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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 321
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Pathenspruch.

                Ward einem Knaben beigelegt der Name,
    So traten oft die Nornen an die Wiege,
Und mit dem Namen gaben sie zugleich
    Dem Kinde Wünsche für das Leben mit,
Erfüllend selbst, was selbst sie ihm gewünscht.

Erfüllen kann ich nicht: doch wünschen kann ich,
    Und also dreifach wünsch' ich meinem Pathkind,
– Seht, wie es ruhig liegt, im Schlaf noch lächelnd,
    Des Lebens und der Welt und ihres Wehs
Hold unbewußt, wie eine stille Blume: – –
    So wünsch' ich ihm denn Ruhe: seine Kindheit
Soll unverstört von Krankheit heiter ausblühen,
    Vom Arm des Vaters, von der Mutter Schos
Gehegt, gewiegt im wachsendem Gedeihn,
    Gleich einem Bäumlein im umzäunten Garten
Bis mälig ausgestaltet Leib und Geist.

Dann aber, wann zum Jüngling ward der Knabe,
    Dann wünsch' ich ihm – erschrick nicht, sanfte Mutter! –
Dann wünsch' ich Deinem Sohne hier den Kampf!
    Den Geisteskampf mit ringenden Gedanken,
Mit fremden und mit eignen, grimm und scharf:
    Den Kampf des Zweifelns und des lauten Fragens
Nach Lösung jener Räthsel, die uns Menschen
    Mit ew'gem Schweigen anstarrn: gleich der Sphinx
Zum Rathen zwingen, aber unerrathbar. –

Und auch den Kampf mit eigner Leidenschaft,
    Der bis zum Grund uns aufrührt, wünsch' ich ihm,
Denn nicht was angeboren und geschenkt,
    Nur was der Mann erkämpft sich und ersiegt hat,
Nur das ist wahrhaft, unentraffbar sein. –

Ja, muß es sein und ruft dies deutsche Reich
    Nach seinen Söhnen mit Drometenschall,
Dann wünsch' ich diesem Euren Knaben auch
    Den Kampf der Feldschlacht für sein Vaterland!

Nothwendig ist und heilsam Kampf dem Mann:
    Er übt und stählt die Kraft und mehret sie
Und weckt zu Tag, was Bestes in uns ruhte.
    Doch ist der Kampf der Zweck des Kampfes nicht,
Des Kampfes Zweck und Wahrheit ist der Friede.
    Der Friede: nicht des Kindes Ruhe mehr:
Nicht mehr die Knospe: nein, die goldne Frucht,
    Der Friede, der den Kampf der Gegensätze
In der Verklärung reifer Weisheit löst. –

Der Leidenschaft und des Gewissens Streit
    Ist ausgesöhnt: Vernunft ward zur Natur:
Den Trieb gebändigt hat das edle Maß,
    Und der beherrschte Strom, er zieht befruchtend
Im hehren Bette der Gewöhnung hin. –
    Wohl blieb das Räthsel Gottes und der Welt
Auch diesem Fragenden verhüllt: jedoch
    Gefunden hat er vom Unendlichen
So viel, daß er das Haupt in Ehrfurcht beugt
    Und küßt des dunkelblauen Mantels Saum,
Den sterngestickten, der die Gottheit einhüllt.
    Und was dem Denken undurchdringbar bleibt,
Ja, selbst die Qual des unverdienten Leidens,
    Er trägt sie mit der höchsten Helden Kraft:
Dem Frieden der vollendeten Entsagung. –
    Versöhnt mit Gott, der Welt, dem eignen Selbst
Strömt eitel Wohlthat aus das warme Herz,
    Den Freund beglückend und den Feind beschämend,
Und als des harterfochtnen Sieges Zeichen
    Darin sich kerngesund das Leben ausblüht,
Schlingt freundlich ihm um Helm und um Panier
    Wohlwollender Frohsinn farbenbunt Gerank
Von rothen Rosen und von duft'gen Reben.
    Kind, solche Ruhe, solcher Kampf und Friede
Sie seien Dein: das ist mein Pathenwunsch!

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