aus Noth dergleichen Leuthen trauen /
Da keine Höfligkeit ie eingewurtzelt hat /
Wird ein verdächtig Aug' auf meine Zeilen schauen /
So find die gantze Welt hier neue Missethat.
Es zeiget mir itzund das schlüpffrige Gelücke /
Wie seine Schmeicheley die Welt berücken kan /
Zuvor erqvickten mich die Strahlen deiner Blicke /
Itzt schaut ein Scherge mich mit schelen Augen an.
Ein Hertzog küste mir vor diesem Hand und Armen /
Itzt schleust man meinen Leib in Ketten und in Band /
Vor schaut ich nichts als Neid / itzt schau ich kein Erbarmen /
Und bin ein GauckelSpiel vor dieses gantze Land.
Diß macht der PurpurRock / damit du mich umgeben /
Diß macht / dieweil dein Geist dem meinen wolgewolt /
Der Kuß / den ich empfing / der bringt mich umb das Leben /
Denn das du mich geliebt ist meine gröste Schuldt.
Wie leichtlich irren doch die Circkel unsrer Sinnen /
Wie macht das HofnungsGlaß uns alles viel zugroß.
Ich meint' / ich würde nun forthin nicht fallen können /
Ich wolte Göttin seyn und nicht ein Erdenkloß.
Ich meint' / ich were nur vor FürstenBluth erkohren /
Es were nur mein Mund gekrönter Küsse werth /
Ich glaubte nicht / daß mich ein BürgersWeib gebohren /
Wie aber hat die Zeit mir diesen Wahn verkehrt?
Dein Vater hat mich recht auch meinen lassen wissen /
Und gründlich kund gethan / wo ich entsprossen bin /
Den Purpur hat er mir vom Leibe weggerissen /
Und jagt mich itzt entblöst in ein Gefängnüs hin;
Hier muß ich mich gebückt in Ketten lassen legen /
Wie drückt das Eisen doch itzt meine zarte Handt!
Wie mir zu Muthe sey das kanstu leicht erwegen /
Dann dir ist mein Gemüth und auch mein Leib bekant.
Mein Albrecht scheu dich nicht mein Schreiben zu durch lesen /
Es komt von dieser her die du hast hoch geschätzt /
Schau was ich itzund bin / du weist was ich gewesen /
Und wie manch feüchter Kuß hat deinen Mund ergetzt.
Send' einen Seuffzer nur auf meine schwere Bande /
Dann keine Rettung ist vor mich auf dieser Welt /
Ach were nicht mein Blut von allzuschlechtem Stande /
So würd' ich dir / und nicht dem Tode zugesellt!
Ich dürffte nicht wie itzt bey HenckersBuben leben /
Man salbte meinen Leib mit frembden Balsam ein /
Es müste Seid und Gold umb meine Lenden schweben /
Und Agnes müste Braut des jungen Hertzogs seyn.
Es würde dieses Land Gelück und Segen ruffen /
Man würffe mir erfreut des Frühlings Kinder zu /
Ich hätte nichts als Lust / und nichts als Ruhm zuhoffen /
Und meiner Schätze Schatz / O Hertzog! wärest du.
So muß sich die Natur das Glücke meistern lassen /
Und Menschendreuungen sich machen unterthan /
Muß schauen wie man sie mit Satzung will verfassen /
Die auch der Richter selbst nicht leichtlich halten kan.
Da muß ein hoher Geist nicht hoch und edel heissen /
Der nicht in Cronen sitzt und aus dem Purpur schaut /
Muß den in Dinstbarkeit zu ehren sich befleissen /
Der oft aus schlechtem Zeug ist worden aufgebaut.
So muß das Silber offt gemeinem Ertzte dienen /
So muß ein kluger Knecht vor einem Herren stehn /
Der wie der Monde nur durch frembdes Licht geschienen /
Und sonder Ahnen nicht darf vor die Thüre gehn.
Doch will ich meinen Hals dem Joche nicht entziehen /
So die Gewohnheit hat dem Menschen aufgelegt /
Man muß die Last mit Lust zutragen sich bemühen /
Wenn dieser es befihlt der Kron und Scepter trägt.
