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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 64
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Von zwölf Schülern.

(Nach Thomas von Kandelberk.)

I.
                Zwölf Schüler einst beisammen saßen,
Sie tranken und sie aßen,
Sie waren in allen Züchten froh,
Der eine sonst, der andre so.
Und einer aus der Zahl begann:
– Sein Vater war ein reicher Mann –
»Ich hab' ein stolzes Ding erdacht,
Das, Freunde, sei von uns vollbracht.
Wer aber nicht willfahret mir,
Unsälde folge dem von hier.«
Die Schüler riefen in toller Hast:
»Sag' an, was du ersonnen hast!«
»Gelobt zuvor, – sonst schweig' ich still! –
Daß Jeder thun wird, was ich will.«
Deß weigerten sich Alle sehr,
Der aber bat nur umsomehr,
Bis sie mit ihres Eides Kraft
Sich fügten seiner Führerschaft.
»Wohlan, Gesell'n, heut' in acht Tagen,
Da kommen wir wieder zusammen und sagen
Und singen und lesen und lachen
Von höfischen und von Minnesachen;
Dann halte Jeder ein Kleinod bereit,
Von seiner Herrin ihm geweiht;
Und der dann wird das Geringste weisen,
Zahle den Andern den Trank und die Speisen.«
Und noch einmal mit Hand und Mund
Gelobten sich Alle zu diesem Bund.

II.
Nun war ein Armer unter ihnen,
Der mochte keiner Dame dienen;
Er trug allein im keuschen Sinn
Marien die Himmelskönigin,
Die, überfließendem Becher gleich,
An Gnaden ist und Süße reich.
Er legte sich in's wilde Gras,
Und Gram ihm auf der Seele saß.
»Wie war ich doch bethöret!
Ward solche Narrethei gehöret,
Daß ich gelobte diesen Eid
Und diene Keiner, Weib noch Maid!
Oh weh mir armem, armen Knecht,
Mit Spott und Hohn ergeht mir's schlecht!«
Ein Kieselstein, hätt' er's vernommen,
Erbarmen wär' ihm wohl gekommen. –
So ging er hin und her die Wochen,
Und halten mußt' er, was versprochen!
Ihm war viel leid um Geld und Gold,
Das er mit eins verlieren sollt'
Und ach! so mühsam sich erspart'
Und sorgsam hielt im Schrein verwahrt.
»Wehklagen hilft mir nicht davon:
Ach, Thoren-That bringt Thoren-Lohn.«

III.
Die Glocken waren verklungen,
Die Messen ausgesungen.
Es traten aus des Domes Thor
Andächt'ge Christen viel hervor.
Da fuhr's dem Schüler durch den Sinn:
    »Ich will zur Himmelskönigin!
    Sie stillet – hört' ich sagen –
    Oft ihrer Diener Klagen.«
Und rasch zum Dom trat er hinein
Vor unserer Frauen Bild von Stein.
»Maria, Mutter Du und Magd,
Mein Ungemach sei Dir geklagt!
Gedenk, wie ich mich Dir geweiht
Und Deinen Diensten allezeit.
An Dir allein hab' ich gehangen,
Nach keiner Lieb' trug ich Verlangen,
Von keinem Weib ich Gunst gewann,
In Treuen hing ich, Frau, Dir an.
    Bei Tage wie bei Nacht
    Hab' ich nur Dein gedacht,
Und täglich hier zu Deinen Füßen
Kniet' ich, Dich, Königin, zu grüßen.
Willst Du mich heute scheiden lassen
Zu Schmach und Spott und Geldverprassen?
Und bist die Reichste doch von Allen:
Laß, Herrin, drum auf mich nicht fallen
    Den Schaden heut am Tage,
    Deß hätt' ich immer Klage.
Und ihr im Schos, du Christkindlein,
Bitt' auch für mich die Mutter Dein.«
Da sprach die Himmelskön'gin mild
Zu ihm aus ihrem Marmelbild:
»Steh auf, getreuer Diener, Du,
Zu Deiner Herrin tritt herzu.«
Der wußte kaum, wie ihm geschah,
Sprang auf und ging dem Bilde nah'.
Auf ihrem Schos des Kindes Hand
Ein buntes Büchslein hielt umspannt.
Sie sprach: »Mein Sohn und Herr, thu' dar,
Wie Deine Güte wunderbar:
Schenk' mir dies Büchslein, bunt und zier,
Für meinen treuen Diener hier,
Der allsooft mit Kuß und Gruß
Mir hielt umschlossen Knie und Fuß.«
Der kleine Heiland sagte da:
»Tochter und liebe Mutter, ja!
Dies Büchslein, Deiner Gnaden Pfand,
Leg' ich für ihn in Deine Hand.«
Sie reicht' dem Harrenden die Gabe
Und sprach: »Merk' auf, mein treuer Knabe,
Zum Ruhme Deiner Frauen
Laß heut' dies Kleinod schauen.«
Er sieht's, er staunt, er nimmt's und wankt,
Er küßt es, weint und lacht und dankt
Und preist die Himmelsfrau zur Stund',
Wie niemals noch von Mannes Mund
Mit süßer'm Worte ward geehrt
Ein Weib, das milde Gunst gewährt.
Das Steinbild aber saß in Ruh'
Und lauschte seinem Danke zu.

