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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 231
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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In der Haide.

            Im Mondlicht bin ich oft gemach
    Allein durch's Mor geschritten:
Dann schlich ich Nebelgestalten nach,
    Die schwankend vor mir glitten
Und rückwärts schauten, drohend, wild:
    Unheimlich Dunst und Haidegebild!

Doch, wie sie eilten, ich eilte mehr
    Und griff mit der Hand nach dem Alten,
Im wallenden Mantel, mit Hut und Speer,
    Da zerrannen die Mantelfalten:
Die Hand war leer, der Mond gab Schein:
    Ein Rabe nur huschte hinters Gestein!

Und oft saß ich im Morgenglanz,
    Mir Haidekraut zu pflücken,
Und mit dem rothen Blüthenkranz
    Mein gelbes Har zu schmücken.
Goldamsel-Ruf vom Wacholderbaum
    Sang über die Augen mir seligen Traum.

So lag ich lang', die Sonne stieg –
    Bis ich erwachte mit Grauen: –
Die Lerche duckt' in's Mos und schwieg:
    In Lüften ein schwüles Brauen.
Kein Ton, kein Laut: – nur Einsamkeit
    Füllte die Haide zur Mittagszeit!

Scheu flog mein Blick durch's weite Land,
    Sah nichts als Gluth und Feuer:
Erwartend stiert' ich in den Brand,
    Die Stunde war nicht geheuer.
Zu Lohe ward des Mundes Hauch,
    In Flammen standen rings Busch und Strauch.

Da klang vom Holz ein Falkenschrei,
    Der Sprosser schlug voll Wonne,
Ich sprang empor, des Zaubers frei:
    Und grüßte die siegende Sonne!
Da hob sich ein Flüstern und Lispeln im Ried,
    Der Haidewind sang – und die Sonne schied.

Dann schritt ich heim und sang und sprach
    Mit ungeduld'gen Sinnen,
Und grübelte den Räthseln nach,
    Die Jugendgluth umspinnen:
Bis daß, im Abendlicht verklärt,
    Ich Ruhe fand an unserm Herd.

*

        Der Anger wird bunt, die Haide wird grün,
    Maßliebchen und Veilchen erblühn,
Schon nicken im dunkeln Wald
    Anemonen und weiße Glöckchen
An schlanken, schwankenden Stöckchen,
    Und bald! ja bald! –
Dann kommt wer über die Haide quer:
    Da blüht sie auf wie ein flammend Meer.
Und Vöglein singen's vom Wipfelgerüst:
    »Der Frühling hat die Haide geküßt!«

*

        Im Bergwald braust mit Toben
    Der Winde schriller Chor.
Thalab kommt er geschnoben,
    Feldeinwärts über's Mor.

Der welken Blätter irren
    Viel über's Stoppelkraut,
Hoch in den Lüften schwirren
    Zugvögel, sturmvertraut.

Auf brauner Haide rufen
    Den Sturm zwei Raben aus,
Scheu flatternd um die Stufen
    Am öden Haidehaus.

Jüngst hat's der Blitz zerschlagen,
    Nun bröckelt Lehm und Stein,
Goldginsterbüsche ragen
    Verwelkt und wirr hinein.

Naßgraue Nebel wogen,
    Der Sonne Licht ward schmal: –
Und finster kommt gezogen
    Der Herbst in's Haidethal.

*

        Lang' umzog ich Dich im Kreise,
    – Nach des Wildhuhns scheuer Weise –
Oede Hütte dort im Mor.
    Halb zerfallen, halb zerschlagen
Seh' Dein mosig Dach ich ragen
    Mit dem Pferdekopf davor.

Haidepfad! – Wie der sich windet,
    Daß er Halt und Feste findet
Auf dem trügerischen Grund.
    Leise schwankt er, und verholen
Aechzt es unter meinen Sohlen
    Schaurig, wie aus Geistermund.

Wie die Dämm'rung sich verbreitet!
    Wie der Nebel steigt und schreitet
Und der Herbstwind schrillt und schallt!
    Hei! was stellt sich dort am Ginster
Mir entgegen gram und finster?
    »Wer Du bist, – zeig' die Gestalt!«

Da steht's vor mir, bärtig – wehrhaft: –
    Dunkler Mantel, Breithut, Speerschaft! –
Nun verschwimmt's im Nebelflor, –
    Dort noch einmal seh' ich's schreiten:
»Warte, Wandrer, mich zu leiten
    An die Hütte fern im Mor.« –

Fort ist Alles – wie's gekommen;
    Dunkel hat Dich aufgenommen
Nacht und wegewartend Graun. –
    Niederzwing' ich Schreck und Zagen,
In die Hütte dringt mein Wagen,
    Und den Wandrer will ich schau'n.

*

        Ueber das Mor zu eilen,
    Giebt mir nimmer Beschwer:
Hastig, ohne Verweilen,
    Treibt mich ein Herzbegehr;

Lehrte mich sicher entwirren
    Heimlicher Wege Spiel:
Mag auch der Nebel flirren, –
    Furchtlos schreit' ich an's Ziel.

Nachtfrost fühl' ich nicht schneiden,
    Sonnenbrand sticht mich nicht: –
Weithin – durch Bruch und Haiden –
    Spähend schweift mein Gesicht.

Krähen seh' ich am Weiher
    Flattern von Stein zu Stein,
Grau gefiederte Reiher
    Glänzen im Abendschein.

Aber dort fern, bei der Rüster,
    Fliegt's wie Mantelgefalt,
Und durch das Windgeflüster
    Raunendes Lied erschallt.

Dorther kommt er geschritten,
    Dorthin fliege, mein Fuß!
Bald in der Haide Mitten
    Tauschen wir Blick und Gruß.

*

        Es stand eine Hütte, arm und klein,
    Auf des Mores heimlichster Stelle:
Da schritt ich oft im Abendschein
    Ueber die bröckelnde Schwelle.
Der Kukuk rief vom Waldrand her, –
    Ich schürte des Herdes Flammen,
Dann kamst Du über die Haide quer,
    Und wir saßen am Feuer beisammen.

*

        Wir saßen am Feuer in stiller Nacht,
    Du sangst Deine bannende Weise,
Ich habe geweint und habe gelacht,
    Und dazwischen küßt' ich Dich leise.
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