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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 67
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Das Haus der drei Schönen.

I.
                In dem Jahre siebzehnhundert,
Vierundzwanzig Jahre zählend,
Ausstudirt zu Salamanca
    Hat Alfonso de Vidal. –

Oheims Muntschaft ist zu Ende:
Und zurück in's Schloß der Väter
An dem blauen Manzanares
    Kehrt er als sein eigner Herr.

Aber vor dem Scheiden will er
Noch das Abenteuer krönen,
Das geheimnißvoll schon lang' ihm
    Aus dem »Haus der Schönen« winkt.

»Haus der Schönen« heißt die Villa,
Lauschend in Granatenbüschen,
Daran täglich die Studenten
    Geh'n vorüber in's Colleg.

»Haus der Dreie«: denn es wohnen –
Die Studenten wissen's! – drinnen
Eine Tante und zwei Nichten: –
    Alle drei bezaubernd schön!

Donna Laura heißt die Tante:
Junge Wittwe, feurig, üppig,
Schwarzgelockt: daß sie zu mager, –
    Selbst der Neid behauptet's nicht.

Braune Zöpfe trägt Ximene,
Rothe Flechten Donna Sancha:
Ob die Tante, ob die Nichten,
Welche Nichte schöner sei, –

Zwei Semester disputirten
Die Studenten Salamanca's
Eifriger um diese Frage,
    Als um Aristoteles.

Und so oft Alfons vorüber
Schritt den grünen Gitterläden,
War es Morgens, war es Abends, –
    Eine Blume glitt herab.

(Daran war nun nichts Besond'res:
Weil Alfonso, wie wir sehen
Werden, wie in Andrem Muster,
    Schön von Wuchs und Antlitz war.)

Aber welche von den Dreien
Lohnt den fleißigen Studenten
So für seinen Fleiß alltäglich?
    Dies ergründen muß Alfonso.

Und er nimmt die treue Zither –
(Denn auch musikalisch war er,
Dieser reichbegabte Jüngling)
    Und er singt im Mondenschein:

»Edle Donna, übermorgen
Muß ich zieh'n aus Salamanca:
Darf ich morgen Nacht es wagen, –
    Eine Blume wirf herab!«

Und bevor der Ton verhallt ist,
Sieh, schon öffnen sich drei Lädchen,
Und es sinken ihm zu Füßen
    Wunderschöner Blumen drei.

Eine rabenschwarze Malve:
»Das ist von der Tante Laura!«
Eine dunkelbraune Nelke:
»Von Ximene dies, dem Bräunchen!«
    Rothes Röslein: »Sancha roth!«

Schwer betroffen steht der Jüngling!
»Alle Drei? Wie soll das werden?«
Auf den Hut steckt er die Malve,
    An das Wamms die Nelke braun!

Doch wie er die rothe Rose
Mit der Hand führt an die Nase,
Sieh, aus schmaler Mauerritze
    Eine vierte Blume fällt.

Eine kleine, weiße Blüthe:
Niemals sah er ihresgleichen,
Und ein Duft entströmt der Weißen,
    Wie er niemals ihn genoß.

An den Hut steckt zu der Malve
Er die Rose: nur der weißen
Blüthe Duft verlangt er sehnlich,
    Die er hält in seiner Hand.


II.
In der nächsten Nacht im runden
Sale steht des ersten Stockwerks
Don Alfons, die seid'ne Leiter
    Zieht er nach auf den Balkon.

(Nun darf das Euch nicht befremden,
Daß er solch ein Werkzeug hatte:
Dies gehört in Salamanca
    Nun einmal zum Studium.)

Sieh, drei Schlafgemächer münden
Mit den Thüren in den Rundsal,
Nur ein Vorhang deckt die Oeffnung,
    Welche zu der Treppe führt.

Aus der Ostthür tritt in rothen
Flechten Sancha: – doch der Vorhang
Wallt so seltsam: – er verscheucht sie.
    Auf die Schwelle nun im West

Schwebt die bräunliche Ximene:
Doch ein weißes Füßlein streckt sich
Schüchtern unter'm Vorhang in den
    Rundsal, und Ximene flieht.

Aus der Südthür stürmt da glühend
Im Gewog der schwarzen Locken
Tante Laura: besser als die
    Mädchen weiß sie, was sie will.

Mag der Vorhang weh'n, das Füßlein
Kecker auf der Schwelle spielen,
Sie erschließt ihm weit die Arme:
    »Aber Tante!« tönet da

Aus dem Vorhang süß ein Stimmlein,
Und die Tante flüchtet zürnend.
Aber aus dem Vorhang schwebt nun
    In den Sal ein Zauber-Traum:

Ganz gehüllt in weiße Schleier,
Schwebt ein Kind von fünfzehn Lenzen,
Schlank und schmal und zart und zaghaft,
    Wie ein frommes Heil'genbild.

Lichte goldne Locken fluthen
Auf den kaum entknospten Busen,
Und Madonnenaugen schlägt sie
    Schämig zu dem Jüngling auf.

Dieser sinkt auf's Knie vor Staunen,
Süße Gluth durchrinnt ihn leise:
»Sprich, wer bist Du? Und wie heißt Du?«
    »Ach, Maria bin ich nur,

Bin das Bäslein aus Asturien.
Tante haben und Cousinen
Immer mich versteckt gehalten,
    Wohl weil sie sich schämten mein.

Wann sie aus den Läden grüßten
Alle Herrn von Salamanca,
Ich – aus meiner Mauerritze –
    Sah verstohlen nur nach Euch!

In den Bergen von Asturien
Lernt' ich Künste nicht, noch Feinheit,
Und ich weiß nicht viel zu sagen –:
    Doch ich sterbe, scheidest Du!«

Auf vom Boden sprang Alfonso,
An die Brust riß er die Blonde:
»O, Maria! Weiße Blume!
    Ewig, ewig bist Du mein!«

Und herab die seid'ne Leiter
Trug er die verschämte Kleine,
Und er hob sie auf sein Rößlein
    Im Gebüsche von Jasmin.

»Ach, wohin, wohin, Geliebter?«
»Auf mein Schloß am Manzanares!«
Doch am Kloster in der Vorstadt
    Hielt er an. Nun sagt: weßhalb?

Er hielt an vor jenem Kloster,
Um sich schleunigst trau'n zu lassen,
Weil er nicht nur musikalisch,
    Sondern auch moralisch war.

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