Ich leide was ich kan / es wird nicht ewig wehren /
Die Kette nützt sich ab / die Stricke gehn entzwey /
Es muß der MenschenZorn sich in sich selbst verzehren /
Und wer gebunden lebt wird nach dem Tode frey.
Was mich itzt trösten kan / ist daß ich nichts verübet /
Worauf das strenge Recht das Feuer ausgesetzt /
Ein Fürst hat mich begehrt / ich hab ihn auch geliebet /
Und meine Seele war der seinen werth geschätzt.
Ach Fürst / läst deine Brunst noch etwas Thränen fliessen /
Geht ein getreues Ach durch deinen schönen Mundt /
So wisse / das mir diß wird meine Noth versüssen /
Wer aber machet mir die treue Zeichen kund?
Doch kan ich dein Gemüth und deinen Geist erkennen /
So weiß ich das dich wird bewegen meine Noth /
Du wirst in kurtzen diß die ärgste Zeitung nennen /
So zeitlich kommen wird: Itzt ist dein Agnes todt!
Ich weiß das letzte Wort vergleicht sich Donnerschlägen /
Besonders wenn du denckst an diesen schönen Tag /
Als du mich hast geführt auf deinen geilen Stegen /
Und dein erhitzter Mund auf meinen Lippen lag;
Genug! mein Fürst und Herr / was soll ich ferner schreiben?
Geneuß der JugendLust / gebrauche dich der Welt;
Du kanst auf deinem Stuhl und in dem Purpur bleiben /
Ob deine Liebe gleich durch einen Hencker fällt.
Die Ehre hat mir noch dein Vater nicht entführet /
Daß ich gezeichnet bin durch deinen ersten Kuß;
Ob meinen schwachen Leib gleich Gluth und Bluth berühret /
So weiß ich / daß man mir diß Kleinot lassen muß.
Nunmehr gedenck ich bald aus böser Hand zukommen /
Der Agnes bestes Theil / O Fürst! beruht bey dir /
Hast du die Rosen mir vor diesem abgenommen /
So findet unser Feind die Dornen nur allhier.

Ungenand an Agnes.

ISt dieses was ich soll von meiner Agnes haben?
Soll Gruß und Abschied denn nah' aneinander stehn?
Läst meine Taube sich ümbgeben schwartze Raben?
Muß meine Sonne denn so schimpflich untergehn?
Ist kein Erbarmnis mehr in dieser Welt zufinden?
Kennt Blut denn Blut nicht mehr? kennt mich mein Vater nicht?
Läst er mit Kett' und Band dich meine Seele binden?
So bin ich allbereit erbärmlich hingericht.
Ach wär' ich hingericht! Er läst mich in dem Leben /
Damit ich schmecken soll die Galle meiner Noth;
Er läst den TodesStifft auf meinen Hertzen schweben /
Denn ohne dich zuseyn / ist ärger als der Todt.
Die Sinnen wancken mir / die Feder will nicht schreiben /
Das Hertze waltzet sich und will mit Macht zu dir /
Es scheut sich ohne dich itzt mehr in mir zubleiben /
Und was nur Marter heist das find' sich itzt in Mir.
Es steht die Schuldigkeit mir trotzig im Gesichte /
Und spricht mir deutlich zu / ist diß die heisse Gluth?
Läst Albrecht seine Braut vergehen im Gerichte?
Ist dieses seine Treu? ist diß sein HeldenMuth?
Kan seine Liebe denn die Riegel nicht zerbrechen?
Verübt sie diß nicht mehr was in der alten Zeit?
Kan seine Mannheit sich nicht an den Richtern rächen?
Hat denn ein Augenblick die Kräfften abgemayt?
Hergegen muß ich auch den Schluß des Himmels hören /
Der als ein harter Schlag mir in die Ohren fällt /
Du solt / soviel du kanst / den alten Vater ehren /
Er hat dich neben Gott auf diese Welt gestellt.
Mit Eltern soll man nur mit DemuthsWaffen streiten /
Ihr Wort' und Wille soll uns ein Gesetze seyn /
Ihr Seegen kan uns Heil und Wohlfarth zubereiten /
Und Ihrer Flüche Sturm reist alles gutes ein.
So muß ich zwischen Blut und heissen Flammen liegen /
Bin schimpflich halb befleckt / und schmertzlich halb verbrennt /
Und muß den schwachen Hals für dein Verhängnüß biegen /
So diese gantze Welt vor ihren Zaum erkennt.
