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Friedrich Schiller: Gedichte - Kapitel 69
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
sendergerd.bouillon@t-online.de
correctorreuters@abc.de
modified20160907
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Parabeln und Räthsel.

1.

Von Perlen baut sich eine Brücke
    Hoch über einen grauen See;
Sie baut sich auf im Augenblicke,
    Und schwindelnd steigt sie in die Höh.

Der höchsten Schiffe höchste Masten
    Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
    Und scheint, wie du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom und schwindet,
    So wie des Wassers Fluth versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
    Und wer sie künstlich hat gefügt?

 

2.

Es führt dich meilenweit von dannen
    Und bleibt doch stets an seinem Ort;
Es hat nicht Flügel auszuspannen
    Und trägt dich durch Lüfte fort.
Es ist die allerschnellste Fähre,
    Die jemals einen Wandrer trug,
Und durch das größte aller Meere
    Trägt es dich mit Gedankenflug;
    Ihm ist ein Augenblick genug!

 

3.

Auf einer großen Weide gehen
    Viel tausend Schafe silberweiß;
Wie wir sie heute wandeln sehen,
    Sah sie der allerältste Greis.

Sie altern nie und trinken Leben
    Aus einem unerschöpften Born,
Ein Hirt ist ihnen zugegeben
    Mit schön gebognem Silberhorn.

Er treibt sie aus zu goldnen Thoren,
    Er überzählt sie jede Nacht
Und hat der Lämmer keins verloren,
    So oft er auch den Weg vollbracht.

Ein treuer Hund hilft ihm sie leiten,
    Ein muntrer Widder geht voran.
Die Heerde, kannst du mir sie deuten?
    Und auch den Hirten zeig' mir an!

 

4.

Es steht ein groß geräumig Haus
    Auf unsichtbaren Säulen;
Es mißt's und geht's kein Wandrer aus,
    Und keiner darf drin weilen.
Nach einem unbegriffnen Plan
    Ist es mit Kunst gezimmert;
Es steckt sich selbst die Lampe an,
    Die es mit Pracht durchschimmert.
Es hat ein Dach, krystallenrein,
Von einem einz'gen Edelstein;
    Doch noch kein Auge schaute
    Den Meister, der es baute.

 

5.

Zwei Eimer sieht man ab und auf
    In einem Brunnen steigen,
Und schwebt der eine voll herauf,
    Muß sich der andre neigen.
Sie wandern rastlos hin und her,
Abwechselnd voll und wieder leer,
Und bringst du diesen an den Mund,
Hängt jener in dem tiefsten Grund;
    Nie können sie mit ihren Gaben
    In gleichem Augenblick dich laben.

 

6.

Kennst du das Bild auf zartem Grunde?
    Es gibt sich selber Licht und Glanz.
Ein andres ist's zu jeder Stunde,
    Und immer ist es frisch und ganz.
Im engsten Raum ist's ausgeführet,
    Der kleinste Rahmen faßt es ein;
Doch alle Größe, die dich rühret,
    Kennst du durch dieses Bild allein.

Und kannst du den Krystall mir nennen?
    Ìhm gleicht an Werth kein Edelstein;
Er leuchtet, ohne je zu brennen,
    Das ganze Weltall saugt er ein.
Der Himmel selbst ist abgemalet
    In seinem wundervollen Ring,
Und doch ist, was er von sich strahlet,
    Noch schöner, als was er empfing.

 

7.

    Ein Gebäude steht da von uralten Zeiten,
Es ist kein Tempel, es ist kein Haus;
Ein Reiter kann hundert Tage reiten,
Er umwandert es nicht, er reitet's nicht aus.

    Jahrhunderte sind vorüber geflogen,
Es trotzte der Zeit und der Stürme Heer;
Frei steht es unter dem himmlischen Bogen,
Es reicht in die Wolken, es netzt sich im Meer.

    Nicht eitle Prahlsucht hat es gethürmet,
Es dienet zum Heil, es rettet und schirmet;
Seines Gleichen ist nicht auf Erden bekannt,
Und doch ist's ein Werk von Menschenhand.

