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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 141
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Zum neuen Jahre.

              Und wieder schied ein Jahr! »Die Welt wird alt.« –
So klagte ein traurig Wort, ein Wort des Wahns.
Die Welt bleibt jung! Du hüte nur Dich selbst,
Daß Dir das Herz, erkaltend, alt're nicht.

Die Welt bleibt jung! – Noch scheint so hell, so warm
Wie auf Jung Siegfrieds Goldgelock die Sonne,
Noch reift aus duft'ger Rebenblust so wonnig
Wie für der Hohenstaufen Mund der Wein,
Nicht holder sang als Dir die Nachtigall
Herrn Walther von der Vogelweide vor,
Und schöner schwebte vor Herrn Gottfrieds Augen
Im Rosen-Schapel keine »Herrin« hin,
Als deutscher Frauen Reiz noch heute blüht.

»Was hilft's? – Mir aber fließt das Blut nicht mehr
So heiß, so rasch, wie in der Jugend Tagen.
Wohl wird auch dieser Lenz noch Rosen bringen,
Doch taugt ihr Roth nicht meinem grauen Har.«

Und muß denn grade Dich die Rose schmücken,
Und ziert sie Andrer Locken minder schön?
Frei schenkte Dir – wo war Dein Recht darauf? –
Der Gott des Lebens eine ganze Welt.
Er gönnte Dir des Athems warme Freude:
Hast du den Anspruch, ewig zu genießen?
Willst in dem Wald Du einz'ger Baum allein,
Den künft'gen Raum und Wachsthum hemmend, ragen?
Erröthest Du ob so viel Selbstsucht nicht?
Das wahrhaft Ew'ge ist kein Immerfort,
Ist nicht die Kette endlos vieler Stunden:
Das Ew'ge ist der Kreis, der, in sich selbst
Vollkommen und nothwendig, sich beschließt.
Was einmal Du an Wahrem, Schönem, Gutem
Erkannt, genossen und gehandelt hast,
Bleibt ewig, bleibt unwiderrufbar Dein!
Kein Tod kann tödten, was vollendet war.

Dem Ganzen lebe, dem Du angehörst,
Und ohne das Du nichts und elend bist,
Der Menschheit, Deinem Volk und Deinen Freunden.
Zerbrich der Selbstsucht schnöde Zwingherrschaft,
Begreife das Nothwend'ge und sei frei.
In Demuth beuge Dich dem einzig Ew'gen:
Dem unaussprechlich heiligen Geheimniß,
Das in dem Abgrund der Unendlichkeit
Stets treibt und wirkt, vom dunkelblauen Mantel
Dem Blick mehr zugedeckt als offenbart. –
Hast Du dies Ew'ge frommen Sinns geahnt,
Nie wirst Du um Vergänglichkeit mehr klagen,
Und Friede, heiliger und unentweihter,
Als er in aller Priester Tempel wohnt,
Der Friede der Entsagung wird Dein Herz,
So lang' es pocht, beseligend durchdringen.
– Ja, wahre Seligkeit ist nur der Friede,
Die Harmonie mit Schicksal, Welt und Menschen
Und mit dem eignen gottversöhnten Selbst.

Die Neujahrsglocken dieses jungen Jahr's,
Sie mögen uns mit feierlichem Schall
Solch hehren Frieden künden und bedeuten:
Dann, – sei'n sie auch die letzten, die wir hören,
Dann soll'n sie ewig uns gesegnet sein!

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