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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Ottar und Hilde.

        Odhins Sohn war Ottar der Edle.
Waidlich wuchs er
Heran, der herrliche Held.
Als er erwachsen,
Als dem Flinken der Flaum
Bräunlichen Bartes
Locker und lieblich
Die Lippen umlockte,
Als den spitzigen
Spangenspaltenden Speer
Wuchtig er warf,
Erschien ihm Odhin,
Hielt an der Hand
Hilde, die Holde,
Die der Wahl waltende
Walküre.
Aus hohem Helm
Floß der Freudigen
Lang das lichte Gelock,
Das goldiggelbe;
Sieghaft und selig
Strahlte ihr,
Ganz goldig,
Gleich dem herrlichen Hare,
Das edle Auge.
Odhin aber
Legte dem Liebling
Der Holden Hand in die Hand:
»Die Schimmernde schützt dich
In Schrecken der Schlacht.
Nicht geschwungenes Schwert,
Nicht hauender Hammer
Fällt dich Fröhlichen,
So lange leuchtend
Die jauchzende Jungfrau
Schirmend den Schild
Ob dem Haupte dir hält,
Schwanenschwingig
Dich umschwebend.
Hüte dich, Held,
Daß jemals die Jungfrau
Dir Fechtendem fehle.«

Manchen Mond
Wechselnder Winter
Von Sieg zu Siege
Eilte Ottar der Edle
Unverwundet:
Speere sprangen
Und geschwungene Schwerte
Ihm ab von dem offenen Antlitz:
Denn sacht, auf silbernen Sohlen,
Schwanenschwingig schwebte
Hoch zu Häupten ihm Hilde. –

Aber als wieder im Wechsel
Ein Jahr sich gejährt,
Mußte der Muthige
Mit arger Ueberzahl
Fechten der Feinde,
Einsam, allein, unbeschützt,
Denn er darbte
Der holden Hüterin:
Nicht mehr jauchzte die Jungfrau:
In Wehen wand sich das Weib.
Lodernder Liebe
Lechzend Verlangen
Hatte heimlich
Die herrlichen Herzen
Brennend verbunden.
Auf dem Lager lag
Stöhnend, sterbend die Stolze.
Ach, die Unsterblichkeit
War ihr gewichen
In der Umarmung
Des Menschen-Mannes;
Und während dem Weibe
Die Noth schon nahte
Des traurigen Todes,
Brach durch die Brünne der Brust
Dem muthigen Manne
Die Spitze des Speers.
Er lag in seiner hohen Halle
Und neben ihm Hilde am Herd.

Odhin aber
Senkte sinnend
Ueber den bleichen Beiden
Das ernste Antlitz:
»Wehe! Ihr wolltet es so!
Als Walküre wählt' ich sie dir,
Aber zum Weibe wähltest sie du:
Und du, herrliche Hilde,
Statt der Unsterblichkeit: – Staub!«

Aber noch einmal
Oeffneten Beide die Augen,
Und in Wechselworten
Erwiderten sie Wunschvater:

»Und hätte ich wieder
Zu wählen die Wahl, –
Wieder wählte ich, o Wahlvater,
Mir die Wonn'ge zum Weib.«

»Ich mir den Mann zum Gemahl.
Denn weit sel'ger als dein Walhall
Weiß ich, was ich mir gewann
An lodernder Liebe
Göttlichem Glück!«

»Floh es auch flüchtig –«

»Einmal war es doch unser –«

»Und das ist ewig.«

Und da starben sie,
Stark und stolz.

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