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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 40
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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II. Von Therese Dahn.

Salome am Grabe des Täufers.

                    Die Nachtluft rauscht mit geisterleisen Flügeln:
    Tiefsorglich eingehüllt in Schleier's Hut,
Salome wandelt zwischen Grabeshügeln
    Und suchet, wo Johannes einsam ruht.

Und sie beschleicht nicht menschlich Graun noch Bangen,
    – Allein hier, und der Todten viel, –
Sie denkt und fühlt nur ein Verlangen:
    Nur ihn zu finden, ist ihr großes Ziel.

Und mit des Abendsterns Entglimmen
    Hebt von der Stirne sie die Schleier leicht:
Die Locken fluthen – ihre Augen schwimmen,
    Sie bebt – sie athmet tief – sie hat's erreicht.

Noch frisch die Erde: drüber aber ranken
    Schon wuchernd Immergrün und Epheu sich;
Sie neigt das Haupt tief in Gedanken
    Und sinkt in's Knie und weinet bitterlich.

Die Fürstin Juda's weint am Grab des schlichten Mannes –
    Und Wort und Wort quillt ihr vom Munde weich,
Salome pilgerfahrtet zu Johannes,
    Den sie gemordet und geliebt zugleich:

»Vernimm mich dort in Deines Grabes Tiefe!
    Verzweifelnd trag' ich meines Lebens Last. –
Selbst aus der Nacht des Todes riefe
    Mein Herz zu Dir, – bis Du verziehen hast.

Zu spät nun fluthen meine Reuezähren,
    Sie wecken Dich vom Tode nicht mehr auf,
Doch willst Verzeihung liebreich Du gewähren,
    Dann ende, Heil'ger, meines Lebens Lauf.

Mich dürstet, opfernd ganz in Dir zu sterben,
    Anbetend flammt mein Wesen auf zu Dir,
Kein höher Schicksal kann ich mir erwerben:
    Nimm Du mein Sein und Wesen auf zu Dir.

Entsühne mich und nimm mein ganzes Leben,
    Nimm meiner Seele selbstbewußtes Sein: –
Auf ewig sei Dir Alles hingegeben,
    Vernichte mich! doch ewig sei ich Dein.«

Voll strahlt der Mond, und alle Sterne leuchten
    Und weben um das Haupt ihr lichten Kranz: –
Da hebet sie den Blick, den thränenfeuchten,
    Und sehnsuchtathmend bricht und lischt sein Glanz.

Erstarrend, friedverkläret sinkt und schmieget
    Der junge Leib auf's frische Grab sich hin, –
Und zu Johannes ihre Seele flieget, –
    Sie ward erhört: – Johannes hat verzieh'n.

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