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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 65
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Die Geschichte von der grauen Stute.

(Nach einem englischen Motiv.)
 

I.
                      In der Zeit, da noch Altengland
War das lustige Altengland,
Da an William Shakespeare's Scherzen
Kön'gin Beß sich weidlich freute,
Führte Sir John Rash, ein junger
Ritter, Sir John Wise's, des klugen
Alten, Tochter heim als Eh'frau.
Quer von Barmouth bis nach Yarmouth,
Durch ganz England, ging die Reise:
Denn am Dee, dem schilfumbüschten,
Lag das Schloß des Schwiegervaters,
Doch des Eidams Halle ragte
Ob dem weidengrünen Bure.
Ueber'n Tanat und den Weaver,
Ueber'n Terent und die Dove,
Ueber Trent und über Welland,
Ueber Ouse dahin und Yare,
Und noch andere Flüss' und Bäche
Zog die Fahrt durch's ganze Eiland. –

Aber ach, noch kaum sechs Monde
Waren in das Land gegangen,
Als vor seinem Schwiegervater
Wieder in dem Schloß bei Barmouth
Stand der Schwiegersohn – allein.
»Gott zum Gruße, lieber Johnnie,«
Sprach der Alte, »wo ist Ellen?
Bist Du ihr voraufgeritten?
Folgt sie Abends oder morgen?« –
»Nein! nicht Abends und nicht morgen
Folgt sie, deine liebe Tochter!
Denn sie – dieses eben ist es! –
Denn sie folgt mir überhaupt nicht!
Kurz und gut: ich bin gekommen,
Dich zu bitten, Deine Tochter
Wiederum mir abzunehmen,
Denn ich kann nicht mit ihr leben!« –
»Setz' Dich, braver Johnnie, setz' Dich. –
Buttler, bring' vom besten Wälschwein!
Lieber Jung', das ist ja schrecklich!
Und gewiß ist sie im Unrecht: –
Denn ich kenne meine Tochter,
Und ich kenn' auch meinen Johnnie,
Der gewiß um kleiner Ursach'
Willen nicht sein Weib verstieße.
Also frisch! Sprich von der Leber:
Ist sie Dir nicht schön genug, he?« –
»Ach, sie ist ja schön wie keine!« –
»Hat sie etwa schiefe Glieder,
Oder schwarze Muttermale?« –
»Tannenschlank ist sie gewachsen,
Hat kein Tädelchen am Leibe!« –
»Spürst zu ihr Du keine Neigung?« –
»Nur zu große, lieber Vater!« –
»Weigert sie Dir ihre Liebe?« –
»Zärtlich kann sie sein, berückend!« –
»Nun, dann weiß ich nicht, – was willst Du?« –
»Ach. sie ist so eigensinnig!
Was sie will, das soll geschehen:
Ja, was ärger: das geschieht auch,
Ich bin nicht der Herr im Hause!« –
Vor sich hin pfiff leis' der Alte:
»Das ist Alles, lieber Eidam?
Darum bist Du hergeritten
Ueber Yare und Ouse und Welland,
Trent und Dove, Terent, Weaver,
Tanat, Bure und and're Wasser?
Solches ist kein Grund zur Trennung!
Reite wieder heim, mein Johnnie,
Ueber all' die vielen Wasser,
Glaube mir, Du wirst's gewöhnen!« –
»Nein, ich kann es nicht ertragen.
Geh'n zum Beispiel wir zu angeln,
Ich verstehe mich auf's Fischzeug –
Deine Tochter Ellen gar nicht –« –
»Weiß es!« sprach der Schwiegervater.« –
»An dem Bure, dem weidengrünen,
Schnell' den Fisch ich aus dem Strudel,
Sag' ich: ›Welche Prachtforelle!‹
Spricht schön Ellen: ›Ja, mein Lieber,
Schöner Fisch! Doch ist's ein Karpfe!‹
Nun beschwör' ich, Schwiegervater,
In dem ganzen Flusse schwimmt auch
Nicht Ein Karpfe, weil die Strömung –« –
»Allzu stark ist – weiß es, Johnnie!« –
»Doch ein Karpfe muß es bleiben,
Soll ich sie vergnügt erhalten.
Geh'n wir in dem Wald spazieren,
In dem grünen Park am Abend,
Flötet von dem Ulmenwipfel
Wunderschön herab die Amsel,
Ich verstehe Vogelkunde –« –
»Meine Tochter Ellen gar nicht!« –
»Horch', sag' ich, wie schön! Die Amsel! –
›Herrlich!‹ flüstert Deine Tochter,
›Aber 's ist ein Hänfling, Männchen!‹ –
Nun beschwör' ich Dich, o Vater« –
»Amsel sind und Hänfling wahrlich
Gar nicht zu verwechseln, Johnnie!«
»Doch ein Hänfling muß es bleiben,
Soll sie bleiben guter Laune. –
Reiten wir zur Jagd zusammen –« –
»Du verstehst Dich auf das Waidwerk,
Meine Tochter Ellen gar nicht –
Und erlegtest Du ein Birkhuhn
Und schön Ellen nennt es Wachtel, –
Eine Wachtel muß es bleiben,
Sollst Du Ruh' im Hause haben!«
»Wie? Warst neulich Du zugegen
Heimlich?« –
                        »Nein, das ist nicht nöthig.
War ich selbst doch auch vereh'licht!« –
»Doch es steht schon in der Bibel:
Und es soll der Mann dein Herr sein!« –
»Neu're Schriftgelehrte lesen
An der Stelle: und es sollte
Eigentlich
der Mann dein Herr sein: –
An'dre lesen: soll dein Narr sein!« –
»Aber meine sel'ge Mutter
Sagte oft, sie habe immer
Meinem Vater nachgegeben!« –
»Sagte solches auch Dein Vater?« –
»Niemals sprach er mir darüber.« –
»Siehst Du! – Leere nun den Humpen!
Spät ward's. Laß' uns beide schlafen.
Morgen will ich Dir verkünden,
Sohn, wie Dir zu helfen ist!«