 

8.

Unter allen Schlangen ist eine,
    Auf Erden nicht gezeugt,
Mit der an Schnelle keine,
    An Wuth sich keine vergleicht.

Sie stürzt mit furchtbarer Stimme
    Auf ihren Raub sich los,
Vertilgt in einem Grimme
    Den Reiter und sein Roß.

Sie liebt die höchsten Spitzen;
    Nicht Schloß, nicht Riegel kann
Vor ihrem Anfall schützen;
    Der Harnisch – lockt sie an.

Sie bricht wie dünne Halmen
    Den stärksten Baum entzwei:
Sie kann das Erz zermalmen,
    Wie dicht und fest es sei.

Und dieses Ungeheuer
    Hat zweimal nie gedroht –
Es stirbt im eignen Feuer;
    Wie's tödtet, ist es todt!

 

9.

Wir stammen, unser sechs Geschwister,
    Von einem wundersamen Paar,
Die Mutter ewig ernst und düster,
    Der Vater fröhlich immerdar.

Von beiden erbten wir die Tugend,
    Von ihr die Milde, von ihm den Glanz;
So drehn wir uns in ew'ger Jugend
    Um dich herum im Zirkeltanz.

Gern meiden wir die schwarzen Höhlen
    Und lieben uns den heitern Tag;
Wir sind es, die die Welt beseelen,
    Mit unsers Lebens Zauberschlag.

Wir sind des Frühlings lust'ge Boten
    Und führen seinen muntern Reihn;
Drum fliehen wir das Haus der Todten,
    Denn um uns her muß Leben sein.

Uns mag kein Glücklicher entbehren,
    Wir sind dabei, wo man sich freut,
Und läßt der Kaiser sich verehren,
    Wir leihen ihm die Herrlichkeit.

 

10.

    Wie heißt das Ding, das Wen'ge schätzen?
Doch ziert's des größten Kaisers Hand;
Es ist gemacht, um zu verletzen;
Am nächsten ist's dem Schwert verwandt.

    Kein Blut vergießt's und macht doch tausend Wunden,
Niemand beraubt's und macht doch reich;
Es hat den Erdkreis überwunden,
Es macht das Leben sanft und gleich.

    Die größten Reiche hat's gegründet,
Die ältsten Städte hat's erbaut;
Doch niemals hat es Krieg entzündet,
Und Heil dem Volk, das ihm vertraut!

 

11.

    Ich wohne in einem steinernen Haus,
Da lieg' ich verborgen und schlafe;
Doch ich trete hervor, ich eile heraus,
Gefordert mit eiserner Waffe.
Erst bin ich unscheinbar und schwach und klein,
Mich kann dein Athem bezwingen,
Ein Regentropfen schon saugt mich ein;
Doch mir wachsen im Siege die Schwingen.
Wenn die mächtige Schwester sich zu mir gesellt,
Erwachs' ich zum furchtbarn Gebieter der Welt.

 

12.

Ich drehe mich auf einer Scheibe,
    Ich wandle ohne Rast und Ruh.
Klein ist das Feld, das ich umschreibe,
    Du deckst es mit zwei Händen zu –
Doch brauch' ich viele tausend Meilen,
    Bis ich das kleine Feld durchzogen,
Flieg' ich gleich fort mit Sturmes Eilen
    Und schneller als der Pfeil vom Bogen.

 

13.

Ein Vogel ist es, und an Schnelle
    Buhlt es mit eines Adler Flug;
Ein Fisch ist's und zertheilt die Welle,
    Die noch kein größres Unthier trug;
Ein Elephant ist's, welcher Thürme
    Auf seinem schweren Rücken trägt;
Der Spinnen kriechendem Gewürme
    Gleicht es, wenn es die Füße regt;
Und hat es fest sich eingebissen
    Mit seinem spitz'gen Eisenzahn,
So steht's gleichwie auf festen Füßen
    Und trotzt dem wüthenden Orkan.

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