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Friedrich Schiller: Gedichte - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
sendergerd.bouillon@t-online.de
correctorreuters@abc.de
modified20160907
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Der Triumph der Liebe.

Eine Hymne.

      Selig durch die Liebe
      Götter – durch die Liebe
          Menschen Göttern gleich!
      Liebe macht den Himmel
      Himmlischer – die Erde
          Zu dem Himmelreich.

Einstens hinter Pyrrhas Rücken,
    Stimmen Dichter ein,
Sprang die Welt aus Felsenstücken,
    Menschen aus dem Stein.

Stein und Felsen ihre Herzen,
    Ihre Seelen Nacht,
Von des Himmels Flammenkerzen
    Nie in Gluth gefacht.

Noch mit sanften Rosenketten
Banden junge Amoretten
    Ihre Seelen nie –
Noch mit Liedern ihren Busen
Huben nicht die weichen Musen,
    Nie mit Saitenharmonie.

Ach! noch wanden keine Kränze
    Liebende sich um!
Traurig flüchteten die Lenze
    Nach Elysium.

Ungegrüßet stieg Aurora
    Aus dem Schooß des Meers,
Ungegrüßet sank die Sonne
    In den Schooß des Meers.

Wild umirrten sie die Haine
Unter Lunas Nebelscheine,
    Trugen eisern Joch.
Sehnend an der Sternenbühne
Suchte die geheime Thräne
    Keine Götter noch.

*

 

Und sieh! der blauen Fluth entquillt
Die Himmelstochter sanft und mild,
    Getragen von Najaden
    Zu trunkenen Gestaden.

Ein jugendlicher Maienschwung
Durchwebt, wie Morgendämmerung,
    Auf das allmächt'ge Werde
    Luft, Himmel, Meer und Erde.

Des holden Tages Auge lacht
In düstrer Wälder Mitternacht;
    Balsamische Narcissen
    Blühn unter ihren Füßen.

Schon flötete die Nachtigall
    Den ersten Sang der Liebe,
Schon murmelte der Quellen Fall
    In weiche Busen Liebe.

Glückselige Pygmalion!
Es schmilzt, es glüht dein Marmor schon!
    Gott Amor, Überwinder!
    Umarme deine Kinder!

*

 

      Selig durch die Liebe
      Götter – durch die Liebe
          Menschen Göttern gleich!
      Liebe macht den Himmel
      Himmlischer – die Erde
          Zu dem Himmelreich.

*

 

Unter goldnem Nektarschaum,
Ein wollüst'ger Morgentraum,
    Ewig Lustgelage,
    Fliehn der Götter Tage.

    Thronend auf erhabnem Sitz,
    Schwingt Kronion seinen Blitz;
Der Olympus schwankt erschrocken,
Wallen zürnend seine Locken –

Göttern läßt er seine Throne,
Niedert sich zum Erdensohne,
    Seufzt arkadisch durch den Hain,
Zahme Donner untern Füßen,
Schläft, gewiegt von Ledas Küssen,
    Schläft der Riesentödter ein.

Majestät'sche Sonnenrosse
    Durch des Lichtes weiten Raum
    Leitet Phöbus' goldner Zaum;
Völker stürzt sein rasselndes Geschosse.
    Seine weißen Sonnenrosse,
    Seine rasselnden Geschosse,
Unter Lieb' und Harmonie,
Ha! wie gern vergaß er sie!

*

 

Vor der Gattin des Kroniden
Beugen sich die Uraniden.
    Stolz vor ihrem Wagenthrone
Brüstet sich das Pfauenpaar;
    Mit der goldnen Herrscherkrone
Schmückt sie ihr ambrosisch Haar.

Schöne Fürstin! ach, die Liebe
Zittert, mit dem süßen Triebe
    Deiner Majestät zu nahn;
Und von ihren stolzen Höhen
    Muß die Götterkönigin
Um des Reizes Gürtel flehen
    Bei der Herzenfeßlerin.

*

 

      Selig durch die Liebe
      Götter – durch die Liebe
          Menschen Göttern gleich!
      Liebe macht den Himmel
      Himmlischer – die Erde
          Zu dem Himmelreich.

*

 

Liebe sonnt das Reich der Nacht,
Amors süßer Zaubermacht
Ist der Orkus unterthänig;
Freundlich blickt der schwarze König,
Wenn ihm Ceres' Tochter lacht.
Liebe sonnt das Reich der Nacht.

Himmlisch in die Hölle klangen
Und den wilden Hüter zwangen
    Deine Lieder, Thracier –
Minos, Thränen im Gesichte,
Mildete die Qualgerichte,
Zärtlich um Megärens Wangen
Küßten sich die wilden Schlangen,
    Keine Geißel klatschte mehr;
Aufgejagt von Orpheus' Leier
Flog von Tityos der Geier;
Leiser hin am Ufer rauschten
Lethe und Cocytus, lauschten
    Deinen Liedern, Thracier!
    Liebe sangst du, Thracier!

*

 

      Selig durch die Liebe
      Götter – durch die Liebe
          Menschen Göttern gleich!
      Liebe macht den Himmel
      Himmlischer – die Erde
          Zu dem Himmelreich.

*

 

    Durch die ewige Natur
    Düftet ihre Blumenspur,
Weht ihr goldner Flügel.
    Winkte mir vom Mondenlicht
    Aphroditens Auge nicht,
Nicht vom Sonnenhügel,
    Lächelte vom Sternenmeer
    Nicht die Göttin zu mir her,
    Stern' und Sonn' und Mondenlicht
    Regten mir die Seele nicht.
    Liebe, Liebe lächle nur
    Aus dem Auge der Natur,
Wie aus einem Spiegel!

    Liebe rauscht der Silberbach,
Liebe lehrt ihn sanfter wallen;
    Seele haucht sie in das Ach
Klagenreicher Nachtigallen –
    Liebe, Liebe lispelt nur
    Auf der Laute der Natur.

Weisheit mit dem Sonnenblick,
Große Göttin, tritt zurück,
    Weiche vor der Liebe!
Nie Erobrern, Fürsten nie
Beugtest du ein Sklavenknie,
    Beug' es jetzt der Liebe!

Wer die steile Sternenbahn
Ging dir heldenkühn voran
    Zu der Gottheit Sitze?
Wer zerriß das Heiligthum,
Zeigte dir Elysium
    Durch des Grabes Ritze?
Lockte sie uns nicht hinein,
Möchten wir unsterblich sein?
Suchten auch die Geister
Ohne sie den Meister?
    Liebe, Liebe leitet nur
Zu dem Vater der Natur,
Liebe nur die Geister.

      Selig durch die Liebe
      Götter – durch die Liebe
          Menschen Göttern gleich!
      Liebe macht den Himmel
      Himmlischer – die Erde
          Zu dem Himmelreich.

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