II.
Und am andern Morgen rief den
Gast Sir Wise in seinen Schloßhof,
Wo gezäumt fünf Pferde standen
Und ein großer Sack voll Eier.
»Reite nun, mein Sohn, nach Hause,
– Ralf, mein Knapp', soll Dich begleiten, –
Reite heimwärts quer durch England,
Ueber all' die vielen Wasser,
Forsche nach in jedem Schlosse,
Jedem Haus und jeder Hütte:
Find'st Du, unter einem Dache,
Sei der Mann der Herr, so schenk' ihm
Eins der Pferde dort. Die graue
Stute ist das schlecht'ste!« –
                                                »Freilich.
Und der Fuchshengst ist der beste;
Das erkennt, wer je ein Pferd sah.« –

»Find'st Du aber, daß die Gattin
Führt das Regiment im Hause,
Nimm ein Ei aus jenem Sacke –
Just fünfhundert sind darin, John! –
Und der Hausfrau schenk' es schweigend.
Wenn Du früher die fünf Pferde
Los wirst, John, als die fünfhundert
Eier, nehm' ich Dir die Tochter
Wieder ab, mein armer Johnnie.
Wirst Du aber früher fertig
Mit dem halben Tausend Eier,
Als mit jenen fünf Stück Pferden, –
Dann behalte meine Tochter:
Denn dann siehst Du, lieber Eidam,
Daß Dein Los nicht ungewöhnlich!«


