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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 84
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Kleine Pfeile und grobe Keile.

    Wie giebt man neuer Richtung rasch
    Erfreuliche Verbreitung?
Man kauft mit barem Geld und schreibt
    Dann selbst jedwede Zeitung.

*

        Dies auch wirkt sehr zur Reclame:
    Zu Berlin im Ladenfenster
Angeschlagen liegt das Buch, just
    Auf der Seite, drauf zu lesen
Aller Schmutzereien stärkste:
    Jeder Knabe, jeder Backfisch,
Der vorbei geht, kann es lesen:
    Neugier reizt ihn, mehr zu lernen:
Er tritt ein und kauft das Buch sich. –
    So verbreitet man die »Wahrheit«:
Nicht die Kenntniß »der Natur« blos,
    Auch der niederträcht'gen Laster,
Welche gegen die Natur! –

*

        Gar schön wird die Poesie gerathen
    Im State der Socialdemokraten:
Die lassen auch das Dichten
    »Gesellschaftlich verrichten«.

*

        (Frei nach Goethe.)
»Sie kochen breite Bettel-Suppen:
    Drum haben sie ein groß' Publikum.«

*

        Sie nennen uns schmähend »die Alten«:
    Wollen sie selbst denn alt nicht werden?
Homer hat sich noch immer gehalten,
    Zählt just nicht zu den Jungen auf Erden.
Aber die Werke der Jungen veralten,
    Sowie sie nur versendet werden.
Manch' Alter hat nie die Jugend verloren,
    Viele Junge sind schon alt geboren.

*

        Hoch das Modernst-Dänische,
Das Gespensterhafte-Asthenische!
Die Edda nieder von Asgardhs Höh'n:
Denn dort ist's leider stark und schön!
Hoch auch manch Russisches Getriebe:
Zumal die Aufhebung der Liebe;
Doch das Schönste bleibt: – ich sag' es frei: –
Frech Französische Frivolerei:
Doch wohl verstanden: sonder esprit
Und das feine französ'sche Geschmackgenie,
In das Deutsche plump und roh versetzt,
Auf daß es den Gaumen mit Zoten letzt.

*

        Man muß sich über die Herren nur
Beileibe nicht erregen:
Sie betragen sich in der Literatur,
Wie sie's im Leben pflegen:
Die Rüpel sind nicht Elfen,
Da ist nun nicht zu helfen!

*

        »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«:
Weintrauben an den Schlehen
Hat selten man gesehen.
Und wie sie wirken, so muß man sie nennen:
Die Rosen duften und die Nesseln brennen,
Die Sterne blinken
Und die Pfützen stinken.
Sie müssen so. – Uns aber sei erlaubt,
Zu wenden zu den Einen fromm das Haupt
Und von den Andern mit Grauen
Hinweg zu schauen!

*

        Sie haben nichts gelernt:
Wie sollten sie was lehrenAnmerkung des Setzers:
Jedoch die Professoren
Sind auch zuweilen Toren.

Wer Miserables denkt,
Der dichtet auch Miseren.

*

        »Was dem Wesen angeboren,
Davon trägt es das Gepräge,«
Eselein hat lange Ohren,
Liebt die Disteln und ist träge.Anmerkung des Setzers:
Aber dumm ist nicht dies Vieh,
Nur hat's Esels-Phantasie.

*

        Es ziemt der Jugend, sich zu erdreisten:
Und das gefällt mir selbst am meisten:
Nur muß man dann auch etwas leisten,
Wie zum Beispiel der junge Sigfried that:
Der war auch ein wenig ungezogen,
Und doch sind wir ihm heute noch gewogen.
Warum? Er war ein großer Held,
Zog schönheitstrahlend durch die Welt!
Drum geb' ich den jungen Herrn den Rath,
Sie sollen auch einmal etwas leisten!
Reicht's auch im entferntesten nur an – Geibel
(Denn der ist ja ihr Haupt »Pfui-Deibel!«)
Soll'n nicht schrei'n stets in die Welt hinaus:
»Jetzt kommt aber nächstens was Großes heraus!«
Von Allem, was sie trieben und treiben,
Von Allem, was sie schreiben und schrieben,
Ist nichts bisher am Leben geblieben:
Wird ihr Künftiges am Leben bleiben?

*

        Sonder Ideal und Recht
Wächst nach ein thierisches Geschlecht,
Das alles Frechsten sich erfrecht.
Gebt Acht, ihr Deutschen, sonst geht's euch schlecht!
Sonst naht die Götterdämmerung
Mit alles Hohen Zerhämmerung:
In dem Stat
Der Socialdemokrat,
In der Literatur
Die Dreck-Kreatur
Werden herrschen allein:
Und das wird dann »die Moderne« sein.

*

        Du sagst mir zur Beschwichtung:
    »Auch die jüngste Richtung
In der Dichtung
    Ist eine nothwendige Schichtung«.
Ja, das klingt sehr verständig:
    Gewiß ist sie nothwendig:
Denn gar nichts wird auf Erden,
    Was da nicht mußte werden.
Nothwendig ist der Rosenstrauch,
    Nothwendig auch der Knobe-Lauch:
(Der althochdeutsche Chloba-Loch.)
    Verschieden werthen wir sie doch:
Wir schlürfen dankend der Rose Hauch,
    Vor dem Knoblauch halt' ich die Nase zu.
Ich wenigstens; (hoffentlich auch Du.)

