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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Karl IX. nach der Bartholomäus-Nacht.

              Der König Karl war leichenfahl:
Er wankte durch den leeren Sal.

»Wie lang doch eine Novembernacht,
Wenn man sie einsam still durchwacht!
Wie flog die gestrige vorbei
Mit Schießen und brüllendem Mordgeschrei! –

Ich kann nicht Menschen um mich haben:
Sie riechen nach Blut wie Leichenraben. –

Bei dem ersten Rapport, – wie dem schwarzen Tavannes
Schon das Blut so roth aus dem Barte rann!
Und zu neuem Jagen lief er fort,
Seine gellende Losung: ›Tod und Mord!‹

Und des jungen Gnise zerkratztes Gesicht!
Er lachte: ›Das half der Ketzerin nicht!
Ich hab' sie gezwungen und dann erschossen!‹
Daß er mir's erzählte, das hat mich verdrossen:
Und wie in die Seine sprangen zwei Schwestern – –:
Ich kann sie nicht seh'n, die Genossen von gestern.

Wenn nur die Sekunde vorüber wär',
Da die Glocke des Louvre, dumpf und schwer,
Das Zeichen gab, wie wir's ausgemacht:
Das war ein Viertel vor Mitternacht:
Wie rasch gleich drauf das Pistol gekracht! –

O Mutter, ich wälz' es auf Dein Gewissen!
Du hast an der zögernden Hand mir gerissen!
Ich wollte nicht dran! – Es ward mir bang: –
Du schobst in die Faust mir den Glockenstrang
Und zerrtest mich plötzlich . . . –
                                                      Horch! Welch' ein Klang! –
Hui weh! Da schlägt es Dreiviertel! – Weh! –
Rings blutige Schatten, wohin ich seh'!

Luft! Luft! Ich ersticke! Rings wirbeln Gespenster!
Rasch auf mit dem Laden! – Weh, das ist das Fenster:
Hier schoß ich heraus! Angoulême lud! –
Was wirbelt herein wie Nebelfluth?
Aus dem Nebel schwillt eine weiße Gestalt –:
Ach, ich kenne dies Haupt mit dem klaffenden Spalt,
Mit den rieselnden Wunden ohne Zahl –
Mit dem silbernen Har! – Ich nicht, Admiral!
Der Guise war's und Paul Medici, –
Ich war nicht darunter, Coligny.
Er greift mich! Zu Hilfe! Wachen, herbei!« – –

Durch das schweigende Louvre schrillt sein Schrei. – –

Der König hat nach dieser Nacht
Nicht eine mehr allein verbracht:
Zumauern ließ er das Erkerfenster:
Doch es schwebten durch Ziegel und Kalk die Gespenster,
Und sie haben ihn blaß und schweigend umschwebt
In jeder Nachts die er noch gelebt. – –

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