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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Gedichte - Kapitel 14
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorChristian Hofmann von Hofmannswaldau
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3150088895
titleGedichte
sendergerd.bouillon@t-online.de
correctorreuters@abc.de
modified20160907
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An Flavien. [II]

GEliebte Flavia / du kennest ja mein hertze /
    Du kennst es allzuwohl / es steht in deiner hand.
Es wächst das andre mahl Dianens weisse kertze /
    Als du das hertz und mich dir selber hast entwandt.
Wird ein gefällig wort auff diese blätter fliessen /
    So rühme deinen trieb / nicht meinen geist und mich.
Ich werde sonder zwang dir doch bekennen müssen /
    Die liebste Flavia die schreibt hier mehr als ich.
Doch bist du meisterin von meinen treuen sinnen /
    So schaue diesen brieff mit holden augen an.
Du wirst die feder ja mit recht nicht tadeln können /
    Die ohne deinen zug kein wort mehr schreiben kan.
Ich hoff es werde mich die richtsucht nicht verdammen /
    Vor der die tugend selbst nicht unberührt kan stehn /
Es kennt der himmel ja die reinen freundschaffts-flammen /
    Die auch an sauberkeit den sternen gleiche gehn.
Ach! liebste Flavia / die schrifft und die gedancken
    Sind ja ein wunderwerck und kleinod dieser welt;
Was spielen wir doch nicht in des gemüthes schrancken?
    Was haben wir da nicht verwegen fürgestellt?
Was uns verboten wird / das kan man hier erfüllen /
    Man lachet / schertzt und küßt / thut was uns wohlgefällt.
Kein scharff gesetze stört allhier den freyen willen /
    Und nichts ist starck genug / das uns zurücke hält.
Man mag die schönste brust hier ohne scheu berühren /
    Und schauen / was man sonst nicht wohl befühlen darff.
Man kan die heisse lust biß auff den gipffel führen:
    Dann den gedancken ist kein richter allzuscharff.
Kein riegel hält sie auff / es kan sie nichts verdecken /
    Wann ihre räder nur in scharffem triebe gehn;
Es kan kein zarter ort vor ihnen sich verstecken /
    Kein zahn und nagel weiß hier recht zu widerstehn.
Zeit und Gelegenheit weiß keinem nicht zu fehlen /
    Hier bricht man rosen ab / und fühlt die dornen nicht.
Man kan was / wo und wie nach seiner lust erwehlen /
    Man findt kein thor allhier / so unsern fürsatz bricht.
Die schrifften / die man sonst verdolmetscht durchs gemüthe /
    Die stumme redens-art / so aus der feder qvillt
Hat eine solche krafft / und ist von solcher güte /
    Daß offt ein schreiben mehr als ein Gespräche gillt.
Fällt gleich ein süsser schall uns in die dünnen ohren /
    So prägt die feder uns doch dessen meynung ein.
Es hat des menschen witz die littern ihm erkohren /
    Daß sie der sterbligkeit geschwänzte boten seyn.
Sie lauffen über berg und schwimmen über flüsse /
    Sie stifften buhlerey / und richten freundschafft an:
Sie führen gut und geld / sie bringen gruß und küsse /
    Und schwingen offtermahls der liebe sieges-fahn.
Sie pressen thränen aus / sie regen unsre hertzen /
    Sie blasen feuer auff / sie stärcken die gedult.
Sie sagen reichlich zu / sie wissen wohl zu schertzen /
    Und ein geschmeider brieff zahlt offt die gröste schuld.
Schrifft und gedancken sind der trost entfernter seelen /
    Damit bestellen sie die regung heisser pein /
Und was man vor der welt aus wohlstand muß verhölen /
    Das kan im sinn gespielt / im brieff geschrieben seyn.
Geliebte Flavia / in meinem angedencken
    Schwebt itzt dein freundlich seyn / dein anmuths-überfluß;
Mich deucht du wilst mich itzt mit rosen-thau beschencken /
    Vor dem die rose bleicht / und thau vertrocknen muß.
Mich deucht es rühren mich der hellen augen flammen /
    Und das geschwinde gifft / so aus rubinen fährt.
Es schlägt itzt über mir die wollust-fluth zusammen /
    So mir die höllen-angst ins paradieß verkehrt.
Ich schau auff warmem schnee die rothen beeren stehen /
    Die ohne zucker auch dem zucker ähnlich seyn;
Es scheint du heissest mich auff tuber-rosen gehen /
    Und machst die schwartze nacht zum hellen sonnenschein!
Ich schliesse diesen brieff / der hin zu dir begehret /
    Und der die hände küst / die ich nicht küssen kan.
Was mir versaget ist / das wird ihm itzt gewähret /
    Es scheint / als stösse mich ein kleiner eifer an.
Gesegnetes papier! du schwebest voll gelücke /
    Lauff itzt an meine statt in süssen hafen ein:
Geneuß von wegen mein der süssen liebes-blicke /
    Vor der die sonne selbst scheint ohne krafft zu seyn.
Bezeuge Flavia / daß schrifft und angedencken
    Des treuen freundes dir nicht gantz zu wider sey /
Und wilst du seinen geist nicht unverschuldet kräncken /
    So denck itzund an ihn / und schreib ihm auch darbey.

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