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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 66
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Der Gottes-Urtheile Ende.

Meinem lieben Amtsgenossen Neckeben zu eigen.
 

        Schwächer ward gemach der Glaube
An das Eisen-Urtheil, weil man,
Ob unschuldig oder schuldig,
Meistens sich verbrennt die Hände,
Wenn man glühend Eisen anfaßt.
Hat Herr Gottfried doch von Straßburg
Von Isoldens Eisen-Urtheil
Schon gesagt: »da kam zu Tage
Daß es hohl ist wie ein Aermel«.Tristan XXIV. Vers 15, 737.
»dâ wart wol geoffenbaeret
und al der werlt bewaeret,
daz der vil tugenthafte Krist
wintschaffen alse ein ermel ist.«

Ungefähr so vor der Mitte
Von dem 16. Jahrhundert
Ward zu Köln in einem Kirchlein
Eingebrochen in der Nacht und
Silbernes Geräth entwendet:
Kelche, Schalen und Patenen.
Wer der Dieb war, blieb verborgen.
Aber einen armen Teufel,
Einen fahrenden Scholaren
Und daneben auch Poeten: –
Fortunat war er geheißen,
Reich an Versen, arm an Beutel –
Hat der Wächter mit dem Speere
Aufgegriffen in der Nähe.
Und weil er ein schnöder Fremdling,
Weit her, aus verdächt'gen Landen,
Aus der rebenfrohen Rheinpfalz
(Zwischen Eppenstein und Klingen-
Münster lag sein »Unterstützungs-
Wohnsitz«: Dahn), und weil er ferner
Eine Laute trug am Rücken
Und, als ihm der Wächter nahte,
Still empor sah zu den Sternen:
– Beides ist stets sehr bedenklich! –
Als des Diebstahls höchst verdächtig
Stellte man alsbald den Jüngling
Vor den Erzbischof, den Grafen
Philipp Ernst von Oberstein. –

Dieser Herr war mild und gütig
Und war fein und reich gebildet
In der Kunst und in dem Wissen
Der ital'schen Renaissance.
Benvenuto il Cellini
War sein Liebling: eben trank er,
Als man ihm den Jüngling brachte,
Malvasier aus goldnem Becher,
Jenem schönen Werk des Meisters,
Mit dem Amphitrite-Deckel,
Und er las mit leisem Schmunzeln
Im Decamerone just.

Trotz den Sternen und der Laute
Unverdächtig schien der Knab' ihm
Im Gewog' der braunen Locken;
Und er sprach: »Mein Sohn, beweise
Nur geschwind Dein Alibi:
Denn gewiß bist Du gewesen
Um die Zeit in einem Weinschank.
Sage nur, in welchem, Sohn.«

»Nein, ich war in keinem Weinschank.«

»Dieses klingt nun schon verdächtig.
Aber sprich, wo warst Du sonst?«

»Ach, ich weiß nicht, Herr Fürstbischof!
Denn ich habe diesen Fehler,
Daß ich in die Sterne schaue
Und darob die Welt vergesse.«

Kurz, der Arme konnte leider
Gar kein Alibi beweisen.
Eideshelfer fand er auch nicht,
Weil er fremd war und ein Dichter.
Und so mußte ihn der Bischof
Fast für überführt erachten.
Aber gütig war Herr Philipp,
Und so gönnt' er ihm als letzten
Strohhalm noch das Gottes-Urtheil:
Glühend Eisen sollt' er tragen
Dreimal um den Hochaltar der
Kirche von Sanct Gereon.

Sehr betroffen war der Jüngling,
Als er diesen Ausspruch hörte:
Aber er ward abgeführt.

Andern Tages in der Kirche
Drängten sich die frommen Kölner
(Alas Köln!), die Priester, Bürger
Und viel glaubensstarke Weiblein.
»Elend wird der Dieb sich brennen!«
Grinsten da die ältern, aber
Mancher Jungen that er leid, der
Hübsche braune Lockenkopf.

Im Ornat stand Bischof Philipp
Am Altar: das Eisen glühte
Dunkelroth, die schwere Platte,
Welche kund'ge Schmiede hielten
Grade in der rechten Hitze.
Nach gehör'gem Exorcismus,
Teufelskünste auszutreiben,
Auf das Eisen wies der Bischof.
Doch der Jüngling rief: »O weh mir!
So gewiß als zwei mal zwei sind
Vier, so sicher weiß ich, – wehe! –
Fass' ich die verfluchte Platte,
So verbrenn' ich mir die Hände,
Und dann werd' ich noch gehangen!
Und ich habe doch wahrhaftig
– Glaubt es, freundlicher Herr Bischof, –
Jene Schalen nicht gestohlen.
Nicht an Silber hängt das Herz mir:
Hängt an Lorber und an Schönheit!«

»Sei getrost, mein Sohn! unmöglich«
– Gegenredete der Bischof –
»Ganz unmöglich kann's geschehen,
Daß Du Dir verbrennst die Hände,
Bist Du nicht der Dieb, mein Sohn.«

»Wißt Ihr das gewiß, Herr Bischof?«

»Nun natürlich!« sprach Herr Philipp,
»Halt' uns nicht so lange auf, Sohn.«

»Ei wohlan,« rief der Poet da
– Laut erschallte seine Stimme
Durch die Wölbungen der Kirche –
»Wenn das so ist, Herr Fürstbischof,
Wenn, wer schuldlos, ganz unmöglich
Sich dabei verbrennt die Hände, –
Ei, so reichet doch gefälligst
Ihr, Herr Erzbischof, mir selber
Jenes Eisen: denn Ihr habt ja
Sicher nicht verübt den Diebstahl.
Gern aus Euren heil'gen Händen
Will ich dann das Eisen nehmen.«

Sehr betroffen stand der Bischof,
Als er diesen Vorschlag hörte.
Sah zuerst auf's rothe Eisen,
Dann auf seine weißen, weichen,
Feinen, wohlgepflegten Hände: –
(Einen Ring mit schön geschnittnen
Steinen trugen seine beiden
Vierten Finger: ein Intaglio
An dem linken wies den Bacchos,
An dem rechten eine Gemme,
Einen herrlichen Apoll –)
Schwieg ein Weilchen, sann ein Weilchen
Und dann sprach er: »Lieber Sohn, das
Ist doch aber ganz was andres.«

»Ja, denn das sind Eure Hände,
Nicht die meinen, die im Spiel stehen.«

»Dies zu sagen . . . war nicht nöthig
(Noch dazu vor allen Leuten!«
Sprach er leise zu dem Jüngling).
»Doch nun fällt mir ein: schon lange
Haben aufgeklärte Päbste
(Ja, sogar schon Agobardus
Von Lyon, mein Alt-Collega)
Die Ordalien verworfen:
Denn: ›Man soll Gott nicht versuchen‹,
Lehrt die Bibel und die Kirche.
Zieh in Frieden hin, mein Sohn. – Doch
Schau' zu viel nicht in die Sterne,
Schau' auf Deinen Weg im Leben,
Dieses rath' ich Dir zum Abschied. –
Aber meinem Kellermeister
Werd' ich Auftrag geben, daß er
Zur Entschäd'gung für den Schrecken
Einen Schlauch des besten Weines
(Malvasier: – ich trink' ihn selber!)
Dir als Weg-Zehrung noch spende.
Räume, Sohn, nun rasch das Weichbild
Meines heil'gen Köln und rede
Anderwärts von dieser Sache
Mehr nicht – als Du nicht kannst lassen.«

Ging nach Haus in den Palast und
Legte von sich den Ornat und
Las in dem Boccaccio weiter,
Wo er unterbrochen war.

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