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Gedichte

Felix Dahn: Gedichte - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte
authorFelix (und Therese) Dahn
year1892
publisherBreitkopf & Haertel
addressLeipzig
titleGedichte
pagesIII-XII
created20050922
sendergerd.bouillon
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Die erste Harfe.

I.
                      Am Djupafall steht ein Hüttchen klein,
Bedacht mit Binsen und Mose,
Da erwuchs des Fergen Töchterlein,
Die weiße Wasserrose.
Das war ein zartes, ein bleiches Kind
Mit goldenen, goldenen Haren,
Sie mußte für den Vater blind
In der Fähre die Wanderer fahren. –
Einst fuhr sie einen in Mantel und Hut,
Der maß sie mit grübelndem Blicke.
Wie er ausstieg, seufzt' er: »Das junge Blut!
Mich binden der Nornen Geschicke.
Doch rächen kann ich sie. – Nimm das, Kind,
Gieb diesen Ring dem Vater;
Er soll ihn werfen gegen den Wind,
Braucht einst er Helfer und Rather.«
Er verschwand in den Nebel. – Horch! – Hörnerton
Und Rüdengebell aus dem Walde;
Das war jung Thorill, der Königssohn,
Der zog jagend über die Halden
Und als er die kindjunge Maid ersah,
Wegwinkt' er den Jägern allen:
Er sprang in ihr Bot: wie den Beiden da
Die Herzen schlugen mit Wallen!
Sie hauchte: »Gott Baldur aus Asgardhs Höh'n,
Bist du mir niedergestiegen?«
Er staunte: »Nur Meerminnen sind so schön,
Die im Wasser sich wonnig wiegen.«
Dann wurden sie bleich, dann wurden sie rot
Und sahen sich an mit Schweigen;
Das Ruder ruhte, es glitt das Bot
Stromab mit kreiselndem Neigen.
Sie waren so schön, sie waren so jung,
Sie wußten sich nichts zu sagen:
Durch den Abendduft, durch die Dämmerung
Sie ließen sich treibend tragen.
Auf stiegen am Himmel die Sterne klar,
Im Schilficht ein Vogel klagte,
Kaum daß er ihr goldenes, goldenes Har
Mit der Hand zu streicheln wagte.

II.
Und über ein Jahr an das Fergenhaus
In der Nacht schlug ehernes Pochen:
»Der Kuppler heraus, und die Dirne heraus,
Die den Liebeszauber verbrochen!«
Beilhiebe zerspellten die morsche Thür,
Und ein Weib und gewappnete Knechte,
Die zerrten den Greis und Harpa herfür,
Und das Weib hob dräuend die Rechte:
»Der Königstochter von Dänemark
Muß sich mein Sohn vermählen,
Dir aber will ich den Eichensarg
Zum Hochzeitsbette wählen.«
Frau Wulftrud sprach's, die Königin,
Und mit blitzendem Schwertesstreiche
Sie mähte die Wasserrose hin,
Die junge, die zarte, die bleiche.
»Du aber schwöre, blinder Mann, –
Sonst stirbst du – ewiges Schweigen!
Was warf er da Funkelndes himmelan?
Was rauscht' durch die Lüfte so eigen?
Was raunt' in das Ohr ihm ein Schatte da?
's war Nebel! – In's Wasser die Leiche!«
»Ich schwöre, Frau Königin, ich schwöre ja,
Doch, o laßt mir mein Kind, das bleiche,
Nie verräth die blutige That mein Mund,
Doch, o gönnt dem Vater die Todte!« –
»Wohl, die Todten schweigen! – Schön Hiltegunt,
Bald holt dich der Hochzeitsbote.«

III.
In der Königshalle im goldenen Sal
Wird herrlich Hochzeit gehalten:
»Schön Hiltgunt Heil! Heil ihrem Gemahl!«
Wie die Rufe so lärmend schallten!
Doch stumm schaut man den Königssohn,
Den traurigen Bräutigam sitzen:
Er sieht nicht Hiltgunts goldene Kron'
Und verlangende Augen blitzen.
Er blickt wie träumend vor sich hin,
Er hört es wie Stromfluth rauschen:
Schön Hiltgunt und die Königin
Geheime Blicke tauschen.
Da tritt der Burgwart vor sie dar:
»Ich künde seltsame Kunde!
Im Burghof steht ein Bettlerpar,
Vor dem zittern meine Hunde.
Ich weiß nicht, wie sie kamen herein,
Fest ist das Thor geschlossen.
Der Blinde will ein Spielmann sein,
Geführt von grauem Genossen.
Sie haben ein neues Saitenspiel,
Ein niegehörtes, ersonnen,
Sie nennen es Harpa: – ob's Euch gefiel,
Daß sie mehrten des Festes Wonnen?
Sie bitten gar sehr: doch – da sind sie schon
In dem Sal, trotz Wachen und Wehre.« –
Da neigte sich tief vor dem Königssohn
Der Führer mit Mantel und Spere.
Und er gab dem Blinden in die Hand
Ein Gebilde, gar seltsam gebogen:
Von weißem Gebeine gewölbt und gespannt,
Mit goldenen Saiten bezogen.
Und es rührte die Saiten der Blinde leis':
Da begannen sie zaubrische Töne,
Und es lauschte berückt der Hörerkreis
Der noch nie vernommenen Schöne.
Der Blinde schwieg, doch die Harfe begann:
»O wie schmerzt mich, was ich muß schauen!
Sie sagten dir, daß mich im tiefen Tann
Ein wilder Eber zerhauen
Und Hochzeit seh' ich nun, Liebster, dich
Mit der Königstochter halten,
Und sie weiß doch, daß deine Mutter mich
Mit scharfem Schwerte gespalten.«
»Halt ein!« schrie auf die Königin,
»Mir zerschmettern die Töne die Stirne.«
»Ist's Schmerz,« rief Hiltgunt, »ist's Irresinn,
Was mir zucket im Gehirne?«
Doch näher und näher schritt das Par,
Und furchtbar schollen die Klänge:
»Wohl mag sich sträuben, Thorill, dein Har,
Denn was sind Wölbung und Stränge?
Mein Brustbein ist die Wölbung so weiß,
Und die goldenen, goldenen Saiten
Sind meine Hare: einst strichst du sie leis',
Das waren selige Zeiten.«
Auf sprang jung Thorill, das Schwert er zog,
Die eigene Mutter zu schlagen;
Die aber in Wahnsinn kreischend flog,
Wo die Erker der Halle ragen.
Und sie faßte schön Hiltgunt an der Hand,
Und sie sprangen hinunter mit Sausen:
Dumpf schlugen sie auf den felsigen Strand,
Und die Gäste sahen's mit Grausen.
»Nun komme zu mir,« sang die Harfe fort,
»In die schweigenden Dämmerungen,
Geliebter, an ewig stillen Ort:« –
Da ist die Harfe zersprungen.
Und Thorill zugleich das Herz zersprang,
Todt fiel er am Throne zusammen.
Der im Mantel den Speer um das Haupt sich schwang,
Und die Hochburg stand in Flammen.
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