*

        Alles Schöne und Hohe auf Erden
Muß verrungeniret werden!
Hoch im Gemälde das Pfützengrau!
Hoch auf der Bühne die Ekel-Schau!
Hoch in dem Zeit-Roman die Sau,
Und hoch auf der Straße der Radau!

*

        Jetzt hatten wir immer geglaubt bisher,
Daß die Wahrheit Sache der Wissenschaft wär':
Da gingen wir tumben Kindlein
In die Irre wie die Rindlein.
Nein: Zola und Ibsen bewiesen es klar,
Was der Psychiatrie verschleiert war
Mit der pathologischen Physiologie (?)
Und der allgemeinen Biologie,
Das erklärt fortab die Poesie.
Nun thun mir meine Collegen leid
Von der medicinischen Facultät:
Wie verwenden sie künftig ihre Zeit?
Umlernen müssen sie, ob auch spät!
Und ihr Biologen, Chun und Semper,
Gebt auf euer dilettantisch Geplemper.
Jetzt wurde der Dreifuß der Dichtung ledig,
Da setzt euch drauf (Gott sei uns gnädig!)
Karl Vogt wird fortab die Balladen machen
Und Häckel die feineren lyrischen Sachen!

*

        Das Volk studirt die Gemeinheit im Theater
Und vollführt sie dann im Leben spater.
Der Dichter studirt sie zuerst im Leben,
Um sie auf dem Theater wiederzugeben.
So wird die Bühne – wie Schiller gewollt –
Erziehungsanstalt hehr und hold.
Und umgekehrt wurzelt die Kunst im Leben:
Es widerzuspiegeln ist ihr Streben.
»Die Wahrheit, die Wirklichkeit schildert sie eben« –
Kann's schönere Wechselwirkung geben?

*

        Es ist der gleiche Zug der Zeit,
Der Schillers Bühne frech entweiht,
Der fröhnt dem Cult der Häßlichkeit
In Bildern, nicht gemalt, – geschmiert,
Mit Menschen drauf, – zum Vieh verthiert,
Und der zuweilen explodirt
Zerstörungsfroh im Dynamit.
All das marschiert in gleichem Schritt
Zu Einem Ziel: der Anarchie:
Die herrscht schon in der Poesie!
Gebt Acht: es sinkt mit Stil und Stumpf
Europa in den Stinke-Sumpf,
Oder die Götter in flammenden Wettern
Reinigen, richten und zerschmettern.

*

        Kennt ihr nicht das holde Märchen
    Von der echten Königstochter
Und der unterschobnen, falschen,
    Die sich für die echte ausgiebt,
Um den Königssohn zu frei'n?
    Doch der Trug trat bald zu Tage:
Aus der echten Mund – das waren
    So gewöhnt an ihr die Menschen, –
Wann sie sprach, glitt eine Rose.
    Doch so oft die falsche aufthat
Ihre Lippen, um zu reden, –
    Eine ekelhafte Kröte
Sprang heraus. – –
                                So gleiten aus des
Echten Dichters Mund die Rosen:
    Aber ekle Kröten hüpfen
Aus der Pseudo-Dichter Mund! –

*

        Was wir jetzt immer müssen lesen
    Von dem »neuen Realismus«,
Und dem noch neuern »Naturalismus:« –
    Es ist Alles schon dagewesen:
Ich sag' Euch's ohne Federlesen:
    's sind alte, abgebrauchte Besen.
Es hat die Literatur
    Mit dem Meer verwandte Natur:
Die häßliche Ebbe folgt der Fluth,
    Sie ebbet ab: – und damit gut.
Viel ekles Gewürm läßt die Ebbe zurück,
    Aber sie währt nicht lang' zum Glück:
Dann wieder heran braust freudig die Fluth
    Und begräbt, was Abscheuliches unter ihr ruht
Und ich meine: Du Ebbe der Häßlichkeit, –
    Bald wieder verstrichen ist deine Zeit.

*

        Treibt ihr das Ideal hinaus,
    Wird die Welt ein Mörder- und Dirnen-Haus!

*

        Als nothwendige Uebel muß man ertragen
    Die Herrn mit überlegener Klarheit:
Doch einmal mußt' ich sie ihnen sagen: –
    Sie lieben sie ja so sehr – die Wahrheit!

*

        Im Kunstwerk bringt der Dichter nur zu Tag,
    Was ihm als Eigenstes im Innern lag:
Die Göttin der mit strahlend schöner Stirne,
    Der Andere die Straßen-Dirne.

*

        Sie schelten mich immer idealistisch:
    Nun schreib' ich hier ganz naturalistisch:
Ich schildre Dreck und Schmutz ganz offen:
    Und doch hab' ich's wieder nicht getroffen:
Denn – Ihr werdet's sehn! – die Herrn,
    Sie lesen auch das von mir nicht gern!

*

        In Kampf und Fehde steh' ich hie,
    Und dies mein Feldgeschrei:
Hoch, dreimal hoch die Poesie
    Und nieder die Schweinerei! –
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