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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 366
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Zur Feier des 100. Geburtstags von Jakob Grimm.

(4. Januar 1885.)

        Im Eichwald tief – so geht die deutsche Sage –
Rinnt, unter Stein versteckt und Wurzelwerk,
Vor einem dunkeln, felsumschloss'nen Berge,
Unsichtbar für der Werktagmenschen Blick,
Ein heil'ger Quell von silberklarer Fluth. –

Jahrhunderte zieht er verborgen hin,
Und Niemand achtet auf sein leises Rieseln,
Als nur der Waldspecht, der im Hohlstamm baut:
Goldkrönig schläft auf mos'gem Stein die Schlange
Und wunderschöne Blumen blüh'n umher.

Doch, wann am Himmel steh'n die rechten Sterne,
Dann mag ein Sonntagkind mit reinem Herzen,
Dem Lüge nie die Lippe hat entweiht,
Von lichten Elben ahnungsvoll geführt,
Den Born entdecken, schweigend niederknien
Und schweigend schöpfen mit der hohlen Hand,
Die Augen kühlen und die heiße Stirn
Und trinken: – da errauschen rings die Eichen:
Den Wanderer durchrieselt heil'ger Schauer:
Sein Auge sieht, es hört sein staunend' Ohr
Ringsum der Dinge wahre Wesenheit.
Die Schlange wird zum goldgekrönten Mädchen,
Der dunkle Berg schließt seine Felsen auf,
Und ehrfurchtvoll erschauet der Geweihte
Die alten Götter und die hohen Helden,
Die weisen Frau'n und Kön'ge seines Volks,
Und er versteht die stolzen Vorzeit-Laute,
Die markigen und doch so wohlklangreichen,
In denen sie vertraulich sich erzählen
Uralter Tage goldne Herrlichkeit. – –

Die Sage, die uns Jakob Grimm erzählt',
Hat an ihm selbst sich wunderbar erfüllt:
Im Wald verborgen lag das deutsche Volksthum.
Er hat, das Sonntagskind von lautrem Herzen,
Dem Lüge nie die Lippe hat entweiht,
Er hat ihn aufgedeckt, den heil'gen Born:
Ein Seher, der Vergangenheit Prophet.
Was er erschaut hat, der Germanen Vorzeit,
Die bergentrückten Götter und die Helden,
Was er vernahm: des Märchens Waldgeflüster,
Der Sage Runenwort und Schwerterklirren,
Der Schöffen Weisthum an der alten Malstatt,
Den Silberklang der Amalungensprache, –
Verkündet hat er's lauschenden Geschlechtern. –

Und als sein Werk gethan, da hat sich schweigend
Auch über seinem Haupt der Berg geschlossen,
Der unsers Volkes große Todte birgt:
Entgegen an der Schwelle trat ihm freundlich
Der milde Bruder: »Hier, zu meiner Rechten,
Ist Dir der Sitz gewahrt: – ich harrte Dein.«

Hier oben aber, in dem Volk der Deutschen,
Wird leben das Gedächtniß dieser Brüder
So lang' ein Eichbaum und ein Lindenbaum
In unsern Wäldern rauscht, so lang' ein Kind
Auf seiner Mutter Schos noch Märchen lauschet,
So lang' auf Erden deutsches Wort noch tönt.

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