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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 361
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Prolog
zu einem Wohlthätigkeitsfest für Abgebrannte.

        Gedankenlos durch's Leben tanzt die Menge,
Vom Augenblick Genuß, Betäubung hoffend,
Der Lust es dankend, daß sie übertönt
Das leise Fragen in der Seele Tiefen,
Die Frage nach dem ewigen Warum?
Die Ahnung von der Raschvergänglichkeit,
Der Unbeschütztheit aller unsrer Freuden.

Und wer ein Volk an tiefen Ernst will mahnen,
Den haben sie von je mit Ungeduld,
Als finstern Freudenstörer, kaum gehört. –
So wogt von Fest zu Fest der Schwarm dahin,
Vergessenheit des sichern Todes suchend,
Bis plötzlich, unerwartet, aus den Wolken
Das eherne Verhängniß niederbricht
Und über Hügeln schuldlos Sterbender
Sich vor dem Schreckensantlitz der Meduse
Das Herz der Ueberlebenden versteint.

Dann freilich zuckt durch die Gedankenlosen
Die Einsicht jäh von ihrem nicht'gen Treiben,
Des Lebens, unwerth menschlicher Vernunft:
Dann fragen sie, von Angst emporgeschreckt:
»Warum darf dies Entsetzliche geschehen?
Was steigen nicht die Engel aus den Wolken,
Schuldlose Kinder vor der Gier der Flammen
Zu schützen mit den Schilden von Demant?
Und wenn der Himmel nicht mehr Wunder thut,
Wenn die Maschine der Mirakel barst,
Wenn nicht ein Vater unsern Schlaf mehr hütet,
Ist unser Menschen-Dasein noch zu tragen?
Ist's dann nicht besser, sich verzweiflungvoll
Schmerzlosen Tod zu sichern, als zu warten,
Welch Maß von Qualen die Nothwendigkeit,
Die unerbittliche, für uns gespart?«

Dann straft sich all die hohle Nichtigkeit,
Mit der, dem Ernst weit aus dem Wege biegend,
Das Volk dahin lebt, Eintagsfliegen gleich.
Dann tritt die ernste Weisheit in ihr Recht,
Die nicht erst solcher Mahnungen bedarf,
Den Kern des Lebens in der Pflicht zu suchen,
Den edlen Lohn im Schweiß der Arbeit und
In der Entsagung dunklem Lorberkranz!

Ernst ist mein Wort: doch ernst auch diese Stunde!
Kein Fest der Freude feiern heute wir:
Barmherzig woll'n wir trocknen Waisen-Thränen
Und gegenüber grauenvollem Unheil
Das Einz'ge, was des schwachen Menschen ist:
Das tiefe Mitleid spenden unsrer Herzen.

Wir aber, die diesmal verschont geblieben,
Gedenken wollen wir, daß über uns
Nicht minder des Verderbens Wolken hangen,
Ob Krieg, Empörung, Hunger, Brand, ob Seuche,
Ob Ueberschwemmung unser Dämon heißt: –
In jeder Stunde kann er uns ergreifen.

Drum, ernst in uns gekehrt, woll'n unser Leben
Wir also führen, daß nicht ungerüstet
Und nicht unwürdig uns der Tod ereilt.

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