III.
Wohl zufrieden war's der Eidam,
Stieg zu Roß und ritt von dannen
Mit den Pferden und den Eiern
Und mit Ralf, dem alten Knappen.
Und an jedem Schlosse hielt er,
Hielt an jedem Haus und Hüttlein,
Ueberall mit Fleiß erforschend
Bei dem Ritter, Bürger, Bauer,
Wer im Haus die Herrschaft führe.
Ueber'n Tanat und den Weaver,
Ueber'n Terent und die Dove,
Ueber Trent und über Welland,
Ueber Ouse dahin und Yare
Kam er und die andern Wasser: –
Vieler Eier ward er ledig,
Daß der Sack schon beinah' leer war.
Und inzwischen wuchs gewaltig
Ihm die Sehnsucht nach der Süßen,
Nach der Holden, nach der Blonden,
Mit den blauen Heil'gen-Augen;
Wie sie schwebet, wie sie ruhet,
Wie sie lächelt, wie sie schmollet,
Ach, im Schmollen noch so lieblich,
Ach und vollends, wie sie küsset, –
Tag und Nacht muß er's gedenken.
Und so kam er, nah' der Heimath,
Mit fünf Pferden und fünf Eiern
In das Schloß des Grafen Warwick,
Welchen Schotten und Franzosen
Nur den »Lord von Eisen« nannten,
Dressen Wille nie gehemmt ward,
Dressen grimmer Zorn gescheut ward
In Paris und Edinburgh.
»Hier werd' ich ein Pferdlein los doch!«
Denkt der Gast und sieht mit Freude,
Wie die kleine, zarte Lady –
Maud war eigentlich ihr Name,
Lady Demuth nannt' ihr Mann sie –
Ganz zerschmilzt in eitel Sanftmuth.
Niemals wagt sie andre Meinung:
Tritt der Lord nur in die Halle –
Auch im Haus in Eisen geht er –
Zittert Alles: und am Meisten
Zittert vor ihm Lady Demuth. –
Nach drei Tagen sagt der Gast den
Wirthen offen seiner Einkehr
Ursach' und ersucht den Hausherrn,
Mit ihm in den Stall zu schreiten
Und das Pferd sich von den fünfen,
Das ihm ansteht, auszusuchen.
»Und Mylord, Ihr seid der erste
Eh'mann zwischen Bar- und Yar-mouth,
Dem ein Rößlein ich darf schenken.
Denn – bestätigt, Lord und Lady! –
Wie ich's fand in den drei Tagen,
So steht's immer hier im Hause:
Widerspruch und Eigenwille
Lady Mauds wird nie geduldet?« –
»Ei behüte! Welche Sünde!«
Ruft die Lady und verkriecht sich,
Stirnesenkend, augensenkend,
An der breiten Brust des Gatten.
Dieser aber, waffenklirrend,
Ruft: »Bei Gott! Ich heiße Warwick!
Fragt in Schottland, fragt in Frankreich,
Was das heißt. – Und dieses Weiblein –
Mit zwei Fingern bräch' ich's mitten –
Sollte mir? –« der Zorn erstickt ihm
Bei'm Gedanken schon die Stimme.
In dem Stall steh'n Gast und Wirthe.
»Dort den Fuchshengst,« sprach Lord Warwick,
»Werd' ich wählen; 's ist das beste
Von den Fünfen unverkennbar.« –
»Nein, Du nimmst die graue Stute!« –
»Aber Weibchen, nimm Vernunft an!« –
»Brauch' ich die erst anzunehmen?
Bin ich also regelmäßig
Unvernünftig? Warwick, Warwick!
Dort die graue Stute nimmst Du,
's ist das beste Thier von allen.
Nimm's! Sonst – wirst Du's lang bereu'n!
Nun, wie oft noch soll ich bitten?« –
Und das kleine Füßlein stampfte,
Daß die Spreu im Stall umherflog.
»Ja, – 's ist war,« sprach zögernd Warwick,
»Ja, – wenn ich es recht erwäge, –
's ist das beste von den Fünfen.
Ja, die graue Stute wähl' ich!« –
Doch John Rash rief: »Ralf, den Sack her!«
Aus dem Sack zog er ein Eilein,
Bot es zierlich dar der Lady:
»Dies gebührt Euch, Lady Demuth,
Und dazu mein Dank auf ewig!
Spornstracks reit' ich jetzt nach Hause.
O wie freu' ich mich auf Ellen!
Ralf, vier Eier und fünf Pferde
Bring' zurück dem Schwiegervater
Und dazu des Eidams Segen!«
* *   *
Nachschrift:
Diese Dichtung wollt' ich widmen
Meinem lieben Weib Therese,
Hatte schon das Wort geschrieben.
Da jedoch sie – selbstverständlich
Nur errathen kennt' ichs ahnend –
Nicht so sehr dadurch erfreut schien,
Als ich's eigentlich erwartet,
Hab' ich's wieder ausgestrichen:
Ungewidmet bleibt das Werk!
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