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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 23
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Hunnen-Zug.

I.
            Ueber den Tanais, über den Ister
    Winket der Tod mit der Sense der Pest:
»Gürte dich, schürze dich, schwarzes Geschwister!
    Fernhin nach Gallien ruft uns ein Fest.

Höre mich, hagerer Bruder, du, Hunger!
    Rüttle dich, schlafender Geier, du, Krieg,
Altunersättlicher, immer noch junger,
    Schüttle die blutigen Schwingen und flieg!«

Sieh da, in Wolken, den Völkern ein Grauen,
    Ballt sich ein schwarzer, ein schrecklicher Zug:
Riesen und Schlangen, entsetzlich zu schauen,
    Rasende Rosse mit Flügeln am Bug.

Allen voran der verderbliche Geier,
    Kreischend nach Fraß und die Fänge gespannt:
Sonneverfinsternd erstrecket der Schreier
    Schattende Schwingen vom Meere zum Land.

Flammendes Züngelein schlägt er zuweilen
    Roth aus des Schnabels, des klaffenden, Ritz! –
Hinter ihm Nacht: – doch in zischenden Keilen
    Zuckt aus dem Schnabel dann zündender Blitz!


II.
Aber noch grausiger als an dem Himmel
    Wälzt sich auf Erden ein fluthender Streif:
Drachen vergleichlich, ein Völkergewimmel,
    Feuer im Rachen und Gift in dem Schweif. –

Blies da ein Mann auf gewundenem Horne
    An der Alutha vor felligem Zelt:
Schauernd in Lust und in Schreck und in Zorne
    Zittert der Occident, zittert die Welt!

»Hunnen, die Erde, mir gab sie der Kriegsgott:
    Hunnen, euch schenk' ich sie: – mordet sie aus!« –
»Attila,« scholl es da, »Väterlein, Siegsgott,
    Danken dir, danken schön! Richten es aus!«

Horch! Von dem Kaukasus bebt bis nach Böhmen
    Dröhnend Europa von Hufengestampf:
Hoch auf den Bergen und tief in den Strömen
    Woget und wüthet und würget der Kampf.

»Attila! Attila! Spender der Beute!
    Väterlein! Sage nur: machen wir's recht?
Pfählen die Jünglinge, schleifen die Bräute
    Bügelgebunden am Lockengeflecht!

Attila! Willst du's so? Nieder die Römer!
    Siebenfach nieder Germanengeschlecht!
Völkerzermalmender Länderdurchströmer,
    Attila, sag' es uns: machen wir's recht?«

Aber die Geißel, neunsträngig, mit Blute,
    Hebet gen Himmel der Chan im Gebet:
»Seht ihr in Wolken die flammende Ruthe?
    Weiter! Nach Westen hin weist der Komet!«


III.
Aber in Gallien, fern an der Marne,
    Standen zwei Männer in Waffen gesellt:
»Soll denn, erwürgt in dem heunischen Garne,«
    Klagte der Eine, »verröcheln die Welt?«

»Nein doch, Aëtius!« lachte der Zweite,
    Warf in den Nacken das goldene Har:
»Laß uns vergessen verstrittene Streite!
    Sage, wen fürchten wir, – Wir – wenn ein Par?

Rufe vom Tiber durch fliegende Boten
    Deiner Legionen gepanzerte Wehr,
Traue Theoderich, traue den Gothen:
    Römischer Schild und germanischer Speer!

Laß sie nur kommen auf zottigen Gäulen!
    Laß sie empfahn uns mit Schild und mit Schaft:
Warte nur, ob sie nicht weichen mit Heulen
Römischer Kunst und germanischer Kraft!«

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