Ich werde nur erstummt itzunder warten müssen /
Was über dich und mich die Welt beschlossen hat /
Ich liege dem Gelück erbärmlich zu den Füssen /
Und hier bey unser Noth hat auch kein Pflaster statt.
Mit Einfall umbzugehn / den Harnisch anzulegen /
Das ist zwar Ritterlich / doch keine Hülffe nicht /
Den Vater würd' ich nur durch solche That bewegen /
Daß du noch grausamer itzt würdest hingericht.
Ich schaue nur zuviel / das Urtheil ist gesprochen /
Der Vater fleucht vor mir / und läst mich nicht vor sich /
Es hat sein harter Geist sich wohl an mir gerochen /
Er will dir an den Hals / und meinet mich durch dich.
Ich weiß kein Mittel mehr / ich rede nur mit Steinen /
Die Ohren seyn verstopft / das Hertze wird zu Stahl /
Man lacht mein Seuffzen aus und achtet nicht dein Weinen /
Man kräncket dich mit Angst und speiset mich mit Qual.
Das gröste / was mir itzt den Kern des Hertzens naget /
Ist dieses / daß ich dich in diese Noth geführt;
Ich hab' als Jäger dich in dieses Garn gejaget /
Das Eisen komt von mir / so deine Seele rührt.
Denn soltest du die Schmach von fremden Händen leiden /
Und würde deine Brust nicht durch mein Blut verletzt /
So könt ich endlich noch mich in Gedult bescheiden /
Ich sagt: es hat es so der Himmel ausgesetzt.
So soll mein Vater dich in Band' und Eisen legen /
Und meine LiebesBrunst dein Scheiterhauffen seyn /
Ja deiner Brüste Schnee zerschmeltzet meinetwegen /
Diß ist ein HöllenTranck und will mir bitter ein.
Doch alles ist ümsonst / dein Klagen und mein Hoffen /
Verschwindet wie ein Dunst und stirbet ohne Frucht /
Es hat uns in der Welt die höchste Noth betroffen /
Du wirst zum Todt / und ich zur Marter itzt gesucht.
Das Eisen so dich drückt das will mich auch beschweren /
Das Gift so dich verletzt würckt leider! auch in mir /
Wie solte meine Krafft sich nicht wie du verzehren?
Denn meine Seele wohnt itzt nirgends als in dir!
Ach Agnes glaub es mir / ich bin wie du gebunden /
Ich büße weil ich dich in solche Noth gebracht /
Wer deine Glieder schlägt' / der macht auch meine Wunden /
Scheinst du mir Sonne nicht / so bleib ich in der Nacht.
Doch kan und muß ich ja nach dir im Leben bleiben /
So soll dein Nahme stets in meinem Geiste stehn /
Ich will ihn dem Crystall mit Wörtern einverleiben /
Die mit der Ewigkeit in gleichen Zirckel gehn.
Ich will dein edles Grab mit tausend Thränen netzen /
Und wo der gelbe Neid es nur vertragen kan /
So will ich diese Schrifft auf deinen Leichstein setzen /
Daß auch der AfterWelt dein Ruhm sey kund gethan:
Hier ruht ein schönes Weib mit schwartzer Nacht bedecket /
Ein Schatz in dunckler Gruft aus Ungunst hingelegt /
Hier ruht die Reinligkeit / die noch kein Dunst beflecket /
Und dieses / was zuvor die Felsen hat bewegt.
Von ihrer TodesArth ist hier kein Wort zulesen /
Du weist es ohne mich die Welt ist voll Gefahr /
Ach weine / weil sie mehr als Englisch ist gewesen /
Daß bey den Menschen sie fast mehr als sterblich war.
Nun Agnes dieses soll auf deinen Leichstein schreiben /
Der einen heissen Kuß dir in Gedancken gibt /
Man kan zwar meinen Leib von deiner Seele treiben /
Doch mein Gemüthe nicht / so dich auch ewig liebt.
In meinem Geiste kan dein Bildniß nicht verderben /
Hier soll es wohl verwahrt in hohen Ehren stehn /
Und kan mein Hertze nicht mit deinem Hertzen sterben /
So laß doch meine Hand mit dir zu Grabe gehn.

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.