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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 25
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Die rothe Erde.

                  Herrn Kaiser Karl zu Aachen
    Kam's über die Augen schwer:
»Ich fühl's, nicht wird mich wärmen
    Die Frühlingssonne mehr.

Noch einmal muß ich umschau'n,
    Wie's steht in meinem Reich:
O wär' ich bei Avaren
    Und Arabern zugleich!

Zugleich am gelben Tiber,
    Zugleich am grünen Rhein:
Zu groß ist ach! das Erbe,
    Der Erbe, weh! zu klein. – –

Die Nächsten sind die Sachsen:
    Bis dorthin reicht's wohl noch;
Sie kämpften dreißig Jahre,
    Und ich bezwang sie doch!« –

Er zieht mit Graf und Bischof
    Nochmal durch Sachsenland:
Der Männer sieht man wenig: –
    Todt sind sie, landverbannt.

Auf öder, brauner Heide,
    Vom Eichbaum überragt,
Liegt ein Gehöft, den Dachfirst
    Vom Roßkopf überschragt.

Welk über'n tiefen Ziehbrunn
    Nickt der Holunder schwer:
Und frische Hügelgräber, –
    Sehr viele! – rings umher. –

Ein Weib tritt auf die Schwelle:
    Es zerren an ihrem Rock
Die Knaben mit dem Trutzblick,
    Die Mädchen im Flachsgelock.

Sie gaffen auf die Fremden,
    Auf die bunte Reiterschar:
Es beugt sich aus der Sänfte
    Ein Mann in weißem Har.

Er streicht den Kopf dem Jüngsten:
    Der greift nach der Spange licht:
»Wer ist's?« forscht scheu die Mutter.
    »Herr Karl! – Kennst du ihn nicht?«

Laut auf kreischt die Entsetzte
    Und reißt die Kinder fort:
»Herr Karl! Der Tod!« – Sie verschwinden
    Im nahen Buschwald dort. –

Der Kaiser nächtet im Kloster.
    Leer ist's um den Altar:
Kein Laie, – nur die Mönche. –
    »Was scheint dort fern so klar?

Was leuchtet durch das Fenster?«
    »O Herr – 's ist nicht geheuer:
Die Sachsen sind's im Walde
    Bei Wodan's Opferfeuer.« – –

Am andern Morgen rheinwärts
    Der Kaiser kehrt die Fahrt;
Er schweigt. – Er betet manchmal;
    Er streicht den weißen Bart.

Das Roß führt ihm ein Sachse,
    Der alle Steige kennt.
Das Erdreich steht zu Tage,
    Wo der Pfad die Hügel trennt.

Warm dampft es aus den Schollen, –
    Karl beugt vom Sattel sich:
»Roth ist hier rings die Erde,
    Seit wann? Woher das? – Sprich!«

Da hob der graue Führer
    Zu ihm den Blick empor:
»Grün war der Wiesenanger,
    Die Haide braun zuvor;

Zweihunderttausend Sachsen,
    Die starben blut'gen Tod: –
Davon ist in Westfalen
    Die Erde worden roth.«

Da schüttelt Frost den Kaiser:
    »So tief – die Erde roth?
Herr Christus, lösche die Farbe:
    Ich that's auf Dein Gebot.«

Starr hat er in die Wolken, –
    Auf den Boden starr gesehn:
Der Boden blieb derselbe: –
    Kein Wunder ist geschehn. –

Schwer krank kam er nach Aachen
    In seinen goldnen Sal:
Er raunte mit sich selber,
    Hauptschüttelnd, manchesmal.

Er fragte: »Ist's noch roth dort?«
    Als er im Sterben lag. –
Roth blieb Westfalens Erde
    Bis auf den heut'gen Tag. –

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