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Friedrich Schiller: Gedichte - Kapitel 134
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
sendergerd.bouillon@t-online.de
correctorreuters@abc.de
modified20160907
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Shakespeares Schatten.

Eine Parodie.

Endlich erblickt' ich auch die hohe Kraft des Herakles,
    Seinen Schatten. Er selbst, leider, war nicht mehr zu sehn.
Ringsum schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden
    Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn.
Schauerlich stand das Ungethüm da. Gespannt war der Bogen,
    Und der Pfeil auf der Sehn' traf noch beständig das Herz.
»Welche noch kühnere That, Unglücklicher, wagest du jetzo,
    Zu den Verstorbenen selbst niederzusteigen ins Grab!« –
Wegen Tiresias' mußt' ich herab, den Seher zu fragen,
    Wo ich den alten Kothurn fände, der nicht mehr zu sehn.
»Glauben sie nicht der Natur und den alten Griechen, so holst du
    Eine Dramaturgie ihnen vergeblich herauf.« –
O, die Natur, die zeigt auf unsern Bühnen sich wieder,
    Splitternackend, daß man jegliche Rippe ihr zählt.
»Wie? So ist wirklich bei euch der alte Kothurnus zu sehen,
    Den zu holen ich selbst stieg in des Tartarus Nacht?« –
Nichts mehr von diesem tragischen Spuk. Kaum einmal im Jahre
    Geht dein geharnischter Geist über die Bretter hinweg.
»Auch gut! Philosophie hat eure Gefühle geläutert,
    Und vor dem heitern Humor fliehet der schwarze Affect.«
Ja, ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber;
    Aber der Jammer auch, wenn er nur naß ist, gefällt.
»Also sieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia
    Neben dem ernsten Gang, welchen Melpomene geht?«
Keines von Beiden! Uns kann nur das Christlich-Moralische rühren
    Und was recht populär, häuslich und bürgerlich ist.
»Was? Es dürfte kein Cäsar auf euren Bühnen sich zeigen,
    Kein Achill, kein Orest, keine Andromacha mehr?« –
Nichts! Man sieht bei uns nur Pfarrer, Commerzienräthe,
    Fähndriche, Secretärs oder Husarenmajors.
»Aber, ich bitte dich, Freund, was kann denn dieser Misere
    Großes begegnen, was kann Großes denn durch sie geschehn?« –
Was? Sie machen Kabale, sie leihen auf Pfänder, sie stecken
    Silberne Löffel ein, wagen den Pranger und mehr.
»Woher nehmt ihr dann aber das große, gigantische Schicksal,
    Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?« –
Das sind Grillen! Uns selbst und unsre guten Bekannten,
    Unsern Jammer und Noth suchen und finden wir hier.
»Aber das habt ihr ja alles bequemer und besser zu Hause;
    Warum entfliehet ihr euch, wenn ihr euch selber nur sucht?« –
Nimm's nicht übel, mein Heros, das ist ein verschiedener Casus:
    Das Geschick, das ist blind, und der Poet ist gerecht.
»Also eure Natur, die erbärmlichste, trifft man auf euren
    Bühnen, die große nur nicht, nicht die unendliche an?«
Der Poet ist der Wirth und der letzte Actus die Zeche;
    Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.

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