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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Das verlorne Schwesterlein und die drei Brüder.

(Nach einer Volksliedstrophe.)

              »O, Söhne mein, o, Söhne drei,
Verschwunden ist, dieweil ihr fern
Im Waffendienst für euren Herrn,
Verschwunden euer Schwesterlein!
Das bringt der Mutter Todespein!
Schafft ihr das Kind nicht wieder bei,
Schafft ihr nicht wieder bei das Kind,
So wein' ich mir die Augen blind!
Zieht aus und sucht das Gretelein!«

»Ach Schwesterlein, ach Schwesterlein!Diese zweite ist die Strophe des Volksliedes.
Wie hast Du dich so weit hinaus
Verloren von dem Vaterhaus!
Wir Brüder tragen groß Begehr
Und möchten gerne bei Dir sein
Und kennen ach! die Wege nicht
Und finden ach! die Stege nicht
Und reiten in die Welt hinein
Und irren fragend im Land umher.

Wie war so sonnenhell Dein Har!
Wie war Dein blaues Aug' so klar!
Ein' Rosenknospe war dein Mund,
Und läg' ein Herz zu Tode wund, –
Dein Lächeln macht' es flugs gesund!
Wir suchen Dich mit Horn und Hund!
Wir suchen Dich in Busch und Dorn,
Wir schauen bang in Bach und Born,
Wir rufen Dich mit Hund und Horn.

Sag an, du Zecher hinter'm Krug,
Sag an, du Bauer hinter'm Pflug,
Du Fuhrmann in dem Saumroßzug,
Sag an im Wald, du Kräuterfrau,
Du Thürmer hoch am Zinnenbau,
Noch höher, Falk im Aetherblau,
– Du hast die allerschärfste Schau,
Sagt, saht ihr sie denn nirgendwo? –
So werden wir niemals wieder froh!« – –

Lang' ritten sie, landaus, landein,
Und fanden nicht ihr Schwesterlein.
Die ältern Brüder weinten sehr;
Des Jüngsten Aug' blieb thränenleer,
Da schalten ihn die Beiden schwer.
Er aber schwieg. – Und einst im Traum
Sang ihm ein Vöglein aus dem Baum:
»Ich weiß: – Du liebst sie noch viel mehr:
Schau, was hier gleißt im Sonnenschein!«

Vom Schlaf fuhr auf jung Reinhold da,
Und wie er staunend um sich sah,
Da, an dem Hagedorn, ganz nah,
Da hing ein sonnengolden Har!
Wie froh sein Herz erschrocken war!
»Wach auf!« rief er, »du Brüderpar,
Solch Har wie eitel Sonnenschein
Trägt einzig unser Schwesterlein: –
Hier ging des Wegs das Gretelein!«

»Schau, durch das feuchte Mos ein Pfad,
Das sind die Schrittlein, die sie trat:
So schmalen Fuß hat sie allein!
Hier, vor dem Berg aus schwarzem Stein,
Erlischt die Spur: – hier muß sie sein!«
Doch unwirsch sprach das ältre Par:
»Du Bruder Träumer! Was nicht gar!
Manch Mädchen wohl hat solches Har,
Manch Mädchen auch solch Füßchen klein.

Wir suchten nun ein volles Jahr. –
Sie ist verloren, das ist klar. –
Wir kehren heim. – Wir geben's auf. –
Die Welt will gehen ihren Lauf;
Wir müssen sorgen für Hab und Haus.«
Und sie ritten aus dem Tann hinaus. –
Doch Reinhold zog sein Schwert und sprach:
»Ich forsche meiner Schwester nach,
Bis dieser Stahl den Berg durchstach.

Vom Gretlein ich nicht lassen mag, –
Ich suche bis zum jüngsten Tag.«
Da kracht im Berg ein Donnerschlag:
Auf springt das schwarze Felsgestein,
Und sieh, da steht das Gretelein,
So schön, wie es noch niemals war,
Umfluthet ganz vom Sonnenhar:
»Hab Dank! Nun ist der Zauber aus.
O, bring zur Mutter mich nach Haus!«

Da hob jung Reinhold sie auf's Roß
Und führte sie in's Väterschloß
Und rief: »Hei Bauer hinter'm Pflug,
Fuhrmann im Zug und Gast beim Krug,
Hei Thürmer hoch am Zinnenbau,
Und Falke du im Himmelsblau –,
– Du hast die allerschärfste Schau: –,
Doch Froh'res ist euch nicht bekannt,
Als der Bruder, der die Schwester fand.«

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