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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Die Windsbraut.

        Wo der Tarnberg ragt mit dem düstern Gestein
In das Nebelgewölk, in die Himmel hinein,
Dort ist die Hochburg der Winde: –
Ei die Winde, wie weh'n sie geschwinde!

An des Tarnbergs Fuß bei dem blauen Fjord
Lag prangend der Jarl-Hof Mochter:
Da sproß sie, die schönste Blume des Nord,
Des Jarls hochbusige Tochter.

Schön Gerdha, trotzig und ernst und klug:
Wie der Edelhirsch die Gezacken
So hoch, so stolz, so verachtend trug
Sie das herrliche Haupt auf dem Nacken.

Nicht litt sie Geschmeid an dem ragenden Kopf,
Sie bot, wie ein Krongebinde,
Den dichten weizenfarbenen Zopf
Dreimal geschlungen dem Winde.

Und schritt sie durch's wogende Sommergetreid',
An den Gurt kaum stieg ihr die Ähre,
Und die Blumen küßten die Knöchel der Maid,
Als ob sie aus Asgardh wäre.

Wie ein zorniger Stern ihr Auge schoß
Blau blitzende Strahlen im Grimme,
Die Nüster flog ihr wie edlem Roß,
Und wie Erzklang scholl ihr die Stimme.

Doch zorniger ward sie – und schöner – nie,
Als wann die Freier ihr nahten:
Dann bogen vor Schreck die Männer das Knie,
Die das niemals Königen thaten.

Und es bot ihr der Kaufherr aus Flandraland
Ihr Gewicht in goldenen Ringen,
Und um jeden Finger an jeder Hand
Wollt' er zwölf Perlen schlingen.

Sie sprach kein Wort – sah ihn nur an,
Er ging mit dem Kram und den Steinen. – –
Der Skalde Brag die Werbung begann:
»Kein Sang vergleicht sich dem meinen.

Und ich fand ein Lied zu deinem Lob: –
Schon singen's Friesen und Franken.«
Sie lächelte: »Wer so hoch mich hob,
Wie könnt' ich je ihm danken?

Singt aber der Wind von des Tarnbergs Höh'n«
– Wie glänzten ihr da die Augen! –
»Dann klingt es tausendmal so schön:
Dies Lied nur will mir taugen.«

Wo der Tarnberg ragt mit dem düstern Gestein
In das Nebelgewölk, in die Himmel hinein,
Dort ist die Hochburg der Winde: –
Ei die Winde, wie weh'n sie geschwinde!

Da bot der König von Dänemark
Ihr die siebenzackige Krone:
»Mein Hort ist reich, mein Heer ist stark: –
Du bist geboren zum Throne.«

Da warf sie zornig das Haupt zurück:
»Doch du nicht, mich zu erreichen!
Ich bleibe mein eigen: das sei mein Glück:
Kein Mann lebt meines Gleichen.

Wie? Tragen sollt' ich des Ehherrn Kuß?
Mich küßt nur der Wind auf der Heiden!
In deinen Armen sollt' ich ein Muß
Und den Zwang des Gebieters leiden?

Ich bleibe mein eigen, ich bleibe Maid!
Nie wird ein Brautschatz gleißen,
Um den ich diesen Gürtel breit
Von Mannsfaust ließe zerreißen.

»Hei da droben in Windsheim,« – lachte sie laut –
»Da soll der Windgott hausen, –
Wenn der mich nicht entführt als Braut« – –
Da erging ein leises Brausen:

Wo der Tarnberg ragt mit dem düstern Gestein
In das Nebelgewölk, in die Himmel hinein,
Dort ist die Hochburg der Winde: –
Ei die Winde, wie weh'n sie geschwinde!

Ergrausend hielt die Jungfrau ein: –
Doch trotzig sprach sie's zu Ende:
»Kann ich des Windes Braut nicht sein, –
Nie trag' ich Frauengebände!«

Und der Dänenkönig stürmte fort,
Sprang scheltend in den Drachen. –
Und es kam die Nacht über Berg und Fjorde –
Schön Gerda wollte lachen: –

Sie wollte lachen über ihr Wort,
Als sie stand vor ihrem Pfühle:
Sie konnte nicht lachen. – Vom Tarnberg dort
Zog's her wie Wetterschwüle.

Sie schloß die Laden von Eichenholz,
Fernher kam Brausen und Brauen:
Vor warf sie den Riegel: – ein Eisenbolz –
Dann schalt sie sich und ihr Grauen!

Sie entflammte den Spahn in dem Eisenring,
Sie entzopfte das Haar, das schwere,
Daß es wogend um Brust ihr und Nacken hing:
Dann starrte sie träumend in's Leere.

»Ja, süß wie der Wind doch Keiner singt,
Wann die Knospen er küßt auf der Heide,
Und Keiner so stark: – daß der Eichbaum springt!
Oft liefen wir weit, wir Beide:

Doch wie mich der Starke so rasch bezwang! –
Weit fährt er über die Erden! –
Was der Alles sieht! – Nichts wehrt ihm lang: –
Muß Alles sein eigen werden.«

Und sie streift herab das Obergewand
Und Gürtel und Strümpf' und Schuhe,
Im weißen Hemd sie sinnend stand
Gelehnt ans die eschene Truhe.

»Ja, der Wind! – Der Wind ist ein himmlisches Kind,
All' Irdisches ist ihm fröhnig.«
Aus blies sie den Spahn: »In das Bett nun geschwind!
Ja, der Wind – so heißt's – ist ein König.

Da glimmt noch ein Funke, ein rother, im Spahn: –
Er wird schon löschen! – Ein König! –
Und wie kann er so stark, so bezwingend umfahn! –
Und ein Sänger! – Ja: silbertönig.

Horch, wie er da singt vor der Halle so stark! –
Und stets wilder werbend er schüttelt
Mir wonniges Graun in das innerste Mark: –
Horch, wie er am Laden nun rüttelt!

Horch auf! Weh mir!« – Und Schlag und Krach! –
Wie sie schämig greift nach den Decken:
Denn vor ihr steht im dunkeln Gemach
Ein Gebild voll herrlicher Schrecken.

Auflodert der Spahn zu düsterer Gluth:
Ein Antlitz, göttergewaltig,
Ein meergrau Auge: – ein Nebelhut
Und ein Mantel dunkelfaltig.

»Du hast mich beschworen, des Windheims Herrn,
Sprich: Willst du die Windsbraut werden?
Ich herrsche vom Morgen zum Abend-Stern
Ueber Himmel hoch und Erden.

Sprich, willst du mit mir in Ewigkeit
Durch die Lüfte jauchzend jagen
Und zu mir empor aus der Männer Streit
Erschlagene Helden tragen?

Doch wenn du dich fürchtest, Jungfrau schön,
Bleib' in der Sterblichen Leben:
Wer da wohnt mit mir und auf meinen Höh'n,
Darf Furcht nicht kennen, noch Beben.«

Und er griff nach ihr mit heißem Begehr
Und er faßte sie ober der Hüfte:
»Des Grau'ns ist viel, doch der Wonne mehr:
Dein bin ich, König der Lüfte!«

Da schlug er den dunklen Mantel breit
Um die Maid gleich Adlerflügeln,
Und er rauschte mit ihr durch die Wolken weit
Nach fernen, goldenen Hügeln.

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