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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 99
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Zum Sanct Nicolaus-Tag.

I.
Den Kindern.

Von Frau Holle, dem Rothkehlchen und dem braven Mädchen.

                  Frau Holle blickte sorgenschwer
    Vom Himmel auf die Erden:
»'s giebt keine braven Kinder mehr!
    Was soll daraus noch werden?

Es braucht Knecht Ruprecht gar so viel
    Der Ruthen für die Buben:
Bald steckt der Wald mit Stumpf und Stiel
    Am Spiegel in den Stuben.

Und auch die Mädchen, ach so hold,
    Sie soll'n nicht viel mehr taugen!«
Die schöne Göttin weinte Gold
    Aus ihren goldnen Augen.

Da sang ihr zu ein Vögelein
    Mit einem rothen Kehlchen:
»Frau Holle, mußt nicht traurig sein!«
    »Weißt Du mir Trost, Liebseelchen?«

»Ich weiß Dir Trost! Ich bring' ihn Dir!
    Ein kleines Mädchen kenn' ich: –
Das ist so brav, unglaublich schier!
    Bald auch den Namen nenn' ich.

Doch hör' nur erst: sie weinet nie,
    Muß man sie Morgens waschen,
Nie mit dem Bruder hadert sie,
    Und niemals thut sie naschen.

Sie hat ein Grübchen in dem Kinn,
    Ein kirschenrothes Mündchen,
Ihr Har ist blond und sanft ihr Sinn,
    Sie ist ein mollig Ründchen.

Wenn Path' sie zum Conditor führt,
    So nimmt sie's an bescheiden
Und dankt und knixt wie sich's gebührt,
    (Das mag der Path' dann leiden!)

Ihr Auge schwimmt in feuchtem Thau,
    Als wär' auf sie gesunken
Ein selig Stücklein Himmelsblau
    Und wäre drin ertrunken.

Sie streitet nicht, sie maulet nicht,
    Nicht viel Gewand zerreißt sie,
Sie hat ein herziglieb' Gesicht:
    Und Bertha Berger heißt sie.«

Da ward Frau Holle seelenfroh
    Und sprach zum rothen Kehlchen:
»Du liebes Vöglein, ist das so, –
    Dann ist sie ein Juwelchen.

Den Flug nimm auf die Erde gleich,
    Und Bertha Berger grüß' mir:
Mit Kuchen aus Frau Hollens Reich,
    Den Tugendpfad versüß' ihr.

Und sag' ihr, daß ihr immerdar
    Geneigt und hold sein wolle
Die Göttin mit dem goldnen Har,
    Die freundliche Frau Holle.

Und weiß sie nicht den Weg hieher, –
    Knecht Ruprecht soll sie fragen:
Im Wirrbart, Hut und Mantel, der: –
    Der wird sie zu mir tragen.«


II.
Den Erwachsenen.
Die Kinder sind zu Bett gebracht.
    Jedoch auch für die Alten
Knecht Ruprecht und Frau Holle's Nacht
    Will ihres Zaubers walten.

Wer von uns wähnt, er sei dies Jahr
    So artig stets gewesen,
Daß er verdiente nimmerdar
    Knecht Ruprechts Ruthenbesen?

Wir leugnen nicht verwirkte Schuld.
    Doch bauen wir Vertrauen
Und Hoffnung auf Frau Holle's Huld,
    Der fraulichsten der Frauen.

Sie ist des Wunschgotts selig Weib,
    Das alle Wonnen sendet:
Was uns erquickt an Seel' und Leib, –
    Frau Holle hat's gespendet.

Frau Holle in dem hohlen Stein,
    Sie strählt ihr Har, die Holde:
Dann fluthet's in die Welt hinein
    Von Sonnenglast und Golde.

Mir wurde nur ein karger Theil
    Von all' dem goldnen Regen:
Sie schenkte mir als all' mein Heil
    Der Dichtung Fluch und Segen.

Doch gönn' ich Euch das and're Gold:
    Ich will mich, stolz-bescheiden,
An ihrer Schönheit wunderhold
    Im goldnen Traum nur weiden.

Und ob mir noch in diesem Jahr
    Der Stunden letzte rolle: –
Ich segne Dich im goldnen Har
    Und danke Dir, Frau Holle!

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