IV.
Und da sie wieder beisammen saßen,
Sangen, lachten, zechten, aßen,
Entschieden sollte die Wette sein.
Der Erste wies ein Goldringlein,
Der Andre zwei seidne Gewande,
Kostbar und selten in dem Lande,
Der Dritt' ein Hemd mit bunter Naht,
Einen Gürtel der Vierte mit Goldzierrath,
Der einen Beutel, von Gold gewoben,
Gefüllt mit Kraut, dess' Würze zu loben;
Der ließ eine seidene Haube prangen,
Der Letzte goldene Mantel-Spangen:
Und Alles war eine köstliche Schau!
Da fragten sie nach des Zwölften Frau:
»Und was gab sie, die Du erkoren?
O, blöder Thor, Du hast verloren!
Wir sind die Gäste, Du zahlst die Zeche,
Ob Beutel und Herz Dir darob breche.« –
Der zog hervor das Büchschen klein:
»Immer möge sie selig sein,
Die Herrin dieser Gabe!«
So lächelte der Knabe
Und hielt es hin, auf that er's auch:
Draus stieg empor ein süßer Rauch.
Und aus dem Büchslein flugs zog er
Ein Priesterkleid, vom Goldsaum schwer,
Und weiter er darinnen fand
Ein bunt durchwirktes Meßgewand.
    Nichts mocht' in allen Reichen
    Dem Meßgewande gleichen! –
Sie prüften's All' mit großem Fleiß
Und gaben seiner Frau den Preis;
Sie hatten solches nie vernommen!
»Von wannen ist Dir das gekommen?«
So fragten staunend All' zusammen.
»Das gab mir,« rief er voller Flammen,
»Die alle Schönheit überschönet,
Damit der Himmel ist gekrönet,
Marie, die Himmelskönigin,
Der ich geweiht auf ewig bin.«
Da fielen sie ihm zu Füßen
Mit ehrfurchtvollen Grüßen:
»Verzeih' uns um Maria's Lieben,
Daß Spott und Hohn wir mit Dir trieben!
Wir wollen nimmermehr Dir wehren,
Willst Du nach Himmelsdingen gehren.«
Und hoben auf mit scheuer Hand
Das wundersame Meßgewand
Und trugen unter Psalmensingen
Das Büchslein mit den Wunderdingen
Zum Steinbild uns'rer Frau zurück. –

Der Jüngling lebte voller Glück.
Bald ward bekannt im weiten Land
Die Gnade, die der Schüler fand;
Und als ihm Priesters Weihe ward,
Das Meßkleid, das er wohl verwahrt,
Das nahm er um und sang entzückt
Die erste Messe, so geschmückt.
Und die das Wunder einst vernommen,
Die waren All' herbei gekommen,
Um seinen Segen zu empfangen,
Zu schau'n des Wunderkleides Prangen.
Zum Bischof ward er bald geweiht,
Ich weiß nicht, wo und welcher Zeit.
Doch hat er wohl, als er gestorben,
Im Himmel große Macht erworben,
Und wenn ich seinen Namen wüßt',
Er für uns Alle beten müßt'.

( Therese Dahn )
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