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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 62
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Das Gottes-Urtheil.

            Es war einmal ein Freundespar:
Der eine Freund hieß Adolar,
Jedoch der and're Berengar,
(So daß dies leicht zu reimen war!)
Das sich so traut gesonnen war, –
Sie machten aus in jungen Zeiten:
Wann einst die beiden Freunde freiten
Und einer hätt' ein Töchterlein,
Der And're einen Knaben fein,
So sollte dieser Knabe fein
Des andern Freundes Tochter frei'n.

    Die Freunde nun in vielen Jahren
Getrennt und sonder Kunde waren. –
Doch endlich kam zu Berengar
Ein Knab' in braunem Lockenhar
Und sprach: »Ich heiße Berengar,
Sohn Deines Freundes Adolar;
Der hört: Du hast ein Töchterlein,
Und dieses soll und will ich frei'n!«

    Da fuhr sich Vater Berengar
Verlegen durch sein graues Har
Und seufzte: »Dies wird aber schwer!
Weshalb kommst Du so spät daher?
Nun hab' ich nicht ein Töchterlein,
Nein, lieber Sohn, sie sind zu drei'n!
Eulalia, Portiuncula,
Und eine jüngste noch ist da,
Die scheue, blonde Lilia.«

    Da sprach der Jüngling. »Unbesehn!
Laß gleich mich zu der Jüngsten gehn!«
»Nein, Eidam, dies kann nicht gescheh'n!
Denn Alle haben gleiche Rechte.
Laß mich's beschlafen ein par Nächte.
Vielleicht, daß sich die Heiligen
Aufklärend hier betheiligen.
Vielleicht im Traum auch wundervoll
Zeigt Gott mir, was nun werden soll.«

    Der Freier mußte sich drein geben,
Es ging ihm auch nicht übel eben:
Denn diese Schwestern alle drei
Sie waren hübsch – ich sag' es frei: –
Eulalia im schwarzen Har,
Portiuncula im rothen gar,
Und fromm, ein Engelsköpflein, sah
Darein die blonde Lilia. –
Und wie's die Wirklichkeit gebot, –
Jung Berengar litt keine Noth.
Sie mühten sich, mit Wein und Speisen
Dem Fremdling Gutes zu erweisen
    Und ihm, der schön von Mienen,
    Mit Höflichkeit zu dienen.
(Darüber sollt ihr lächeln nicht:
Denn solches Thun gebot die Pflicht:
Gern wär' ich selber Gast bei ihnen!)

    Zwar Lilia war die Blödeste,
Die Scheueste und Sprödeste: –
Und doch das Seltsame geschah:
Stets lief er hinter Lilia!

    Und nach drei Tagen sprach der Vater:
»Die Heiligen wurden mir Berather:
Ein Gottes-Urtheil muß entscheiden!
Doch Qualen sollt ihr nicht erleiden:
Sollt nicht das Feuereisen tragen,
Nicht euch mit scharfen Waffen schlagen:
Von solcher Furcht seid nicht erstreckt!
Nein! Jede meine Töchter streckt
In's Wasser ihre beiden Hände:
Ihr glaubt in siedendes am Ende?
Behüte Gott! In kühles Wasser!
Und keine kälter wird noch nasser,
Als ihre Schwestern: und sodann
Kriegt jene Berengar zum Mann,
Die, ohne Handtuch anzuwenden, –
Zuerst ihn greift – mit trock'nen Händen!«

    Und wie gesprochen, so geschah's.
Alsbald das Schwestern-Kleeblatt saß
Und Er vor einem Becken weit.
Der Vater, voll Gerechtigkeit
Taucht' ein, genau zur gleichen Zeit,
Der Töchter Hände bis zum Grund
Und zählte zwölf mit ernstem Mund
Und nochmal zwölf und rief: »Heraus!«
Da mögt ihr glauben, ziere Frau'n:
Kein Händchen war zu spät zu schau'n.

    Und wie fiel Gottes Urtheil aus?

    Fromm faltete Eulalia
Die (ziemlich großen) Hände da
Und hob gen Himmel ihr Gesicht:
»O heilige Eulalia!
Nur jetzt, nur jetzt verlaß mich nicht!
Ich singe Dir Hallelujah,
Ich stifte Kerzen sonder Ende, – –
Nur trockne jetzt mir rasch die Hände!«

    Portiuncula im rothen Har
Nicht ganz so Heil'gengläubig war:
Sie sprach kein Wort: weit ausgespannt
Hielt in die Höh' sie jede Hand.

    Jedoch die spröde Lilia,
Die scheue, denkt! Was that sie da?
Sie schlug ganz hastig und gehässig
Die beiden Händlein unablässig
Windfächelnd in die Luft und schrie
(Die kleinsten Hände hatte sie:
Wahrhaftig, schön're sah ich nie!)
Und schlenkerte und schrie und schrie:
»Nein, nein, nein, nein und aber nein!
Ich will, ich will, ich will nicht frei'n!
Ich will ihn nicht,
Den Bösewicht!
Ich bleib' bei'm lieben Väterlein!«
Und heftig schüttelt' sie die Locken. –

    Und als sie zehnmal so gethan, –
Da waren ihre Händlein trocken:
Des Knaben Hals thät sie umfahn,
Der rief: »Ich schwör's – bei Gottes Haß! –
Sie ist kein Bischen nicht mehr naß,
Indeß noch auf den Estrich tropfen
Von jenen beiden schwere Tropfen.
Das Urtheil Gottes hat entschieden!« –
Der Vater sprach: »Nimm sie in Frieden!«

    So lohnt sich – merkt! – zu jeder Zeit
Die Blödigkeit und Sprödigkeit
Der tugendsamen Jungfräulein:
    Sprach sie nicht: »Nein!«
    Durft' sie nicht frei'n! – –

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