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Friedrich Schiller: Gedichte - Kapitel 65
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
sendergerd.bouillon@t-online.de
correctorreuters@abc.de
modified20160907
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Der Graf von Habsburg.

Zu Aachen in seiner Kaiserpracht,
    Im alterthümlichen Saale,
Saß König Rudolphs heilige Macht
    Beim festlichen Krönungsmahle.
Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
    Und alle die Wähler, die sieben,
Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
    Die Würde des Amtes zu üben.

Und rings erfüllte den hohen Balcon
    Das Volk in freud'gem Gedränge;
Laut mischte sich in der Posaunen Ton
    Das jauchzende Rufen der Menge;
Denn geendigt nach langem verderblichen Streit
War die kaiserlose, die schreckliche Zeit,
    Und ein Richter war wieder auf Erden.
Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr,
    Des Mächtigen Beute zu werden.

Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal
    Und spricht mit zufriedenen Blicken:
»Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl,
    Mein königlich Herz zu entzücken;
Doch den Sänger vermiss' ich, den Bringer der Lust,
Der mit süßem Klang mir bewege die Brust
    Und mit göttlich erhabenen Lehren.
So hab' ich's gehalten von Jugend an,
Und was ich als Ritter gepflegt und gethan,
Nicht will ich's als Kaiser entbehren.«

Und sieh! in der Fürsten umgebenden Kreis
    Trat der Sänger im langen Talare;
Ihm glänzte die Locke silberweiß,
    Gebleicht von der Fülle der Jahre.
»Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold,
Der Sänger singt von der Minne Sold,
    Er preiset das Höchste, das Beste,
Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt;
Doch sage, was ist des Kaisers werth
    An seinem herrlichsten Feste?« –

»Nicht gebieten werd' ich dem Sänger,« spricht
    Der Herrscher mit lächelndem Munde,
»Er steht in des größeren Herren Pflicht,
    Er gehorcht der gebiethenden Stunde.
Wie in den Lüften der Sturmwind saust,
Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust,
    Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
So des Sängers Lied aus dem Innern schallt
Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt,
    Die im Herzen wunderbar schliefen.«

Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
    Und beginnt sie mächtig zu schlagen:
»Aufs Waidwerk hinaus ritt ein edler Held,
    Den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoß,
Und als er auf seinem stattlichen Roß
    In eine Au kommt geritten,
Ein Glöcklein hört er erklingen fern;
Ein Priester war's mit dem Leib des Herrn,
    Voran kam der Meßner geschritten.

»Und der Graf zur Erde sich neiget hin,
    Das Haupt mit Demuth entblößet,
Zu verehren mit gläubigem Christensinn,
    Was alle Menschen erlöset.
Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld,
Von des Gießbachs reißenden Fluthen geschwellt,
    Das hemmte der Wanderer Tritte;
Und beiseit legt Jener das Sacrament,
Von den Füßen zieht er die Schuhe behend
    Damit er das Bächlein durchschritte.

»Was schaffst du? redet der Graf ihn an,
    Der ihn verwundert betrachtet.
Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
    Der nach der Himmelskost schmachtet;
Und da ich mich nahe des Baches Steg,
Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg
    Im Strudel der Wellen gerissen.
Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil,
So will ich das Wässerlein jetzt in Eil
    Durchwaten mit nackenden Füßen.

»Da setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd
    Und reicht ihm die prächtigen Zäume,
Daß er labe den Kranken, der sein begehrt,
    Und die heilige Pflicht nicht versäume.
Und er selber auf seines Knappen Thier
Vergnüget noch weiter des Jagens Begier;
    Der Andre die Reise vollführet,
Und am nächsten Morgen, mit dankendem Blick,
Da bringt er dem Grafen das Roß zurück,
    Bescheiden am Zügel geführet.

»Nicht wolle das Gott, rief mit Demuthsinn
    Der Graf, daß zum Streiten und Jagen
Das Roß ich beschritte fürderhin,
    Das meinen Schöpfer getragen!
Und magst du's nicht haben zu eignem Gewinnst,
So bleib' es gewidmet dem göttlichen Dienst!
    Denn ich hab' es Dem ja gegeben,
Von dem ich Ehre und irdisches Gut
Zu Lehen trage und Leib und Blut
    Und Seele und Athem und Leben.

»So mög' Euch Gott, der allmächtige Hort,
    Der das Flehen der Schwachen erhöret,
Zu Ehren Euch bringen hier und dort,
    So wie Ihr ihn jetzt geehret.
Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt
Durch ritterlich Walten im Schweizerland;
    Euch blühn sechs liebliche Töchter.
So mögen sie, rief er begeistert aus,
Sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus,
    Und glänzen die spätsten Geschlechter!«

Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da,
    Als dächt' er vergangener Zeiten;
Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah,
    Da ergreift ihn der Worte Bedeuten.
Die Züge des Priesters erkennt er schnell
Und verbirgt der Thränen stürzenden Quell
    In des Mantels purpurnen Falten.
Und Alles blickte den Kaiser an
Und erkannte den Grafen, der das gethan,
    Und verehrte das göttliche Walten.

Anmerkung.Tschudi, der uns diese Anekdote überliefert hat, erzählt auch, daß der Priester, dem dieses mit dem Grafen von Habsburg begegnet, nachher Kaplan bei dem Kurfürsten von Mainz geworden und nicht wenig dazu beigetragen habe, bei der nächsten Kaiserwahl, die auf das große Interregnum erfolgte, die Gedanken des Kurfürsten auf den Grafen von Habsburg zu richten. – Für Die, welche die Geschichte jener Zeit kennen, bemerke ich noch, daß ich recht gut weiß, daß Böhmen sein Erzamt bei Rudolphs Kaiserkrönung nicht ausübte.

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